MAN MUSS SICH NUR ENTSCHEIDEN... Teil1 - DIE BINÄRGESELLSCHAFT

Dienstag, 12. Dezember 2017 um 19:06 - futziwolf

von Holger Wilmesmeier 19.08.2006
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23282/1.html

Warum sich Big Brother erübrigt

Als Dr. Joseph Goebbels am 30. Januar 1933 in seinem Tagebuch begeistert die nicht enden wollenden Feiern am Brandenburger Tor als "sinnlosen Taumel" beschreibt, findet er damit nicht nur passende Worte für die damalige siegestrunkene Stimmung, sondern benennt auch ein kalkuliertes strategisches Ziel: eine ganze Nation in ein besinnungsloses (und damit für die Machthaber willfähriges) und gleichzeitig taumelndes (und damit für die Gegner schlecht berechenbares) Monster zu verwandeln. An diesem historischen Punkt der Machtergreifung waren die Aktivitäten der nationalsozialistischen Bewegung bei weitem noch nicht so strikt geplant und durchchoreographiert wie in späteren Zeiten. Man vergleiche nur die von Leni Riefenstahl dokumentierten Reichsparteitage ("Triumph des Glaubens") von 1933 und ("Triumph des Willens") von 1935 miteinander. Hier am Anfang des Dritten Reiches war die Mischung aus authentischem SA-Suppenküchengeruch und spontanen Fackelumzügen einerseits und rigide Verordnetem andererseits noch austariert. Eine damals wie heute für Entscheider durchaus wünschenswerte Scheinausgewogenheit, die ihrerseits eine Politik der totalen Irritation zur Voraussetzung hatte. So erschien der Führer einmal als Schaf, ein anderes Mal als Wolf. An einem Tag küsste er Kinder, am nächsten Tag schob er sie in den Ofen. Die Harmonisierung von Gegensatzpaaren, wie sie in den Parteiwahlsprüchen von Orwells "1984" anklingt, die Vereinbarung von Unvereinbarem, dies sind auch heute noch probate Strategien, um eine ganze Gesellschaft geistig zu fragmentieren und dadurch in ihrer freien Urteilskraft zurückzusetzen.
In einem sinnlosen Taumel geht die Nacht des großen Wunders zu Ende. Goebbels

Pluralismus-Paralyse
Innerhalb heutiger Diskussionen um den Staat der Zukunft nehmen Analysen von immer ausgeklügelteren Überwachungstechnologien einen breiten Raum ein. Aber es sind ganz konventionelle Dinge, die zur Zeit ausschlaggebend sind. Und damit komme ich zu meinen beiden Thesen:
These 1: Vieles ist überwachungstechnisch möglich, aber eigentlich gar nicht notwendig.
These 2: Der weitgehende Verzicht auf Technologie wird durch die Existenz einer Binär-Gesellschaft ermöglicht, deren absurdes Wertesystem aus einer Kette von Pluralität suggerierenden, sich aber in Wirklichkeit gegenseitig annullierenden, Gegensatzpaaren beruht.
Das binäre Paar aus 1 und 0 wird in diesem Zusammenhang nicht als eine Entweder-oder-Schaltung begriffen, sondern ist als Sowohl-als-auch-Kombination gedacht. Um die Binär-Gesellschaft in einem neutralen Schwebezustand zu halten, werden zusätzlich altbewährte Mittel eingesetzt: divide et impera und panem et circenses.

Einige Beispiele zu These 2: Eklatant sind die stark divergierenden Einstellungen zur Sexualmoral in den USA. Während Stars wie Madonna in Text und Bild in den Medien mit softpornografischen Szenarios allgegenwärtig sind, werden von selbsternannten Sittenwächtern Eltern abgemahnt, weil sie ihre dreijährige Tochter nackt am Strand herumlaufen ließen. Ebenfalls frappant ist die Behandlung von Genussmitteln: Alkohol untersteht zeit- und ortsweise der Prohibition oder muss in Papiertüten versteckt werden, wird aber gleichwohl in Unmengen produziert und - u. a. vom eigenen Präsidenten - konsumiert. Ähnlich ist die Situation bei den Rauchwaren. Die Zigarette ist lebensgefährlich, doch wenn man nur eine kleine Notiz diesbezüglich auf der Packung anbringt, geht der Verkauf in Ordnung. Die Wohnung wird immer mehr zum Gläsernen Haus. Große Fenster, durch die man bis ins Schlafzimmer schauen kann, bestimmen die Architektur. Fragt man die Bewohner jedoch nach ihren jährlichen finanziellen Einkünften, dann wird dichtgemacht. Das Handy macht viele zu rhetorischen Exhibitionisten. Dieselben Individuen schaffen es dann aber im Supermarkt nicht, ein kleines, klärendes "Könnten Sie mich bitte durchlassen?" über die Lippen zu bringen.
All diese Phänomene enden in einem schizophrenen Zustand, in dem alle offen und gleichzeitig verkapselt sind, in dem alle recht und gleichzeitig unrecht haben. Dieses ständige 1 und 0, Plus und Minus irritiert und verunsichert die Individuen zunächst. Schließlich verfallen sie in ein heiter geschäftiges Wachkoma, das auf politischer Ebene durch hohe Entscheidungsarmut und konformistische Willfährigkeit geprägt ist.

Jeder sein eigener Blockwart/Terrorist
Seit der Verfolgung der RAF in den 70er Jahren stellte der 11. September 2001 in Sachen Terrorismus-Hysterie in Deutschland einen neuen Höhepunkt dar. Bei der Treibjagd auf die "Drahtzieher" und ihre Helfer wurde modernste Technologie eingesetzt. Ich will auf die entsprechenden Geräte und Methoden nicht weiter eingehen. Schon morgen sind sie vielleicht überholt und veraltet. Wichtiger erscheint mir, dass in den entscheidenden Phasen nach wie vor archaische Dinge wie Gewehre und Gitterkäfige ihren fatalen Dienst tun. Und eine Alcatraz-artige Konstruktion mit natürlichen Wasserbarrieren wird zum Zwischenlager für Terroristen: Guantanamo.
Betrachtet man dagegen die neuesten Fahndungs- und Observierungsmethoden, so stellt allein schon die Auswertung der Unmengen von sekündlich anfallenden Daten ein kaum noch zu bewältigendes Problem dar. Und: Was nützt die perfekteste Videoüberwachung, wenn im entscheidenden Moment doch nicht geholfen werden kann? So geschehen beim Schulmassaker von Columbine.
Eine weitere Schwierigkeit ist die Sicherung der Systeme vor feindlichen Zugriffen. In seinem Roman "Berlin Alexanderplatz" lässt Alfred Döblin einen ehrlichen Obstverkäufer die Worte ausrufen: "Die Banane ist die sauberste Frucht, da sie durch ihre Schale vor Insekten, Würmern sowie Bazillen geschützt ist. Ausgenommen sind solche Insekten, Würmer und Bazillen, die durch die Schale kommen." Fälschungssichere Geldscheine, Pässe und virensichere PCs sind eine Illusion. Ebenso ergeht es den Geheimdiensten und den übrigen Sicherheitsabteilungen der einzelnen Staaten. Es kommt zu einer hypertrophen Aufblähung der Systeme, wie dies bei den Abwehrraketen mit ihren Anti-Anti-Raketen schon seit langem der Fall ist.
Eine althergebrachte Methode ist die Einbindung der Bevölkerung in die laufende Fahndung. Ihre Effizienz in Bezug auf die Ermittlungserfolge ist umstritten. Doch zur Beförderung einer Binär-Gesellschaft erweist sie sich als wirksam, wenn die staatlichen Institutionen bei ihren Kampagnen zur Anleitung der Bürger nur genügend Irritationen einbauen. Im Zuge der Aktivitäten der Terroristenverfolgung nach dem 11. September gaben die Polizeistellen Verhaltensanweisungen an die Bevölkerung. Allen Ernstes wurden folgende sieben Verdachtskriterien in den Medien verbreitet:
1 Herkunft aus einem der verdächtigen arabisch-islamischen Länder
2 Student an einer Technischen Hochschule
3 Stete, pünktliche Bezahlung der Rundfunkgebühren
4 Empfang von Gästen zu später Stunde
5 Schleichen durch das Treppenhaus
6 Parken des PKW um die Ecke
7 Plötzliches, spurloses Verschwinden ohne Vorankündigung

Sieht man einmal von dem ersten Punkt ab, müssen die anderen Kriterien doch einigermaßen befremden. Hier werden mit einem Mal erstrebenswerte, positiv besetzte Aspekte, wie ein Studium zu absolvieren, seine Rechnungen immer pünktlich zu bezahlen und leise, ohne die Mitbewohner zu stören, durchs Treppenhaus zu gehen, zu verdächtigen Handlungen. Ein Studentenleben mit nächtlichen Zusammenkünften in der WG wird zu einer höchst bedenklichen Angelegenheit. Sollten die späten Gäste am Ende laut stampfend durchs Treppenhaus ziehen und das Auto direkt vor dem Haus in der Toreinfahrt parken, um möglichst unverdächtig zu erscheinen? Hier wird nicht nur jeder zum Blockwart, sondern auch gleichzeitig zum potentiellen Terroristen, denn auf wen träfe nicht eins der oben genannten Kriterien wenigstens hin und wieder zu? Im übrigen soll es in der mobilen und durch keinerlei Meldepflicht behinderten US-amerikanischen Gesellschaft täglich vorkommen, dass Menschen plötzlich ohne Vorankündigung in einen anderen Ort weiterziehen.

Nomadisierung-Monadisierung
Im Bereich Arbeit werden sich zukünftig zwei Tendenzen verstärken: Zum einen wird sich Projektarbeit mit ad hoc zusammengesetzten Teams verstärken. Zum anderen, teilweise durch die Projektarbeit bedingt, wird die Mobilität zunehmen. Die Teams bilden innerhalb des Betriebskörpers dezentrale Module, die ihrerseits aus scheinbar gleichberechtigten, menschlichen Monaden bestehen. Das Losungswort lautet nach wie vor "flache Hierarchien", obwohl in Mitarbeiterschulungen gerade auch die Führungsqualitäten der Trainees gefördert werden. Überdies begünstigt die Koexistenz von internen und externen Mitarbeitern innerhalb der Firmen nicht gerade die Herausbildung einer homogenen Belegschaft. Im Gegenteil werden Mitarbeiter und Abteilungen durch unterschiedliche Entlohnung und Rechte bewusst gegeneinander ausgespielt. Da ferner im Bereich der frei ausgehandelten Honorare keine Transparenz besteht, kommt es zu weiteren divide-et-impera-Effekten. Hinzu kommen ausgelagerte Aktivitäten, die ein Auseinanderdriften des Unternehmens befördern.
Vollends grotesk wird die Situation, wenn von Mitarbeitern einerseits Commitment, Loyalität und Identifikation mit der Firma erwartet wird, sie aber andererseits in einem unpersönlichen Großraumbüro sitzen, in dem jeder jeden überwacht und die Herausbildung von menschlichen Beziehungen ständig behindert und unterlaufen wird. Auch hier sind die Methoden archaisch: Ein Mitarbeiter, der am Ende seines Arbeitstages vergessen hat, sein Desk abzuschließen, findet dessen gesamten Inhalt am nächsten Morgen für "Kollegen" gut sichtbar auf seiner Arbeitsfläche aufgehäuft. Das kommt dem mittelalterlichen "Pranger" nahe.
Natürlich hat man in den höheren Etagen, die es auch im hierarchischen Flachland nach wie vor gibt, längst erkannt, dass das Nebeneinander der nur mäßig überzeugenden Vorspiegelung einer harmonischen Betriebsfamilie mit basisdemokratischen Anmutungen und des durch Misstrauen, Überwachung und Entsolidarisierung geprägten Human-Ressources-Managements in seiner jetzigen Form auf die Dauer keine tragfähige Konstruktion ist. Allerdings nicht etwa deshalb, weil sie grundsätzlich falsch wäre, sondern weil sie zur Zeit nicht genügend austariert ist. Die Schrumpfung und Zerlegung der althergebrachten Stammbelegschaften zugunsten von Shareholder Values hat eine kritische Situation hervorgebracht, weil sie mit zu wenig Fingerspitzengefühl vorangetrieben wurde. Nur wenn das angenommene Trugbild einer real existierenden flachen Hierarchie und die tägliche Konfrontation mit einer tatsächlich eher totalitär operierenden Firmenleitung, vom Arbeiternehmer als gleich stark empfunden werden, kommt es zum Neutralisierungseffekt im Sinne der Binärgesellschaft.
So aber hat man die Belegschaften zu sehr zerstückelt und einer übertriebenen Überwachungsmaschinerie ausgesetzt. Vor lauter überängstlicher Kontrolle und übertriebenem divide et impera vergaß man überdies ein genügendes Panem-et-circenses-Angebot. Anstatt den Mitarbeitern wenigstens kleine Spielräume wie das beiläufige, private Surfen im Internet zu gewähren, verbietet man solche harmlosen Pausenzerstreuungen wegen vermeintlicher Effizienzminderung, während die teuren Gedankenspiele der Manager in praktischer Umsetzung ganze Firmen in die Pleite treiben.
Incentives führen nur zu Mitnahmeeffekten und zeitigen keine nachhaltigen Wirkungen. Dass man von schlecht bezahlten, nomadisierenden Monaden auf die Dauer nicht ohne weiteres altruistisches Commitment und intrinsische Motivation erwarten kann, versteht sich eigentlich von selbst.

Talk-Stalk


Die neueren Medien tendieren zur gesprochenen Sprache. Nach einer langen Phase der Verschriftlichung befinden sich postskriptuale Formen der oral tradition im Aufwind. Phänomene wie die steile Karriere des Handys und nicht enden wollender Talkshowproduktionen zeigen, wie sehr sich die Gesellschaft vom geschriebenen Wort wegbewegt. Der Briefträger ist längst zum Werbeträger herabgesunken. Der Textumfang der Email-Anschreiben schrumpft. Im IT-Bereich stecken die Spracherkennungsprogramme noch in den Anfängen. Doch gibt es schon Anwendungen wie etwa die Voice-Security-Card.
Im Sinne von panem et circenses ist die Talkshow ein idealer Spielraum. Von emotionalisierten Schlammschlachten bis hin zu scheindemokratischen Foren findet man außerordentlich Diverses versammelt. Um diesen pseudopluralistischen Playground noch authentischer erscheinen zu lassen, wird oft noch ein Publikum hinzugenommen. Die geladenen, vorsortierten Komparsen mit ihrer Plebiszit-Rolle unterliegen in gut organisierten Shows den üblichen Regieanweisungen. Wenn der Intendant ganz auf Nummer Sicher gehen will, werden die Zuschauer einem Initiationsritus unterzogen. Vom Regisseur seinerseits instruiert, konditioniert ein Warming-Upper das Publikum unmittelbar vor der Show. Stellt allein schon die hohe Frequenz der Sendungen und die inflationäre Zahl der geladenen Talkgäste eine extreme organisatorische Herausforderung an die Macher, so kommt es an den Rändern der Show, besonders bei sensiblen Themen, zu aufschlussreichen, kritischen Situationen.
Immer wieder wallt das Thema "Gewalt an Schulen" in den Medien auf. Schon 1997 befasste sich eine von Arabella Kiesbauers Daily-Talkshows mit dieser Problematik. In der Sendung mit fingierter Live-Atmosphäre kam es zu einer eklatanten Leistungsfunktionsstörung des Publikums, die aus einer Konfrontation mit konträren Elementen resultierte. Der Verbleib dieser denkwürdigen Szene im ausgestrahlten Sendematerial ist wahrscheinlich der knappen Produktionszeit geschuldet.
Ganz egalitär durchschreiten alle Talkshowteilnehmer bei ihrem ersten Erscheinen die gleiche Tür. Doch betreten sie die Bühne nicht irgendwie, sondern bekommen einen echt showmäßigen, starken Auftritt. Bevor sie für die Kamera und das Publikum sichtbar werden, kündigt Arabella sie an. Bei den Schlägern "Lux" und "Wisi" hörte sich das dann so an: "Sie sagen, Prügel austeilen ist geil. Herzlich willkommen!" Normalerweise schreiten die Gäste nach Arabellas marktschreierischer Begrüßung von einem freudigen Tusch begleitet unter rauschendem Beifall eine glitzernde Gala-Silbertreppe herunter. Doch dieses Mal ist das Publikum der durch und durch politisch korrekten Show offensichtlich konsterniert angesichts der divergierenden Aussagen: "böse Schläger" - "herzlich willkommen". Mit einer kurzen Verzögerung kommt es zu peinlichen Reaktionen mit vermischten Beifalls- und Unmutskundgebungen. Wiederum eine in der Binär-Gesellschaft typische temporäre Paralyse-Situation. Interessant, dass sich die Bürger diesen hochgradig schizophrenen Selbstparalyse-Exerzitien freiwillig unterziehen.

Pluto-Demo
Unsere Binär-Gesellschaft hat inzwischen Ausmaße erreicht, die einem politischen Kabarettisten nicht mehr viel zu tun übrig lassen. Der Kleinkünstler steht auf der Bühne und wird beklatscht. Doch im Publikum sitzen eben dieselben Politiker, die er mit scharfen Pointen überzog und klatschen mit. Just another Playground.
Müllskandal in Köln: Alle Parteien von Schwarz bis Grün geschmiert. Korrupte Kanzler: Kohl-Spendenskandal, Schröder-Gazprom-Affaire. Statt blühender Landschaften: Wiedervereinigungs-Kriminalität. Visa-Affäre. Zwischendurch Untersuchungsausschüsse mit Showprozesseinlagen. Am Ende: Keine gravierenden Konsequenzen. Der Wählerauftrag Steuer- und Beitragssenkung wird einfach ignoriert. "Reform" bedeutet Abbau.
Und in der Wirtschaft: Die Geschäfte laufen bombig, doch die Allianz setzt 7.500 Mitarbeiter "frei". Die Politik rührt sich nicht. Stark risikobehaftete Industriezweige der Gen- und Nanotechnologie werden durchgewunken. Angesichts all dieser Fakten sollte es jedem Bürger klar sein, dass dort, wo Demokratie draufsteht, oftmals Plutokratie drinsteckt.
Und die mündigen Bürger stehen auf und versammeln sich in der Bundeshauptstadt Berlin zu Hunderttausenden - auf der Fan-Meile. Another Playground. Wiederum haben wir es mit archaischen, sozialen Phänomenen zu tun. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 gab es einen großen Gewinner, und das war nicht die deutsche Elf, sondern die Fahnenindustrie. Seit dem III. Reich gab es nicht mehr einen solchen Absatz der deutschen Nationalflagge. Fahne hissen, Fahne schwenken, singen, hupen, brüllen. Darin ergingen sich etliche Deutsche für einen Monat. Von den Politikern wurden sie für ihren unverkrampft fröhlichen Nationalismus, unter gleichzeitiger Beachtung der Weltoffenheit, gelobt.
Schon im Vorfeld der Weltmeisterschaft tauchten in den Medien Begriffe wie Fußballhasser auf. Einige mutige gastronomische Betriebe wagten es tatsächlich, auf ihren Menütafeln den kleinen Zusatz "WM-freie Zone" hinzuzufügen, jedoch ohne größere Resonanz. Noch staunte man, wie viele beflaggte Wohnungen und Fahrzeuge es plötzlich gab. Aber schon begannen die ersten Fans danach zu schauen, wer nicht geflaggt hatte, oder wenn doch, welche Fahne.

Trotz des Großbildschirms vor Ort und trotz des bequemeren Fernsehsessels in den eigenen vier Wänden zogen unzählige Deutsche es vor, eingequetscht in der Menge auf der Fanmeile zu stehen. Es besteht ein Bedarf an realen sozialen Begegnungen und Gemeinschaftserlebnissen auf niedrigstem Nenner. Auch hier Schizophrenie: Die deutsche Mannschaft erzielt den dritten Platz, und die Fans feiern mit großem Tamtam, als wäre die Weltmeisterschaft errungen worden. Und von hier ist es nur ein kleiner Schritt zu Goebbels` "sinnlosem Taumel". Die Massen bekommen etwas Input, ein wenig wird gesteuert, alles Lowtech. Hochtechnifizierte Kontrolle und Überwachung sind gar nicht notwendig. Die menschlichen Monaden kontrollieren sich gegenseitig. Die paar Studenten, die einige Straßen weiter gegen die Studiengebühren demonstrieren, kann man bequem nach altbewährter Methode niederknüppeln und in Sicherheitsgewahrsam nehmen. Auch wieder ganz archaisch. Big Brother geht derweil in Frührente.
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