Short Stories von Rüdiger Saß: Die 25.

Freitag, 7. Mai 2010 um 17:03 - futziwolf
 „Ich bin durchaus nicht zynisch, ich habe nur meine Erfahrungen, was allerdings ungefähr auf dasselbe hinauskommt.“ 
 „Die Erfahrung hat keinerlei ethischen Wert. Sie ist nur ein Name, den die Menschen ihren Irrtümern verleihen.“
 „Wenn man die Wahrheit sagt, kann man sicher sein, früher oder später ertappt zu werden.“ 
>>> Oscar Wilde

Ohrenstöpsel

von Rüdiger Saß


Ohrenstöpsel jagen mich zur Tür hinaus, aufgebrachte Ohrenstöpsel und kritische Klobürsten. Und Eidechsen. Sie klettern die Wände entlang, Ohrenstöpsel, Klobürsten und Eidechsen, vorsichtige, jeden Schritt abwägende Tiere. Sie sagen, sie hätten genug von mir, sie sagen es und haben Recht. Selbst mir sind meine jämmerliche Wirklichkeit, meine Halbwahrheiten und meine Langeweile zuviel. Aber egal. Schon bin ich raus aus dem Haus, schon stehe ich in der Brandung eines Wochentages, schon wiege ich mich zum Rhythmus einer Straße, einer pulsierenden Hauptverkehrsader. Der Lärm, der Straßenlärm, der mich umringt, und der mich einmal umbringt, spielt mit meinen Nerven. Gefühle kauern in allen Ecken, doch manche von ihnen wagen sich aus ihren Verstecken. Sie erinnern an kleine Kinder, erste, wackelige Gehversuche wagend, nicht nach rechts, nicht nach links blickend, und von Lastern überrollt, sobald sie die Straße betreten. Zurück bleibt einzig eine betrunkene Nüchternheit, sich auf den Fassaden der Häuser und Passanten spiegelnd, so fade wie die Wassersuppe eines Hungerkünstlers oder wie Ohrenstöpsel oder kritische Klobürsten.

Ich habe nichts zu verbergen. Trotzdem liegt eine zentnerschwere Last auf mir: die Schuld dazusein, ohne Grund, ohne Rechtfertigung, ohne Daseinsberechtigung. „Sie wiederholen sich!“ stichelt mein Gewissen, meine Langweile, beide große Schreihälse. Muß ich betonen, daß sie Ohrenstöpseln gleichen, Ohrenstöpseln oder Klobürsten, kritischen Klobürsten? Nein? Ich tue es trotzdem. Habe sonst nichts zu tun, habe keine Aufgabe, keine Lebensaufgabe, an der ich mich abarbeiten und vergessen kann, ich habe keinen anderen Grund als einfach nur dazusein, ohne Rechtfertigung, ohne Daseinsberechtigung. So jedenfalls das Urteil meines Arbeitslosenaufsehers, eines grimmigen Gesellen, eines zähnefletschenden Kampfhundes.

Wo bin ich? fragte ich mich, fragte ich die Dunkelheit, die Nacht, die genauso plötzlich da war wie ein Tripper. Ich fragte in die Finsternis hinein, ins Schwarzblaue, ich fragte das Nichts unter einer traurigen Laterne, die zusammen mit dem Regen ihre Einsamkeit beweinte. Doch das Nichts antwortete nicht, es blieb sich treu, ungreifbar, unangreifbar. Es blieb mir jede Antwort schuldig, ich wiederhole jede. Nur der Regen war Zeuge, der Regen, die traurige Laterne und ein Stadtplan, den ich aus dem Ärmel schüttelte.

Der Stadtplan, ein elender Schwätzer, machte mir klar, daß ich auf dem Holzweg war. Ich hatte mich, so schien es mir, zu weit hinaus gewagt, zu weit von Zuhause, auf offenes, unbekanntes Gelände. Ich hatte mich wie im Traum, wie in Trance immer weiter vom Leben, von mir und den Menschen entfernt. Und so stand ich da, weil ich nicht anders konnte, frierend und zitternd, aber nicht vor Kälte, sondern vor einer dunklen, drohenden Gefahr. Ich fühlte mich beobachtet, von allen Seiten, ich witterte Feinde in der Finsternis. Und plötzlich stand er da, plötzlich stand er vor mir, aus dem Nichts, aus der Dunkelheit heraus, auftauchend wie ein Wal aus dem Wasser, plötzlich stand ich mir selbst gegenüber und stach mit Fragen auf mich ein, Fragen scharf wie Metzgermesser. „Wovor fürchtest du dich, wovor hast du Angst?“ Für Menschen meines Alters, sagte mein Ebenbild, gebe es keinen Grund zur Furcht, ein Alter, dem der Tod längst Freund und Vertrauter sein sollte. „Oder hast du etwa Angst vor mir?“ lachte mein Gegenüber und schüttelte ein Messer aus dem Ärmel, ein Metzgermesser, lang und scharf und schreiend, ein Messer, das wie sein Herr im Licht der traurigen Laterne lachte.



Ich wich zurück, ich wich vor mir selbst zurück, erst einen Schritt, dann noch einen und noch einen, schon war ich halb im Dunkeln, halb im Lichtkegel der Laterne, aber mein Spiegelbild sagte, daß die Flucht, mein einziger Ausweg, zu Ende sei, eine Sackgasse, ein Holzweg, wie mir der Stadtplan schon verraten hatte. Jetzt heiße es, Mut zu beweisen, endlich einmal, zum ersten Mal im Leben, nach Jahrzehnten der Feigheit, der Hetze, der Vorwürfe eines schlechten, stinkenden Gewissens. Ich wußte weder ein noch aus. Sollte ich hinaus, in die Finsternis, in die Ungewißheit, sollte ich dorthin, wo ich herkam, wo ich seit jeher umherirrte, blind und ängstlich und aggressiv? Oder sollte ich mich stellen, mir, meinem Ebenbild mit seinem bösen Lachen und seinem langen, blutgierigen Messer? Was wäre schmerzhafter? Ich fühlte mich wie ein Verurteilter, welcher wählen durfte, auf welche Weise er sterben solle. Und zum ersten Mal in meinem Leben spürte ich so etwas, was man Ruhe nennt, ich spürte eine Hand auf meiner Schulter, die Hand einer alten Frau, als ich mich umschaute, eine Frau, die mich schubste, zurück in den Lichtschein der traurigen Laterne, zurück zu mir, zu meinem Herausforderer. Dieser kam mir – bei näherem Hinsehen – so fremd, so fad, so uninteressant wie nur irgend jemand vor, häßlich sogar, dumm, eitel, eingebildet. Das konnte unmöglich ich selbst sein: jemand, der anderen Angst einjagt und sich daran weidet, ich, ein Messer- und Maulheld? „Warum nicht“, entgegnete mein Gegenüber, der meine Gedanken zu erraten schien. „Warum nicht auch du, du Memme, ein einfacher Gaskammerscherge? Da helfen weder Erziehung noch gute Vorsätze. Gelegenheit macht Mörder“, lachte er, und stach zu. Und der Regen und die Laterne weinten dazu.



Hier noch Mal die Empfehlung für den Roman Neues von der Heimatfront,
des beliebtesten und fleißigsten Autors im aponaut:

Rüdiger Saß
NEUES VON DER HEIMATFRONT

Bench Press Publishing 2008
ISBN 13-978-3-933649-25-6
http://www.myspace.com/benchpressverlag



http://www.bundschuhfanzine.de/aponaut/data/gallery/reviews_9/coverheimatfront.jpg

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