Baudrillard - Ein Nachruf

Freitag, 28. Mai 2010 um 10:36 - futziwolf

„Ende der Aufklärung“
Zum Tode des französischen Philosophen Jean Baudrillard. Von Eren Güvercin



Der Denker Jean Baudrillard wurde am 20. Juli 1929 in Reims geboren.
Er studierte zuerst Germanistik und arbeitete einige Jahre als Deutschlehrer
und Übersetzer, studierte dann Soziologie und Philosophie an der Universität
Paris-Nanterre und machte seinen Doktor bei Henri Lefebvre.

Samuel Strehle bezeichnete in seinem Nachruf Baudrillard als einen
der umstrittenen, aber auch einen der großen Denker der Gegenwart. Seine
Werke stellten wichtige Beiträge zu einer philosophischen Medientheorie
dar, die von Naturwissenschaftlern oft als „Unsinn“ und „Kauderwelsch“
geächtet sei. Dem amerikanischen Physiker Alan Sokal etwa galt er als
einer jener speziellen „french intellectuals“, die angeblich außer
heißer Luft und gehörig viel Metaphernstaub nicht viel bewegen. Er war
im Grunde einer der letzten klassischen und zugleich denkbar
unklassischen Philosophen.

In seinen Anfangsjahren suchte er als „Sherlock Holmes in den
Supermärkten der blühenden Konsumgesellschaft“ (NZZ) nach „der
verborgenen Ideologie hinter den alltäglichen Dingen“ (Samuel Strehle),
mit denen wir uns im Konsumkapitalismus Tag für Tag umgeben.

In seinem ersten Werk „Das System der Dinge“ analysiert Baudrillard
das Verhältnis zwischen dem Menschen und den Gegenständen des Alltags
und die symbolische Funktion dieser Dinge. 1976 erschien sein Hauptwerk
„Der symbolische Tausch und der Tod“, in dem Baudrillard „den Tod der
Realität und die Herrschaft der Simulation“ diagnostiziert. Samuel
Strehle fasst die zentrale These dieses Werkes mit dem Schlagwort der
„Referenzlosigkeit der Zeichen“ zusammen. „Geld und Kapital als
verselbständigte Zeichensysteme, Konsumgüter als Zeichen, mit denen man
sich zum Statuserwerb schmückt, aber auch und vor allem die Bilder der
Massenmedien: Die Zeichen bilden nicht mehr eine tieferliegende Realität
ab, sondern haben sie geradezu ersetzt. Die Medien, so Baudrillard,
führen eine ‘Rede ohne Antwort’, einen Monolog der Macht, der den
Rezipienten jede Möglichkeit des eigenen Handelns und der eigenen
Stellungnahme verweigert angesichts des Sperrfeuers der Informationen,
mit den sie zugeschüttet werden.“1

Das Leben auf dem Bildschirm sei das Vorbild für das gelebte Leben,
und die Unterscheidung sei nicht mehr möglich. „Auflösung des Fernsehens
im Leben, Auflösung des Lebens im Fernsehen – eine nicht mehr zu
unterscheidende, chemische Lösung“, schreibt Baudrillard in „Die
Präzision der Simulakra“. Was man früher Wirklichkeit nannte, sei für
ihn nun im Schein der allmächtigen und allherrschenden Medien
verschwunden.

Wie einst Nietzsche, habe auch Baudrillard im Nihilismus die
treffende Formel der Gegenwart erblickt. Dennoch war er kein Zyniker
und noch weniger Nihilist, sondern begriff den Nihilismus, wie bereits
Nietzsche, als unser „Verhängis“. In der Abhandlung „Das perfekte
Verbrechen“ schreibt Baudrillard, dass vom Standpunkt unseres
Wissensapparates aus die Feststellung niederschmetternd erscheinen mag,
„doch vom Standpunkt der Singularität, der Alterität, des Geheimnisses
liegt darin im Gegenteil unsere einzige Chance“. An dieser Stelle
verweist Baudrillard auf Hölderlins Formel: „Wo aber Gefahr ist, wächst
das Rettende auch“. Die Gefahr liege heute in der Positivität, im
bedingungslosen Heil durch die Technik. „Doch gewiss steht dem etwas
Unüberwindliches entgegen, und wir müssen als Anklang an den Satz von
Hölderlin jenen zutiefst geheimnisvollen von Heidegger anführen:
„Blicken wir in das zweideutige Wesen der Technik, dann erblicken wir
die Konstellation, den Sternengang des Geheimnisses.“ Durch diese Formel
schimmere die Hypothese einer übermächtigen Reversibilität, die sich
letztendlich gegen den unerbittlichen Prozess der Desillusionierung
durchsetzen würde. Am äußersten Horizont der technischen Entwicklung
gebe es etwas anderes, „das Auftauchen einer anderen Spielregel“.
„Letztlich ist die Technik vielleicht nur ein riesiger Umweg, der uns
zur radikalen Illusion der Welt zurückführt – ein riesiger Umweg, an
dessen Ende irgendein Ereignis möglich bleibt, doch davon wissen wir
nichts“, so Baudrillard.

Für heftige Reaktionen sorgten Baudrillards Äußerungen zu den
Terroranschlägen vom 11. September. Er verstand diese als „Wink der
Geschichte“, als Wiederkehr des Realen im Herzen des westlichen Scheins
und als blutige Antwort auf den „terreur“ der entleerten Freiheit. Für
Baudrillard war dieses „absolute Ereignis“ die „Revolte der Anti-Körper“
und damit ein Phänomen des globalisierten Westens, der sich Amerika und
seiner Lebensform unterworfen hat und seinen Selbsthass, seine Hochmut
und sein „Wissen“ ausbreitet bis in den letzten Winkel der Erde. Nach
Baudrillard implodiere die „fundamentalistische Religion“ in der
erbärmlichen Leere einer Zivilisation, die ihre heiligsten Werte
geopfert habe und zu nichts anderem mehr in der Lage sei als zur
Abtötung der Zeit, zur Spiritualität des Konsums und zur
fetischistischen Anbetung von Wachstum und Waren.

In einem Artikel für die Frankfurter Rundschau mit dem Titel „Die
Globalisierung hat noch nicht gewonnen“ (2002) schreibt Baudrillard,
dass der Terrorismus offensichtlich keine ideologische und politische
Alternative enthalte. „Der Terrorismus hat kein Ziel und lässt sich
nicht an seinen realen Folgen messen.“ Vielmehr riskiere er, durch
zusätzliche Unordnung die Ordnung und Kontrolle des Staates zu
verstärken, wie man es heutzutage überall in der Einführung neuer
Sicherheitsmaßnahmen erkennen könne.

In diesem Artikel fragt Baudrillard nach der heimlichen Botschaft der
Terroristen, und als Antwort führt er eine Erzählung Nasreddins
Hodschas an. Täglich sieht man Nasreddin mit schwer beladenen Maultieren
die Grenze überqueren. Jedesmal werden die Säcke durchsucht, aber man
findet nichts. Und Nasreddin überquert immer wieder mit seinen
Maultieren die Grenze. Lange danach wird er gefragt, was er denn
geschmuggelt habe. Und Nasreddin antwortet: Maultiere! Baudrillard
folgert daraus, dass man allerhand Interpretationen für den
terroristischen Akt aufbieten werde, in Begriffen der Religion, des
Martyriums, der Rache oder politischen Strategie. Die geheime Botschaft
sei aber ganz einfach der Selbstmord, die „Herausforderung an das System
durch die symbolische Gabe des Todes“. Aufgrund seiner Äußerungen kam
es zu zahlreichen Anfeindungen. Baudrillard stellte aber klar, dass er
nichts verherrlicht, niemanden angeklagt und nichts gerechtfertigt habe.
„Man darf den Botschafter nicht mit seiner Kunde verwechseln. Ich
bemühe mich, einen Prozess zu analysieren: den der Globalisierung, die
durch ihre schrankenlose Ausdehnung die Bedingungen für ihre eigene
Zerstörung schafft.“ Bernard-Henri Lèvy hielt Baudrillard vor, dass die
USA schließlich eine barbarische Unterdrückung beendet und dem
afghanischen Volk Frieden gegeben habe. Baudrillard lehnte im „Spiegel“
diesen „Triumphalismus eines Lèvy“ ab und entgegnete ihm: „Er bringt ein
Hoch auf die B-52-Bomber aus, als wären diese Instrumente des
Weltgeistes.“

In diesem „Spiegel“-Interview erläutert er seine Analyse noch einmal
wie folgt: „Das System selbst in seinem totalen Anspruch hat die
objektiven Bedingungen dieses furchtbaren Gegenschlags geschaffen. Der
immanente Irrsinn der Globalisierung bringt Wahnsinnige hervor, so wie
eine unausgeglichene Gesellschaft Delinquenten und Psychopathen erzeugt.
In Wahrheit sind diese aber nur die Symptome des Übels.“

Die utopische Sicht, dass Globalisierung doch Freiheit, Wohlstand und
Glück verheiße, sei gewissermaßen die Reklame. Die Globalisierung
beruhe, wie früher der Kolonialismus, auf einer ungeheuren Gewalt. Sie
schaffe mehr Opfer als Nutznießer, so Baudrillard. „Die Globalisierung
wird angepriesen wie der Endpunkt der Aufklärung, die Auflösung aller
Widersprüche. In Wirklichkeit verwandelt sie alles in einen
verhandelbaren, bezahlbaren Tauschwert. Dieser Prozess ist extrem
gewaltsam, denn er zielt auf eine Vereinheitlichung als Idealzustand ab,
in dem alles Einzigartige, jede Singularität, mithin jede andere Kultur
und letztendlich jeder nichtmonetäre Wert aufgehoben würden.“

Baudrillard geht weiter und sagt, dass die Globalisierung vorgebe,
die Menschen zu befreien, dabei dereguliere sie nur: „Die Abschaffung
aller Regeln, genauer: die Reduzierung aller Regeln auf das Gesetz des
Marktes ist das Gegenteil von Freiheit – nämlich deren Illusion. So
altmodische Werte wie Würde, Ehre, Herausforderung, Opfer zählen darin
nicht mehr.“ Die Menschenrechte sind nach Baudrillard in diesen
Globalisierungsprozess integriert und funktionieren als Alibi, als
Werbung. Es sei paradox, dass die westliche Politik heute die
Menschenrechte als Waffe gegen Andersartige benutze. Die Demokratie
werde mit Drohung und Erpressung durchgesetzt, womit sie sich selbst
sabotiere. Sie stelle keine autonome Entscheidung für die Freiheit mehr
dar, sondern werde zum globalen Imperativ. In einem seiner letzten
Interviews, die er für eine spanische Zeitschrift gab, äußerte sich
Baudrillard auch über die Bedeutung des Islam in unserer Zeit: „Die
ganze Welt, China und Japan eingeschlossen, wird in die postmoderne
Zersplitterung und Entwurzelung hineingezogen, die die Werte hinter sich
lässt. Es gibt eine Ausnahme: den Islam. Er allein fordert die radikale
Gleichgültigkeit, die die Welt durchfegt, heraus.“

Am 6. März 2007 ist Jean Baudrillard im Alter von 77 Jahren in Paris gestorben.

1 Samuel Strehle, Jenseits des Realitätsprinzips, 07. März 2007, zu finden auf www.sicetnon.org

http://de.wikipedia.org/wiki/Jean_Baudrillard


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