Short Stories von Rüdiger Saß: Die 26.

Dienstag, 27. Juli 2010 um 23:33 - futziwolf


Dieser Tag ist erst zu Ende, wenn ich tot bin

Dieser Tag ist erst zu Ende, wenn ich tot bin, dieser Tag gehört mir. Mein Ich - erleichtert - wie nach der Morgentoilette. Kein Amt, keine Arbeit, keine Frau hält mich auf. Keine Routine, keine schönen Augen, die mir die Worte auffressen, Bilder, die nicht wissen, daß sie welche sind. Ein Brief träumt in meiner Hand, ein Lebenszeichen von der Frau mit dem freien Schritt. Sie fühlt sich gern ausgenutzt und nutzt dabei gern andere aus, ohne es zu merken. Nur sie stört den Himmel über mir, sie und der Regen, des Todes roter Teppich. Trieftrauer, zurück nach Hause, zurück ins Graushaus, in meinen Stinkwinkel. Folgt mir, ich komme nach!

Ich fresse eure Steuern auf, ich fresse und saufe euch die Haare vom Kopf, ich, der Schmarotzmeister, der Schmarotzherr. Ich küsse leere Flaschen und stelle sie zu den andern, zu einer Leergutarmee ohne Ordnung, ohne Disziplin.
Gut, daß die Hocker noch auf dem Tresen standen und der Bartender in die Küche mußte, sonst wäre der Abend sehr versoffen verlaufen. Es ist Samstag. Samstags spielt der männliche Teil der Nation Fußball, oder er schaut ihn sich im Fernsehen an. Die Frauen strömen ins Kramhaus, sie zieht es unter lachende Lampen, zwischen Himmelhochregale, oder sie fressen sich Sicherheitszonen an, Knautschzonen. Sie kommen, um zu gucken und zu kaufen, sie kommen aus Neugier und Langeweile. Sie kommen und kommen nicht: Vorzimmerzombies mit Kegelkörpern, mit Schmiermäulern, ins neue Jahr hineinkackend, Blasenblasse, die sich in Wimpernschlagseile in ihre Traumwagenburgen flüchten, auf Angstschwingen auf und davon flatternd, sobald sie Wahrheit und Wirklichkeit wittern. Vergangenheitsversessen wie sie sind, legen sie sich auf eine Tablette und schlucken sich selbst. Und verschlucken sich. Aber das nur nebenbei, denn was liegt an ihnen, was bedeuten schon Menschen wie du und ich, was bedeuten Menschenleben wie deines oder meines? Nichts weniger als nichts! Wiederholungslektüre, im besten Fall, und Selbstbeleidigung, wenn man sich und den Rest der Welt und des Lebens zu ernst nimmt. Also Schluß damit, aus und Schluß und zu etwas völlig anderem, sonst droht die Todesstrafe des lebendig Gegessenwerdens.

Bombenwerfen ist wieder Mode, Morden im Namen der Menschlichkeit. Wissensschwafler machen Blutbrausen schmackhaft, mit Eselszungen, mit der Lust der Vernunft: Fadenscheinschleim in Zeitungen, im Fernsehen, im Parlament, Fadenscheinschleim und sprechende Feuer für den Sieg. Und das Tag und Nacht, jahrein, jahraus Kakerlakenkacker mit Meinungshoheit, Granitgemüter und Kartoffelköpfe, die sich und aller Welt Sand in die Augen streuen. Wie sagten David Kalisch und Ernst Dohm einst: „Wo das Recht zum Spott, da wird der Spott zum Recht.“ Was bleibt mir anderes übrig? Würde ich mich über alles aufregen, was mich stört, dann hätten mich längst Krankheiten gepackt und aufgefressen. Sarkasmus und Ironie, die Lebenselixiere der Armen!!

Da bin ich, bin ich wieder, wieder einmal, immer noch. Und ich blicke in die Welt hinein, wieder einmal, immer wieder, immer noch. Ich sehe Fernes, vor langer Zeit Erlebtes, Abgestorbenes. Ich sehe Landschaften, Städte und Dörfer, die ich seit Jahren, seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen habe, ich sehe Menschen und Situationen, längst vergessene, verschwundene, die so plötzlich im Gedächtnis stehen wie Einbrecher, wie Regen im April. Und dann tauchen jene Frauen auf, die ich geliebt habe, vor Jahren, vor Jahrzehnten, ich sehe sie flüchtig, fliehend, wie ein verwischtverwaschenes Schwarzweißphoto, jung, wie damals, wie vor Jahren, vor Jahrzehnten, von aller Zeit und Zeitenwenden verschont. Ich erinnere mich verwischtverwaschener Gesichter und an ein, zwei Momente, in Landschaften, in Städten und Dörfern. Und schon sind sie wieder weg, wie Einbrecher oder Regen im April, fliehend, flüchtig, schwindend.

Sich in den Nachmittag hineinschrauben, hineinbiegen, hinter Bartbergen, hinter Popelbartbergen verborgen, Schlappsinn im Kopftopf, Fragehennen in der Schädelschale umrührend, solange, bis die Höhenzüge der Zukunft in einem milderen Licht erscheinen.

Begegnen sich zwei im Spiegel, sagt der eine: „Sag den Säcken, daß sie welche sind, diesen Spiegelgestalten, die den Zeitgeist verkörpern, diesen Ahnungslosen, die ihre Ahnungslosigkeit für Lebensweisheit verkaufen. Applaus! Da kommen sie, die Hofnarren mit ihren neuen Kleidern, Flammenwortwerfer unter reichlichem Worthülsenverschleiß, von einer Termintretmine zur anderen geschleudert. Und das Leben läuft nebenher, flüchtig wie der Schall. Das Leben läuft weiter, und sie laufen ihm hinterher. So ist das in der Leistungswahngesellschaft. Sie sind nicht die Hellsten, sie meiden das Licht. Und auf ihren Gräbern steht schon zu Lebzeiten: „Könnt ihr noch?“


consumo ergo sum - Silvio Gesell - Begründer der Freiwirtschaftslehre.



Der Gefangene

Es war, wie es immer war: Er hatte verschlafen, er hatte den Weckruf seines Weckers nicht gehört, dieses verhaßten Helfers seines Chefs, dieses Kainsmal seiner Unfähigkeit, die gewohnten Lebensgleise eines Bürgers, eines Angestellten zu verlassen. Es war, wie es immer war: Er schnellte aus dem Bett und zog sich an, wie ein Soldat, wie ein Feuerwehrmann bei Alarm. Dann stürzten er und die vergangene Nacht, ein Bienenkorb voller Träume, zuerst ins Bad, dann in die Küche. Der Wecker war unterdessen nicht stehengeblieben, er hatte jede Minute, jede Sekunde genau gezählt, wie die Erbsen eines Erbsenzählers. Und nun hielt er ihm die Zeit vor Augen und befahl, auf das Frühstück, auf Brot und Kaffee zu verzichten. Und er, hungrig und durstig wie er war, gehorchte. Er war kein Übermensch, er war nur ein Bürger, einer, der die Gleise seines Lebens nicht verlassen konnte.

An der Wohnungstür aber passierte es: Die Tür ließ sich nicht öffnen. Er drehte den Schlüssel einmal, zweimal herum, der Riegel zog sich mit Krach, mit Getöse zurück, doch die Tür blieb fest verschlossen, sie gab keinen Spalt weit nach. Er drehte den Schlüssel weiter, immer weiter, dreimal, viermal, fünfmal, doch die Tür blieb hart und unbeweglich wie eine Wand. Er schwitzte, Hände und Gedanken zitterten. Er drehte den Schlüssel im Schloß herum, er hörte, wie sich der Riegel krachend und tosend zurückzog, und dennoch ließ sich die Tür nicht öffnen. Sie gab nicht nach, sie widersetzte sich seinem Willen, seiner Gewalt.

Hilfe mußte her, denn er mußte unbedingt zur Arbeit, zu seinem Chef, er durfte nicht noch einmal zu spät kommen, wenn er seine Arbeit, seinen Chef nicht verlieren wollte. Er brauchte Hilfe, von einem Fachmann, er brauchte jemanden, der sich mit widerspenstigen Türen auskannte, der ihren Willen zu brechen verstand. Im Telephonbuch boten sich die Fachmänner wie zweifelhafte Frauenzimmer an, da tummelten sich die Namen von Schlossern und ihre Telephonnummern. Doch das half ihm letzten Endes nicht, all die Schlosser, die ihre Dienste anboten, konnten ihm nicht helfen, denn sein Telephon war tot, kein Freizeichen, kein Rauschen, nichts. Eine jähe Angst überfiel ihn. Sie sprang wie eine große, fette Spinne auf sein Herz und klemmte es wie in einem Schraubstock ein. Die Spinne stopfte Watte in seine Luftröhre, in seine Lungen, so daß er zu ersticken glaubte, und sie stieß ihn in die Kälte, in ewiges Eis, so daß er zitterte und bibberte. Die Spinne wuchs und wuchs, sie wuchs über sich und ihn hinaus, bis sie alles überragte, bis sie alles andere unter sich begrub. Dann hetzte sie ihn, sie trieb ihn vor sich her, von Zimmer zu Zimmer, sie zwang ihn zum Fenster, um es aufzureißen und um Hilfe zu rufen, um zu schreien wie ein Wahnsinniger. Doch auch das Fenster, das eine wie das andere, ließ sich nicht öffnen, es gab wie die Wohnungstür um keinen Millimeter nach, weder auf Bitten, auf Flehen noch auf Gewalt. Auch die Fensterscheiben gaben sich nicht geschlagen, obwohl sie sich einem Hagel von Hammerschlägen ausgesetzt sahen. Die Leute auf der Straße nahmen ihn nicht wahr, weder das Hämmern gegen die Fenster, noch seine Hilferufe oder sein Winken. Mancher Passant blickte zwar zu ihm hinauf, mancher verlangsamte seinen Schritt oder blieb sogar stehen, dann aber schüttelte er seinen Kopf, zeigte ihm einen Vogel und ging weiter. Auch die Nachbarn nahmen keine Notiz von ihm, selbst die Empfindlichen, die Hellhörigen und Nervösen nicht, die schon das leiseste Geräusch in ihrer Ruhe störte. Ihre Aufmerksamkeit erwachte erst mit dem Gestank, der sich im Hausflur auszubreiten begann. Sie beschwerten sich über den Pesthauch, der die Kehle zuschnüre, der zum Erbrechen reize, sie beschwerten sich beim Hausmeister, beim Vermieter. Als diese in seine Wohnung eindrangen, fanden sie ihn im Bett. Sie fanden eine zum Skelett abgemagerte Leiche, der sich die Qualen des Hungers ins Gesicht gefressen hatten, sie fanden die Reste eines Vergessenen, die sich zu mumifizieren begannen. Sonst fanden sie nichts.



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