Short Stories von Rüdiger Saß: Die 27.

Mittwoch, 10. November 2010 um 17:02 - futziwolf


Na, wie war ich? fragt si
ch
der Wichser

Ich lebe in den Herbst hinein, leben im Park: Wo ist all das Volk, das sich hier am Wochenende gegenseitig auf die Füße tritt? Und wo sind die gewohnheitsmäßigen Müßiggänger, die Tagediebe? Alle Welt schreitet fort, zu Lande, zu Wasser und in der Luft, alle Welt arbeitet, schuftet und strebt: in Schulen, in Büros und Fabriken, in den Dressuranstalten der Zivilisation.

Darmgedanken, Peinlichkeitsvakuen stopfend, zwischen mir und dem Grabnahen, dem Stülpnäsigen neben mir auf meiner Bank, auf meiner! Wenn ich doch nur einmal den Mut hätte, nur einmal meinen Gedanken Ausdruck zu geben, meinem Hass, meiner Aggression! Aber nein, ich schäme mich, zuerst meiner Darmgedanken, dann meines Hasses, meiner Aggression. Und dann schäme ich mich meiner Scham, und so weiter. Immer im Kreis: meine Gedanken, meine Gefühle, das Leben und ich. Sekunden und Minuten, zu Wochen und Monaten gedehnt, Ewigkeiten, die durchs Feuer gehen, durchs Fegefeuer!

Und während jenseits des Parks Menschen und Autos ihre Kreise ziehen, gießt der Grabnahe, der Stülpnäsige die bunten Farben seines Verstandes über mich aus. Er sagt, der Briefmarkenautomat habe heute schlechte Laune und Hämorrhoiden seien für den Arsch. Doch ehe ich darauf eingehen kann, ehe ich seine Wortwurst schlucken und verdauen kann, fallen etwa hundert, zweihundert Mückenkopfmänner, aus heiterem Himmel, taubenblau uniformierte Mückenkopfmänner an Fallschirmen, mit Brülltrompeten bewaffnet. Leichenbleiche Schrecksekunden folgen ihnen, gedehnter, ausgedehnter Unverstand, Fragen auf Silberwellen. Kaum gelandet, kommen sie auf uns zu, einige Mückenkopfmänner stoßen in ihre Brülltrompeten, die andern kommen auf uns zu, auf mich und den Grabnahen, den Stülpnäsigen. Sie rufen „Lustpolizei“ und ziehen eine Verdachtsschlinge um den Hals meines Banknachbarn zu. Anschuldigungen werden laut, Ungeheuerliches, Unerhörtes: „Stechspielträume süßen seinen Schlaf“, höre ich, „Vulkanfieber“ und „lebenslänglich im Klosterkerker“. Dann nehmen sie ihn in ihre Mitte, sie haken sich bei ihm wie Schwiegermütter ein, stoßen in ihre Brülltrompeten und gehen zurück zu ihren Fallschirmen. Und ich, ich folge ihnen: im Namen der Wahrheit, der Neugier, der Langeweile! Die Mückenkopfmänner mögen mich nicht, sie mögen keine Zeugen. Pech gehabt! Mit einem Griff habe ich meinen Presseausweis zur Hand, schwenke ihn und triumphiere. Die Mückenkopfmänner geben sich geschlagen. Meinem Ausweis haben sie nichts entgegenzusetzen, keine Ausnahmegesetze, keine Notverordnungen, nichts außer Witze, Wut und Brülltrompetentöne. Sie klinken sich in ihre Fallschirme ein und steigen auf, sie nutzen den nächstbesten Aufwind und verschwinden dorthin, woher sie gekommen sind, in die Lüfte, ins Nichts, wie es scheint.

Und ich, ich ihnen hinterher. Aber nicht per Fallschirm, weil ich zufällig keinen bei mir habe. Ich muss mit einer Strickleiter vorlieb nehmen, die wie ein schaler Scherz in den heiteren Himmel führt, ins Nichts, wie es scheint. Aber was tut man nicht alles im Namen der Wahrheit, der Neugier und der Langeweile? Alles, sage ich Ihnen, einfach alles, man setzt sogar sein Leben aufs Spiel, wenn es nur aus den Einbahnstraßen des Alltags führt, wenn es nur etwas Abwechslung bietet. Es gilt, den ewigen Wiederholungen auf Wiedersehen zu sagen, auf Nimmerwiedersehen! Die Strickleiter führt zu einem Luftschloss, natürlich, wohin auch sonst, wenn man es mit den Hütern der Ordnung, des Gesetzes zu tun hat. Die Welt unter mir ist geschrumpft und mit ihr, mit der Welt auch die Menschen und ihre Mankos: ihre Feigheit und Phantasielosigkeit, ihre Selbstsucht, ihre Gier und Neurosen, zusammengeschrumpft zu einem Ei im Universum.



Als ich das Luftschloss betrete, ein himmelhohes Haus mit Erkern, Türmchen und Schießscharten, sehe ich die Mückenkopfmänner in der Eingangshalle, vor einem mächtigen Tresen stehen. Sie prahlen vor ihren Kollegen mit den Abenteuern, die sie soeben erlebt haben, sie stoßen in die Brülltrompeten. Ihr Mitbringsel indes, den Grabnahen mit der Stülpnase haben sie auf eine lange Bank geschoben. Ich setze mich zu ihm und ohne gefragt worden zu sein antwortet er: „Woher kommt die plötzliche Traurigkeit? Ein Wink des Todes? Mitnichten. Es ist, um es mit den Worten des Pferdefreundes, des Walrossbärtigen zu sagen, die Wiederkehr des ewig Gleichen. Darum gilt es, Wiederholungen auf Wiedersehen zu sagen, auf Nimmerwiedersehen. Es gilt, diesen Fluch unbedingt zu bannen, zu brechen! Sonst sehen wir zuletzt wie sie aus, wie Mückenkopfmänner, die Mücken zu Elefanten aufpumpen.“

Mein Reden, denke ich und ziehe den Alten mit mir, ich ziehe ihn von der langen Bank. Die Mückenkopfmänner interessieren sich nicht für uns. Sie haben besseres zu tun. Sie streiten sich, wer von ihnen den Längsten hat und legen die Beweise auf den Tresen. Das saugt ihre ganze Aufmerksamkeit auf, so dass der Grabnahe und ich das Luftschloss unbemerkt verlassen können. Doch der Alte scheut vor der Strickleiter zurück, er bockt, er will sie nicht hinunterklettern, will nicht zurück „zu diesem Volksfest,“ wie er sagt. „Was sucht das Volk“, sagt er, „was es nicht schon kennt? Sein ganzes Leben lang drängt es sich wie Vieh an Wurstbuden und Karussells vorbei, an Bumsmusik und Saufhallen. Warum wird es dieser Feste nicht, warum wird es ihrer niemals müde?“

Wegen seiner Defizite, denke ich, die wie Narkotika wirken, wie Alkohol und andere Drogen, wie feste Burgen des Glaubens, Wahnvorstellungen, fixe Ideen. Ich denke nur, ich sage nichts, denn dem Alten wird es langweilen, er wird es nicht mehr hören können. Und so lasse ich ihn hängen, in der Luft, in einer Stadt, in einer Welt aus Luftschlössern, ich lasse ihn zwischen Himmel und Erde und kehre zurück, zurück zum Park, zu meiner Bank, zu einer langen, langen Bank.





Ich bin
In der Überzahl!
(Klaus Kinski in Fitzcaraldo)


Die Stiefmutter Gottes
Vorwärts Viehlich ist ein ausgelernter Traumritter, ein Schorfkopf und Schleimspeier aus dem Städtchen Tiefschlaf. Jeden Tag folgt er seinen Vorstellungen auf den „Negerwald“ genannten Friedhof vor der Stadt. Dort spürt er nicht nur der Ruhe nach, sondern versucht, sich immer wieder seines Lebens zu vergewissern.

Eines Spaziergangs fällt ein Unwetter über ihn her. Herr Viehlich muss zuerst unter einer Trauerweide, dann in der Totenkapelle Schutz suchen, Schutz und Schirm vor einem schreienden Sturm, der ihm den Boden unter den Beinen wegzieht. Über dem Kirchenportal prangt ein Satz des Evangelisten Mattheus: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.“

Im Zwielicht des Turmgewölbes tastet sich der Traumritter zu einer Tür, die ins Kirchenschiff führt. Vor dem ärmlichen Altar warten zwei Särge auf Abfertigung, offene Kisten auf Holzpodesten. ‘Ein Doppelbegräbnis’, denkt der Schleimspeier. In der einen Totentruhe liegt ein Moosmensch, ein Grasteufel. Dessen Hässlichkeit schlägt Herrn Viehlich dermaßen gegen den Schorfkopf, dass er über die Augen, die der Wurmstichige aufschlägt, nicht zu Tode erstarrt. Mit einer Sanftheit, die mit Engeln oder Kindern verbunden wird, mit einer Engelsstimme sagt der Kloakenkönig: „Ich bin das Leben und das Licht.“



Vorwärts Viehlich weicht, von Ekelgespenstern geschubst, zurück. Er schreit: „Nein. Du bist eine vergessene Gruft, ein überwucherter Grabstein.“ Diese Wortgeschosse schlagen wie Blitze ein. Gottes Sohn fängt sofort Feuer. Der Moosmensch verbrennt. Kaum, dass sich der Traumritter die Verwunderung aus den Augen reiben kann, schwebt eine Frau, eine Schnurrbartfrau aus dem zweiten Sarg. Der Schleimspeier schreckt wie vor einem aufflackernden Lagerfeuer zurück. „Du brauchst nur zu glauben“, floskelt Maria. „Du brauchst nur zu glauben, was du siehst.“ Die Mutter Gottes schüttelt ihren Glockenkopf, ihre Seidenhaare, Haare, aus denen Sterne, Engel und Mozartmelodien herausfallen. Die Schutzpatronin der Idioten sieht, dass ein Schützling vor ihr steht. Sie lächelt und lächelt: „Du darfst dir jetzt was wünschen!“

Vorwärts Viehlich überlegt nicht. „Ich wäre gern dabei gewesen“, prustet er, „als Theodor Däubler James Joyce in Paris zum Duell herausgefordert hat.“ Die letzte Silbe ist kaum verklungen, da katapultiert es den Traumritter zu einer Sonne in Marias Hand. Als der Geblendete seine Augenläden wieder hochzieht, als er sich besinnt, sieht er sich im „Tirer Sur La Table“ hocken, in einem Künstlercafé auf dem Montmartre. An seinen Seiten sitzen und streiten zum einem Zebaoth, ein Menschenberg mit Ochsenschädel, zum andern der heilige Geist, ein augenschwaches Skelett. Der Friedhofsfreund sieht, wie sich die Herren aufregen, wie sich die Haare sträuben, die den Ochsenschädel überwuchern, wie die Augen aus dem Gerippe heraustreten. Dieses klappert und fingert Löcher in die Zigarrenatmosphäre, jener verschießt Blickblitze, während sich zur selben Zeit sein Verstand im Absinth aufzulösen beginnt. Doch so sehr sich Vorwärts Viehlich auch anstrengt, er hört nicht den leisesten Laut, nichts als das Rauschen des eigenen Blutes.



Jemand schubst und schlägt den Traumreiter zurück auf die Bewusstseinsbühne. Vorwärts Viehlich findet sich in den Armen Sunsel Sockenstopfers wieder, der Hirtin seiner Nachtschnarchabenteuer. Ein Satz löst sich aus der Zuschauermenge, die das Paar einrahmt, der Fragesatz, warum der Schleimspeier schreiend durch die Stadt gehetzt sei, so, als ob er seinem fliehenden Verstand hinterher gehechelt sei. Doch der Schorfkopf ist nicht zu Scherzen aufgelegt, zu Späßen, die er unter andern Umständen unter keinen Umständen aus dem Weg gähnen würde. Er fühlt sich wie jemand, der dem Tod, einem Seebären auf einer Kogge, ins Maul geschaut hatte, jemand, der sich noch einmal vom Bord des Totenschiffes stehlen konnte. Der Schleimspeier sprudelt wie ein geborstenes Wasserrohr, er spuckt alles aus, was er erlebt hat. Seine Zuhörer üben sich zuerst in Geduld, in Toleranz, dann röten sich ihre Augen und Ohren. Ihres Wissens war seit Jahrhunderten niemand mehr dem Wahn verfallen, Gottes Namen oder Worte in den Mund zu nehmen. Tiefschlaf ist ein Ort, in dem die Kirchen als Kramläden dienen oder als Leichenfeierhallen, nicht als Seelenbrotbäckereien. Und jetzt rüttelt ein Traumtroll an den fest verschlossenen Gittern ihres Glaubens. Ein staatlich anerkannter Wirrkopf tischt den Tiefschläfern eine Marienerscheinung auf. Groß und Klein kommen in Bewegung, Jung und Alt rauschen wie ein Wald. Von Neugiernymphen getrieben, jagt eine Menschenmeute zum „Negerwald“, zur Totenstadt, eine Menge, die wie ein Schneeball wächst und wächst.

Als die Schar einer Fledermausmeute gleich in die Grabkapelle fliegt, kullern ihre Augenäpfel aus den Höhlen hinaus. „Da!“ ruft ein Übermütiger, einer, der „der Aufgeregte“ genannt wird. „Da ist sie!“ Eine Schnurrbartfrau schwebt über dem Notaltar. Sie gleicht bis aufs Nasenhaar der Erzählung Vorwärts Viehlichs. Die Fließformenfigur schweigt. Wie ein Insekt summt sie auf halber Höhe zwischen Chor und Kirchenschiff, wie eine einsame Novemberfliege. Die Tiefschläfer wissen, was zu tun ist. Während die einen ihre Hosentaschenkameras zücken und Erinnerungsphotos schießen, schlagen die andern immer wieder Kreuze über ihre Körper. Dabei fallen sie auf die Knie und kramen Gebete aus dem Gedächtnis, von denen sie vorher nichts gewusst haben. Ihre Inbrunst fegt die Errungenschaften sämtlicher Revolutionen hinweg, sie ebnet die Berge der Wissenschaften ein. Sie holen die Schleier des Aberglaubens und der Zauberei aus dem Schrank, aus einer vergessenen, verstaubten Truhe auf dem Dachboden der Seele. Die Menschen verschleiern sich die Sinne, sie bemänteln Vernunft und Verstand bis zur Unkenntlichkeit. Sie kramen Kantaten aus entlegensten Hirnturmkemenaten heraus. Mit ihnen ziehen die Gläubigen nach Tiefschlaf, willens, Stadt und Städter zu erwecken.

Nur einer, Vorwärts Viehlich, bleibt in der Totenstadtkapelle zurück. Der Traumritter ist vom Pferd gefallen. Nun reibt er sich den Kopf, nun leckt er seine Wunden. Der Ausnüchternde starrt in das Zwielicht des Chors, auf Staubkegel über den beiden Särgen, über dem Notaltar. Der Erwachende sieht die Satyrn seiner Süchte, er sieht in den Abgrund der Nüchternheit, sonst sieht er nichts.



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