Short Stories von Rüdiger Saß: Die 28.

Sonntag, 5. Dezember 2010 um 17:45 - futziwolf

Ich weidete meine Augen hauptsächlich am
Anblick derer, die Tyrannen und Usurpatoren
Getötet und unterdrückten und geknechteten
Nationen die Freiheit wiedergegeben haben.
-  Jonathan Swift  -

Die Qualen der Wahlen
I.

Ich war im Auftrag meines Herrn, des Bundes der Geächteten, unterwegs. Es war Parlamentswahltag, und da hieß es für mich wie für alle anderen Parteigänger im Land, Flagge zu zeigen. Vielleicht ließ sich noch unentschlossenes Wahlvieh für die gute Sache gewinnen, vielleicht ließ es sich noch in letzter Sekunde bewegen, seine Stimme den Geächteten zu geben.

Mein Einsatzort hieß Hüpfburg, ein Idyll in provinzgrünmetallic, mit Kirche, Kaugummiautomat und Wirtshaus, dem Wahllokal mit Namen „Schützenhof“. Als ich das Lokal betrat, verstummten alle Anwesenden, die zuvor noch gelärmt und gelacht haben, und starrten mich an: der Wahlleiter Dr. hc. von und zu Hüpfburg, gleichzeitig Spitzenkandidat der Partei der Ewiggestrigen, Schützenkönig und Rittergutsbesitzer in vierundsechzigster Generation, ein Rudel Wahlhelfer zu seinen Seiten, Burschenschaftler auf Hafturlaub, wie es schien, Pfropfen Pfannenkopf, ein Abziehbild seines Namens und Wirt des „Schützenhofs“, sowie drei, vier vollbesetzte Tische betrunkenem Wahlviehs. Sie sahen in mir sofort den Fremden, den Eindringling, sie witterten einen Geächteten, einen Feind und Vogelfreien.

Trotz der Stimmung, die mir entgegenschlug, eine Stimmung, die nach Teeren und Federn schmeckte, begann ich, Broschüren des BdG an diejenigen zu verteilen, die das Wahllokal betraten. Doch die Wähler verzogen ihre Gesichter, sie zerrissen die Broschüren und beschimpften mich. Und es dauerte nicht lang, bis mich Pfropfen Pfannenkopf, der Wirt und Ortsvorsitzende der Ewiggestrigen, aus seinem „Schützenhof“ hinauswarf. „Wir haben deine Flugblätter, deine Lügenpropaganda nicht nötig“, höhnte er, „hier wird nur ewiggestrig gewählt“.

Ich stellte mich draußen vor die Tür und verteilte weiter die Wahlwerbung meines Bundes. Und es dauerte nicht lang, bis die Dorfjugend unter Leitung ihrer Lehrer und Lehrherren herbeigeeilt war, worunter ich auch Thor Toppenpoppen, den Kandidaten der Plutokratenpartei, erkannte. Die Meute bewarf mich mit Worten wie „Asozialer“, „Faulenzer“ oder „Schmarotzer“. Als sie aber merkte, dass mich ihre Beleidigungen nicht vertreiben konnten, fuhr die Meute größere, gröbere Geschütze auf: Sie bewarf mich mit Dreck, mit Steinen und Flaschen. Thor Toppenpoppen ließ es sich nicht nehmen, einen Eimer Wasser über mich auszugießen, eine Aufmerksamkeit im Auftrag seiner Plutokratenpartei, wie er sagte. Ich stoppte einen vorbeifahrenden Streifenwagen und bat die Polizisten, mich vor meinen Plagegeistern zu schützen. Die Polizisten aber lachten mich nur aus und meinten, mit so was komme ich hier nicht durch. „Sieh zu“, sagten sie, „dass du hier wegkommst, sonst sperren wir dich ein!“

Als der Mob merkte, dass mir niemand, nicht einmal die Staatsmacht, zur Seite stand, johlte und grölte er wie Fußballfans im Siegesrausch. Thor Toppenpoppen trat ganz dicht an mich heran und zischte: „So. Und jetzt schlagen wir dich tot.“

Ich flüchtete in den Flur des „Schützenhofs“ und von dort zur Hintertür hinaus, doch auf der Straße sah ich, dass mir Hüpfburgs Bauern mit Knüppeln, Mistgabeln und Jagdgewehren nachsetzten. Sie riefen „Bleib stehen, du feiger, roter Lump, du Ungeziefer, Parasit!“ Sie jagten mich wie einen Hund zum Dorf hinaus, sie jagten mich, bis ihnen die Luft und Lust ausging. Die Nacht, die über mich hereinbrach, war kalt und sternenklar, die Felder und Wälder lagen nackt, laut- und leblos da, wie ausgeliefert, wie gefesselt, und ich malte mir die wunderbare Welt der Plutokraten und Ewiggestrigen aus: kalt, nackt, laut- und leblos, ausgeliefert und gefesselt.


II.

Auszug aus der „Zeitung für Hüpfburg und Umgebung“: „Anlässlich der Feier zur Wahl des ewiggestrigen Kandidaten, Dr. hc. von und zu Hüpfburg, ist es in der Nacht zum Montag zu Ausschreitungen gekommen. Als der Fackelzug der siegreichen Partei den Dorfplatz passierte, wurde er von vermummten Chaoten als Wahlbetrüger beschimpft und mit Knüppeln, Mistgabeln und Jagdgewehren angegriffen. Eine größere Anzahl von Teilnehmern erlitt mehr oder weniger erhebliche Verletzungen. Die alarmierten Einsatzkräfte der Polizei wurden als „Faulenzer“, „Lumpen“ und „Parasiten“ beschimpft, und als sie versuchten, die Rädelsführer in Gewahrsam zu nehmen, wurden sie mit Steinen und Flaschen bombardiert. Die Polizei zog nunmehr ihre Säbel blank und zerstreute die Menschenmenge. Ein Polizist wurde dabei von einem aus dem Parteihaus der Plutokraten geworfenen Bierglas am Kopf verletzt. Bei der anschließenden Räumung des Hauses wurden die Sicherheitskräfte mit einem Hagel von Biergläsern empfangen. Im Ganzen wurden neun Personen, die als Haupttäter in Frage kommen, verhaftet. Die Sache wird ein gerichtliches Nachspiel haben.“




Meldung von Fehlverhalten
Personalien:
Bereich: geschlossener Lebensvollzug
Standort: Hahnebüchen, Schrottland (11 Gewinner, 9.989 Verlierer, 1 Bäckerei, 1 Kiosk, 1 geschlossenes Kino, jetzt Swingerclub, 1 Tankstelle, 1 Kaugummiautomat, 2 Siechen-, 3 Irren-, 4 Arbeitshäuser)
Name:
Wurstbrot Sagschnell, 44 Jahre, einsam und verlassen, keine Kindheit, keine Kinder, keine Frau und keine Freunde, ein Nichts, ein Niemand.
Tätigkeit:
Warten, Atmen, nicht auffallen, nicht bewegen.

Schilderung des Sachverhaltes (gegebenenfalls Anlagen beifügen):



Wurstbrot Sagschnell sesselte vor laufendem Fernseher und schnarchte, er, der sich mit zusammengekniffenem Hintern durchs Leben zitterte. Er war ein Angstaal, der sich vor sich selbst und der Welt zu verstecken suchte. So stand es auf seiner Stirn geschrieben, in verschmierten, ungelenken Lettern. Die Angst aufzufallen, hieß es dort weiter, knebelte ihn bis zur Unkenntlichkeit. Sie war ein Geschenk seines Anwalts. Er hieß Hypochonder. Dieser war kein Mensch aus Fleisch und Blut, sondern eine innere Stimme, eine wütende Stimmenschlange in Wurstbrot Sagschnells Schädelwelt. Immer war der Hypochonder aufgeregt, er haspelte, er schrie und tobte. Er fürchtete alles und jeden. Der Hypochonder war es, der Wurstbrot zu dem machte, was er war: zum Unscheinbarsten der Unscheinbaren, zu dem Mann, der nie auffiel, zu dem Nichtschen ohne Gesicht, ohne Gewicht.

Es ist schwer, sich in einen Niemand hineinzuversetzen, in jemanden, der nicht nur von Verkäufern übersehen wird, von Fußgängern oder Chefs, sondern auch von Bus- oder Autofahrern. Wurstbrot Sagschnell war nur zu sehen, wenn der Hintergrund nicht von blasser weißer Farbe war. Dann zeichnete sich auf Wänden und Böden ein blasser weißer Fettfleck ab.

Wer fragt nach Wurstbrot Sagschnell, nach dem Mann, den niemand sah, wer fragt nach einem Niemand, der sich selbst nicht traute, der sich niemals etwas zutraute? Noch einmal: Wer fragt nach Wurstbrot Sagschnell, nach dem Hausierer für Afterschließbandagen, nach dem Stockfisch, der von Tür zu Tür zog? Wer? Seine Kollegen etwa, die den Abgestandenen, wie sie ihn nannten, in ihre Witzmaschinen warfen? Oder sollte Rosine Roßwurst über ihn stolpern, wenn sie sich die Mühe machte, ihr Gedächtnis auszumisten? Sollte sie sich Wurstbrot Sagschnells entsinnen, der eines Tages auf ihre Klingel und Neugier drückte? Mitnichten. Selbst sie, die Hormongeschüttelte, musste dreimal hinsehen, ehe sie den Hausierer sah. „Was darf es sein“, säuselte sie, „Mehl, Zucker, Sex?“ Der Vertreter für Afterschließbandagen stand vor seinem Sonnenaufgang, aber er sah ihn nicht. Das Staubgeschöpf zog es vor, sich weg zu wünschen, ganz weit weg. Er senkte sein Rostrotgesicht und duckte sich. Doch der Boden unter seinen Füßen gab nicht nach, die Falltür öffnete sich nicht. Wurstbrots Augenäpfel blieben an jenen Äpfeln hängen, die Rosine Roßwurst aus ihrem Morgenmantel schüttelte. Das Krempelweib wusste, was zu tun war, wenn sie einen Jockey brauchte. Sie wickelte das Staubgeschöpf um ihren kleinen Finger.

Am Abend durfte Wurstbrot Sagschnell die Frau, die ihn zum Mann gemacht hatte, durch Hahnebüchens Nachtleben begleiten. Der Stockfisch machte sich zu ihrem Schatten, er wich ihr nicht mehr von der Seite, selbst dann nicht, als zwei Kerle seine Rosine hinterm Kiosk, im Dunkel des Dickichts, vernaschten. Ein Taxi brachte das Krempelweib und ihren Schattenmann nach Hause, sie fuhren dorthin, wo Wurstbrot hoffte, für seine Mühen und Auslagen entschädigt zu werden. Doch anstatt zu Kaffee und Fellatio eingeladen zu werden, erntete er ein verrülpstes „Tschüß“. Die Zielscheibe seiner Sehnsucht versank in den Armen des Taxifahrers, sie verschwand mit dem Kutscher im Schweinigelpark.
Ebenso schnell wie Wurstbrot Sagschnell aus seiner Unscheinbarkeit herausgetreten war, ebenso schnell verschwand er wieder. Es war nicht seine Art, es lag ihm nicht, die Zivilisation ans Kreuz zu nageln und um seine Liebe zu kämpfen. Wurstbrot zierte ein Halbmondbuckel, kein Rückgrat. Mutlos schlich er durch das Morgengrauen, hoffend, den Schmerz einschläfern zu können.

In den nächsten Tagen versuchte er, an nichts anderes als an Afterschließbandagen zu denken. Doch das fiel ihm schwer genug. Die Geschäfte schleppten sich genauso dahin wie der Hausierer. Es dauerte nicht lang, bis Wurstbrots Boss durchs Telefon trompetete, er, Keule, der Kalbskopf, wünsche ihm noch ein langes, angenehmes Restleben. Er sagte es, ohne in Schamfallen zu treten, er sagte es aus sicherer Entfernung. Keule, der Kalbskopf drückte seinen Dank durch die Leitung, Dank für vierzehn Jahre im Dienst der Afterschließbandagen. Dann entließ er sein Verkaufspferd dorthin, wo er es einst aufgegabelt hatte: auf den Arbeitsmarkt. Dann verschwand er wie ein Aprilregen.

Um seinem Ärger Luft zu machen, musste Wurstbrot an die frische Luft. Dort verpuffte das Nichtschen zur Null. Der Sagschnell schlich durch die Straßen, am helllichten Tag, unter Beobachtung, wie er glaubte, unter Augenblicken, die auf ihm lasteten, die an ihm hafteten. Ihm war, als schleppe er sich unter den Schlägen seiner Richter und Henker zum Schafott, er fühlte sich wie ein Verurteilter, wie ein lebender Leichnam, er, der Unscheinbarste der Unscheinbaren.

Das Menschenwrack begann, die Hauptströme des Sehens und Gesehenwerdens zu meiden, er trieb durch Seitenstraßen, durch stille Gassen, zuerst bei schlechtem Wetter, bei Regen, Wind und Kälte, zuletzt nur noch bei Nacht. Er musste den Mantel der Dunkelheit überwerfen, wenn er dem Stillstandsverfall seines Körpers begegnen wollte, wenn sein Magen und sein Kühlschrank vor Hunger schrien. Die Hahnebüchener begannen, sich nach ihm umzudrehen, um sich dann wieder ganz schnell von ihm abzuwenden.

Der Abgestandene begann aufzufallen: Er roch nach altem Leder, er stank nach ungelüfteter Wohnung, nach ungelüfteter Lunge. Wurstbrot Sagschnell zog sich ganz auf seine Dachpfannensammlung zurück. Sie war die einzige Zeugin seines Lebens. Nur sie zeigte Verständnis, nur sie hörte ihm zu. Immer wieder setzte Wurstbrot Pfannen verschiedener Größen und Farben zu verschiedenen Mustern zusammen, wobei er glaubte, darin Botschaften, Weisheiten und Geheimnisse zu erkennen. Einmal las er: „Für die Dummheit ist jeder Tag ein Festtag. Sie feiert sich selbst. Sie zieht im Triumphzug, unter Pauken und Trompeten, durch die Straßen. Die Dummheit feiert vermeintliche Triumphe im fest vertäuten Glauben, es seien wirkliche.“ Bald gingen die Dachpfannen dazu über, mit Wurstbrot zu sprechen. Sie sagten: „Krüppel, Sieche und Idioten, kurz: das Pack braucht keinen Spott, es braucht keine Verachtung, sondern Mitleiden, Zuwendung, Hilfe.“ Diese Mitteilungen brachten den Unscheinbaren durcheinander. Er geriet in Unordnung, weil sich neben den Dachpfannen und seinem Anwalt Hypochonder auch andere Wesen zu Wort meldeten, Bücher, Fliegen und Brotkrümel beispielsweise, Plagegeister, die alle auf einmal auf ihn einredeten. Manchmal lösten sich einzelne Worte oder Satzbrocken aus dem Sprachmatsch, manchmal Flüstertöne, manchmal Schreie wie: „Rosine Roßwurst... Rosine... die Roßwurstrosine lacht über dich...“, oder: „Keule, der Kalbskopf.... Kalbskopfkeule wünscht ein schönes Restleben...“ Wurstbrot suchte und fand Mittel, die Stimmen zum Schweigen zu bringen. Er warf seine Dachpfannen zum Fenster hinaus, seine geliebten Dachpfannen! Dann jagte er Bücher, Fliegen und Brotkrümel. Er machte sie dem Erdboden gleich. Zuletzt aber knallte er seinen Kopf gegen Wände, Tische und Hämmer. Er tat es so lange, bis er nicht mehr konnte.

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