"Schleuderträumereien oder Sein letztes Lächeln" - Teil 1

Montag, 29. August 2011 um 22:50 - futziwolf
Ab Heute jeden Tag eine Kurzgeschichte aus der großen Sammlung von Rüdiger Saß
Zu wenig Leute haben den Mut,
Vollkommenen Blödsinn zu sagen.
(Carl Einstein)




040. Von der Hölle

„Ich glaube, ich weiß warum“, sagte Adam und blickte noch einmal zurück ins Paradies. Er tat es in rhythmisch ungebundener Form. Ganz in Prosa hatte es auch Eva gesehen, bevor sie in den Apfel biss. Die Schlange hätte nichts zu sagen brauchen.
Adam und Eva mussten sich warm anziehen. Sie froren am Höhlenfeuer. Es war Nacht. Geräusche bekamen Flügel, Zehntausende in zuckenden Bildern. Schatten kletterten über die Wände, durch Adams und Evas Träume.
So konnte es nicht weiter gehen. Adam sagte: „Bück dich!“ Dann kam, was kommen musste. Zuerst kamen Adam und Eva, dann Kain und Abel. Danach kamen Hitler, Stalin und Pol Pot....


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039. Guten Tag
Die Ignoranten überlegten, ob sie vor der Wahrnehmung ihrer ehelichen Pflichten etwas essen sollten. In jenem Moment sprang ein Amokläufer aus dem Fernseher und eröffnete das Feuer. Und ein Hund riss der Kleinen von nebenan den Kopf ab. Er war immer so lieb und brav gewesen. Supermann rutschte auf einer Bananenschale aus und starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Und der endgültige Konsument dachte noch: ‚Endlich ein Abenteuer erleben.



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038. Oma
Oma hatte sich von der Leine losgerissen. Dabei hatte ich mir viel Zeit bei der Auswahl des Seils gelassen. Oma konnte darüber nur lachen. Ich schlug ihr dafür ins Gesicht; das Blut wollte nicht aufhören, aus dem Gefängnis zu fliehen, eigentlich müsste es längst im Sargsamt versickert sein.
Ich erschauerte, als der Gott der Gewalt aus einer Torte auftauchte und mit dem Messer spielte. Er schnitt mir die Halsschlagader auf. Angstbäche teilten mich in mehrere Persönlichkeiten.
Es sah so aus, als ob Oma jenen Tag überleben würde. Ich nutzte die Gelegenheit, als sie sich über die Straße wagte. Ich gab Gas und bockte sie auf. Natürlich überlebte sie, obwohl sie im hohen Bogen durch die Luft flog.


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037. Das Sandmännchen, 2. Teil
Im Fernsehen hatten sie gerade das Sandmännchen erschossen. Blutüberströmt röchelte es seine letzten Züge dem Publikum des Kinderprogramms entgegen: Nahaufnahme.
Mir war langweilig, ich stellte die Glotze ab. Ich war bereit für einen neuen Film, für einen Film voller Energie. Ich war geladen, jetzt würde es was bringen. Aber die Langeweile wollte mir nur die Statistenrolle zugestehen, den Fliegen bei der Paarung zuzusehen. Schnitt.
Letztens in der U-Bahn erbrach ich mich einer Oma in den Schoß. Nach einem Handgemenge, nach klärenden Worten einigten wir uns, daß die Eins nicht gleich Null ist, sonst könnte ja jede Null eine Eins sein.
Öffnete Fenster, brauchte Luft. Auf der Straße wildes Treiben, wildes welsches Treiben. Mutter pfiff ihr Töchterchen zurück und legte es an die Leine. Der Garten nebenan war gepflegt und sauber, doch alle Ordnung endete, sie verendete im Wirklichkeitsstaubsauger.


Haben
Haben sie
Haben sie was
Haben sie was gesagt
Haben sie was
Haben sie
Haben


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036. Platzende Pickel

Mein Mitbewohner erlaubt sich zuviel. Meine Bananen hat er angefasst, er hat sie von A nach B gepackt. Er spricht auch durch die geschlossene Tür zu mir, selbst wenn ich nicht antworte, wenn ich mich tot stelle. „Warum lebst du?“ hatte er gefragt. Ich wusste keine Antwort. Ich verwandelte mich in ein Fragezeichen. Keine Frage, ich muss weg, weit, ganz weit weg.


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035. Wenn die Sinne blöd sind
Ständig sitzen sie zusammen und machen Geräusche: Rederegen, mit Überschallgeschwindigkeit. So rauscht es den ganzen Tag, Tag für Tag. Sie versitzen und versabbeln ihr Dasein. Sie sitzen im Trockenen, im Warmen, sie rauchen, trinken und dehnen ihre Stimmbänder. Sie stellen ihre Meinungen in den Raum - ein jeder für sich – sie stellen sie in Raum und Zeit. Sie haben keinen Grund zu schweigen, sie reden, auch wenn sie nichts zu sagen haben. Sie sabbeln, also sind sie.





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034. Wortschwallwellen
Wildes welsches Treiben: Rachitis liebt sich auf einmal nicht mehr. Sie öffnet das Fenster. Gleichgurt steht daneben. Er steht neben sich. Gallengrütze spaziert durch Gleichgurts Gedankenwelt. Sie bietet sich als Appetithäppchen an. Gleichgurt lacht dazu wie eine Sirene am Sonntagmorgen.
Rachitis sagt nichts, Rachitis setzt sich. Plötzlich explodiert sie. Sie schreit: „Wo ist der Pakt mit der Dummheit? Wo soll ich unterschreiben?“
Zwei Monate später lacht eine an die Wand geheftete Frau - es ist Rachitis - sie lacht große rote Rosen aus sich heraus. Sie lacht sie in ein verstaubtes Publikum.
Nach zwei weiteren Monaten ist Rachitis das Lachen vergangen. Jetzt klagt sie: „Ich war so enttäuscht von mir, dass ich nichts zu dir sagen konnte.“ Gleichgurt gibt sich einen Ruck. Er wischt mit dem Ärmel über den Tisch. Dann zaubert er Papier und Stift aus der Schublade hervor und beginnt, schwarze Kreise zu ziehen, schwarze Spiralen in einem weißen All: „Ich bin, und auch die Sonne scheint zu sein.“
Gleichgurt stutzt. Rachitis sitzt noch immer neben ihm. Er fragt: „Hast du Sonntag für mich Zeit?“
„Wieso? Gibt es da etwas Besonderes?“
„Nein. Nur so.“
Rachitis sagt: „Am Sonntag holt mich Gott ab, und dann fahren wir bis ans Ende der Zeit.“
Gleichgurt legt sich auf den Tisch und setzt sich ein Skalpell an die Stirn. „Lebe ich?“ fragt er. „Liebe ich? Bin ich das, oder ist das eine Täuschung? Noch viele Fragen quellen aus der geöffneten Stirn hervor. Fragen halt, unnütz oft, aber nützlich genug, um ihre Untauglichkeit, ihre Unhaltbarkeit zu erkennen. Fragen, um wenigstens herauszufinden, was nicht dazu gehört. Es gilt mit Luhmann, die Umwelt vom System zu trennen. Es geht um Grenzziehungen, um Grenzziehungen des Geistes.
Rachitis schneuzt Gleichgurt ins Gedankentaschentuch. „Du greifst zu tief in mein Leben rein“, sagt sie. „Lass mich in Ruhe in meiner Truhe, in meiner Ruhetruhe! Ich brauche deine angegrabbelten Wahrheiten nicht. Ich verzichte auf den Rat von Leuten, die die Hilfe eines Therapeuten brauchen.“
Gleichgurts Verstand versteigt und verflüchtigt sich. Er sagt: „Ich fühle mich, als habe ich mich irgendwo vergessen, liegengelassen, an einer Garderobe, in einem Klobecken, im Pfandhaus. Ich fühle mich wie jemand, der sein Haus, seine Wohnung nicht wiederfindet, der die Schlüssel zu seinem Ich verloren hat, den es, durch fremde Türen geworfen, in eine andere Welt, in ein anderes Leben verschlagen hat. Aber noch bin ich nicht unnahbar, noch ist die Brücke zu mir nicht abgebrochen, nicht gesprengt.“





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033. Wenn Hälse pickeln

„Na“, sagt die Hoffnung, „wer bin ich? Was bin ich? Eine Täuschung? Wachstuch oder Leinwand, Betonklotz oder Mona Lisa?“
„Nun“, antworten wir im Chor, „du bist ein Kind der Verzweiflung, denn die gehört zur Hoffnung wie die Droge zur Sucht.“



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032. Dann greift Kultur. Manchmal greift sie auch an

Was ist zu tun, wenn der Geist in einem Bombenkrater kauert, wenn er alles zerstört, was sich ihm bietet? Nichts. Nicht alles kaputtmachen, auch wenn Dr. Tod hinter jeder Ecke lauert, wenn wertvolle Sekunden an seinen Beinen hinabrinnen. Denn das Dasein ist mehr ist als ein fortwährendes Abschiednehmen.



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031. Wiederholungen in der Endlosschleife

Zusammenrottungen auf Thingplätzen und Gemeindewiesen. Ängstliche und Aufgebrachte brüllen nach brennenden Scheiterhaufen, sie verlangen Plünderungen, Vergewaltigungen und mehr. Der Herr am Unruheherd heißt König Grillsack, jener Bauernmeister, der jeden Tag gelobt werden will. Ruhe und Ordnung, giftet der Grillsack, würden von zugereisten Außenseitern zerstört. Schon gehe Schnepfchen, die Dorfschönheit, schwanger.
Die Eingesessenen spüren Verunsicherung, Unbehagen beim Anblick alles Ungewohnten, Fremden. Aufklärung täte not: Hirnwaschungen, mit Kochen und Schleudern.
Die Fremden feiern Hochzeit. Sie fühlen die Gefahr, aber sie wollen sie nicht wahrhaben. Sie tanzen und singen, denn auch sie wollen leben, sie wollen dazugehören und Fremde nicht dulden, zugereiste Außenseiter, Störenfriede, die alles durcheinander bringen.





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030. Aus den Badezimmern der Macht

Kaiser Nasenhaare eilt in den Kreischsaal. Kinder fallen seiner Frau Fellatia, seiner Herrscherin, aus dem Schoß, sieben Kinder. Ein grenzenloses Staunen spielt im Geschwürgesicht des unfruchtbaren Gatten, während die Sonne, obwohl hinter schmutzigen Fensterscheiben verborgen, sich auf einen singenden Eckensteher wirft, der, Quietschgitarre spielend, mit seinem Schatten tanzt. „Das ist er“, nuschelt der Kaiser, „das ist der Komponist der sieben Kinder.“

Die Nachricht von der Niederkunft der Kaiserin frisst sich wie ein Bandwurm durchs Land. „Hoch sollen sie leben!“ regnet es wochenlang von Kanzeln und Kathedern herunter. Und alle Kinder lernen einen neuen Lobgesang, einen auf Kaiserin Fellatia und ihren großen Wurf, komponiert von einem Eckensteher, von einem, der mit seinem Schatten tanzt.



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029. Überblicken

Mal sehen, was da ist. Im Hirnkasten kramen. Umgraben und abfließen lassen. Selbstseelsorge. Schlafen oder Gehen? Schlafen gehen.
Hauptleitung: Es dauerte lange, fast ein halbes Leben, ehe A.Meise begriff, daß sie einen Vertrag braucht, einen Arbeitsvertrag. Sie wirft ihre Last, eine Schnecke, von der Schulter und schimpft: „Ich kündige.“ Der Vorarbeiter schreit: „Das geht nicht. Du hast die Terrasse noch nicht zerlegt.“ A.Meise geistert auf der Autobahn umher, auf der A.Meisenautobahn. Sie stoppt einen Kollegen und sagt: „Du sollst die Krätze kriegen! Und von der Königin den Tripper. Das alles soll dir gehören.“ Und sie sagt: „Mein Sohn“, und bricht Tränen aus ihren Augen heraus. Der Chef äußert sich ganz außer sich: „Einen Strick, einen dicken Strick, bitte! Hängt die, die zu denken wagen!“

Nebenleitung: Das ist ein Leben! Das sind zwei Leben. Das sind drei Leben und da laufen noch mehr...

Hauptleitung: Davon bin ich aufgewacht: von tropfenden Tassen, die jahrelang bei offenen Schranktüren saßen, von Füßen im Gesicht, vom Geschmack ungewaschener Haut. Jetzt sitze ich rechts der Natur, ich, Krume des Lichts. Ich setze mich und den Augenblick zusammen, danach auseinander, dann wieder zusammen und wieder von vorn...

Überleitung: Der Singball, Arthur Singball II., führt Sandalen spazieren, und sie, die Sandalen führen Scheindebatten, Schattenkämpfe mit Sohlen, mit Fußpilzen. „Du ausgelassenes Licht, du ausgesperrtes Ich“, schnarrt eine Sandale, ohne dass sich jemand angesprochen fühlt, „Null bis Neun gehören mir. Der Rest bleibt bei dir“

Hauptleitung: Ich versuche, von Angstabwehr, also von Angst und Abwehr, das heißt von Abwehr aus Angst auf Aufnahme umzustellen. Mein Einzug ins Paradies. Endlich. Auf dem Kamm, auf dem Scheitelpunkt meiner Lebenskurve öffnen sich die verrosteten Tore meines Ich.

Die lange Leitung: „Gute Dinge liegen überall herum. Du brauchst nur die Augen aufzumachen“, gluckst das Glück zum Missgeschick und nimmt es auf den Arm. Es folgt ein Lied für Schwermuttransporteure, für Glückskrüppel: „Denke nicht, denn das macht alles nur noch schwerer! Sei neugierig wie eine Kuh und überlasse alles dem Zusammentreffen von Umständen. Es zählt nur der Augenblick.“

Ableitung: Arthur Singball II. hat ein Problem. Hinter seiner Stirn stinken Sorgensocken. Die Angst, ein explodierender Glücksstern, legt ihm Zweifel auf die Zunge: „Magda ist nicht die richtige für mich“, sagt er und, „Oh Gott, sie ist die Richtige.“
Der Singball schreit seinen Schmerz in eine Tiefgarage, in irgendeine: „Du knochentrockene Weißbrotfrau, du Fäulnisfurz, du ahnungsloser Liebesballon!“
Später liegt er jenen Herren in den Ohren, die ihm Gift in die Venen spritzen: „Mama ist tot“, flüstert Arthur, „und andere Frauen machen mir Angst. Papa kann keine Wärme schenken, nicht, weil ihn der Geiz mit Gefühlen knausern lässt.“

Hauptleitung: Ein Mann geht um, ein Rhönradreisender, irgendwo im Überall, irgendwann, zu allen Zeiten. Es ist der Unsterbliche, der Mann mit der Atomuhr in den Augen. Früher rühmte er sich seines skrupellosen Geschlechtstriebes. Heute ist das anders, heute leidet der Hormonheld an der Rhönradkrankheit, heute leidet er sich seiner Wege.



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028. Gauner Gauners Gaunerzeit

Wir fahren einige Jahre weiter. Dunutzi hat seine Glücksmaske vergessen. Also muss er mit Gesichtszügen in Zartbitter vorliebnehmen, er nimmt sie aus dem Handschuhfach, bevor er aus dem Auto steigt. Vielleicht hat er gerade seine Familie umgebracht und strebt jetzt dem Marktplatz zu, um sein Werk dort fortzusetzen. So jedenfalls sieht Dunutzi an diesem Freitag aus, an einem Markttag.
Letzte Nacht im Traum ist Dunutzi für längere Zeit auf Reisen gewesen. Er tat sich dick unter Freunden in einem fremden Land, er war fies wie ein Kriegsverbrecher. Nun sitzt ihm die Zartbittermaske schief im Gesicht. Sie scheint zu klein zu sein für seinen Kartoffelkopf. Warum schleppt er Gedanken mit sich herum wie ein Heiliger seine Laster oder ein Bäcker einen Fisch?



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027. Eier zu Ostern

Staubflocken fallen, Staubflockengestöber über vergessenen Eiern aus dem Vorjahr. Jetzt räumen sie ihre Verstecke. „Da habt Ihr uns“, rufen sie und recken ihre Arme, armselige Streichholzarme. Von überall her eiern sie auf uns zu. Sie haben sich zurechtgemacht, diese Lemminge, sie scheinen im vollen Staat: Augenbrauenmuster laufen um die Leiber, Schottenröcke strahlen altbuntfarben auf. Nein, zu verstecken brauchen sie sich nicht.
Die Dinge haben Laufen gelernt, doch Siegmal lässt das kalt. Siegmal steht abseits. Nichts als Müdigkeit in ihm. Die Sonne steht schon rechts, hoch am Himmel. Die Sonne steht schon, als Siegmal endlich zu uns stößt. Er schultert sein Bündel mit der Absicht, Afrika als seine neue Heimat zu betrachten. Mutter legt sich ihm in den Weg. „Auf ein anderes Mal“, schließt Siegmal seinen Ausbruchsversuch und sich auf dem stillen Örtchen ein.
Als Siegmal am nächsten Morgen in die Küche kommt, tut er überrascht, seine Eltern zu sehen. Vater, ein gelernter Selbstverstümmler, ein Hühneraugenchirurg, studiert die kalten Seiten in der Zeitung, die Schwarzrahmenannoncen. Was für ein Spaß, wenn ein Bekannter auftaucht. Den Himmel über dem Fenster decken Meereswellenwolken zu, und das einzige, was sich bewegt, sind Schwalben auf Familienausflug.



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026. Mit dem Jammerlappen durchs Leben wischen

Stich mir die Gräten ins Gesicht, zufällig Geliebte, steck sie mir ins
Fleisch! Hebe deine Beine und Brüste dabei! Tu etwas, du Klagekloß! Lass
die Tinte aus dem Füller, reich dem dicken Mann den Kuchen! Lass alles
raus, du Kummerkoloss! Meinetwegen in die gute Stube. Finde dich gut!
Finde dich – in deiner Hölle, in deiner Höllenhöhle! Spuck dich endlich
aus, hinaus in dein feindlich gesinntes Leben!



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025. Frohglockenläuten

„Hey, Erbschen“, ruft Umtrieb, „Massage, ja oder nein?“
„Heute lieber nicht“, meint Erbschen, und Schrumpel, die Wirtin, schließt gerade ab. Sie lacht: „Jeder andere hätte jetzt gesagt: ‘Das gibt noch eine Runde!’“


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024. Sich behörbar machen

Tausend Tauben biegen das Dach bis zum ersten Stockwerk durch. Traumglocken überwältigen morsche Treppen. Die Stufen schreien bei jedem ihrer Schritte.
Plötzlich bin ich aufgestanden, um irgendetwas aus der Küche zu holen. Dort aber finde ich mich völlig ahnungslos wieder. ‘Wie sinnlos!’ denke ich, ‘Schlangenlinien ziehende Gedanken, seid, bleibt und schämt euch nicht!’



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023. Mach verrückt, wer es hören muss!

Nachtbilder verschwinden durch Gullygitterstäbe. Um bei Laune zu bleiben, laufen sie einer Labyrinthenfee in die Arme, in ihre Krakenarme. Sie heißt maria kleingeschrieben. Und sie trägt goldene Locken und Bomben statt Brüste. Und ich, ich muss die Seite umblättern und beschmieren.
Die Nachtbilder sind wieder da. Sie sind zurück. Sie nehmen Pillen und Plätze ein: „Einmal geärgert, für immer verloren“, lautet die Grabrede für die Spinne unter meiner Sohle. maria muß lachen. Sie hält die Spinne und meine Sohle einen Meter achtzig auseinander. Nur Finden, der Finderlöhner war Zeuge, eingefügt in eine Wand, einzementiert zwischen Sorgenfaltern von unterschiedlichster Größe und Tagesform.


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022. Der Hohnpriester

Ein verlorener Posten steht auf seinem Posten und wartet auf den Krieg. Dort wartet er bereits seit mehr als hundert Jahren. Er giert über den Grabenrand hinaus, dorthin, wo er Feinde vermutet. „Ich bin böse!“ ruft er ihnen zu. Das ruft er immer wieder, hundert Jahre lang. Zuletzt löst sich ein Schuss aus seinem Gewehr. Die Kugel durchschlägt das Kinn des Postens. Doch sie hält sich dort nicht länger auf, sondern setzt ihren Weg durch die Mundhöhle in Richtung Hirnkammer fort. „Du sagst jetzt nichts mehr“, zischt das Geschoß zum Posten. „Dich habe ich gestopft. Bald hast du keine Haare mehr. Ich kann jetzt schon sagen: Ich habe dich entlaubt.“

Und die Zeit
Vergeht
Langsam
Immer
Schneller




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021. Wenn Wasser marschiert

Wiederholungen in der Endlosschleife: Fische mit Messern und Gabeln in den Flossen, mit Blindenbuchstaben der Erinnerung bebadet und umbuhlt. Wenn Wasser marschiert.
Wiederholungen in der Endlosschleife: Auf diesem verklebten Tisch sollte ich zum Schreiben eine Unterlage benutzen. So. Mir fällt Körpersekretaustausch ein und: Wenn Wasser marschiert.

Es wird gesungen
Von Toten
Unter Steinen, Blumen und feuchter Erde



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020. Ein Meter kann eine Ewigkeit bedeuten, eine Einmeterewigkeit, oder ein Berg, eine Waschmaschine...

Inanna wird bedacht von einem Pudel, von des Pudels Kern, viele hundert Kilometer weit von ihr, ganz weiheit weg. Sie wird gedacht, obwohl sie schon lange tot sein könnte: So wird sie erdacht.
‘Manchmal mit dem Lappen durch die Kälte gehen’, denkt sie. ‘Den Lappen mit Dreck und Kühle verwischen.’ Der Lappen denkt: ‘Finnland, Neufundland, Koalabär’. Der Lappen denkt weiter. Dann kerbt er seine schmutzige Herkunft in die Kälte und kehlt: „Nein, nicht, Mutti, bitte nicht! Ich werde zu einer Platte schmachten, auf Platten machen, oder Platte machen, aber mitnichten mit Nichten und schon gar nicht mit Inanna, meiner Nichte, sondern mit nichts.“
Der Vergessbaron geht um, ein Schädelschüttler, ein Blasenkopf. Sein Hirnbraten verbrennt und verkohlt, seine Gedanken zerfallen zu Staub. Inanna und ihr Lappen gucken wie Elche aus der Wäsche, wie Elche oder Waschbären, egal. Weißt du, was ich meine?


Naumburger Stifterfiguren
Loben im Chor
Das mittlere Alter



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019. Wenn ich bin, wie ich bin
Bin ich ich,
Bin ich gut.
Denn dann bin ich,
Und das ist gut.

Wenn ich will,
Bin ich ich,
Und das ist gut,
Wenn ich will,
Sagte der Diktator.




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018. Wenn Augen brauen
Aufgesang:

Raufhans kann Karten und Zement mischen. Es sieht einfach, einfach leicht aus. Dabei geht es auf die Gesichtsmuskeln: vor Anstrengung entgleisende Züge, in Mühemühlen zermalmt, ein zerfließendes Gesichtsfeld. Jede Sandschaufel, jede Karte zeichnet sich darin ab. Die Züge stehen nicht still. Lang und länger werden sie. Sie neigen sich zu Boden. Einmal hinlegen und ausruhen, bitte!
Zwei blaue Schatten fliehen einen angestrengten Traum. Sie sorgen sich um nichts anderes, als voneinander loszukommen. Sie zappelten im Glaubenssalat eines Träumers. Sie verstanden ihre Rolle in seinen Vorstellungen von der Liebe nicht. Sie zappelten wie Fliegen in der Falle, wie Fallenfliegen.
Weiter im Text: Ich gute gern, denn das Gute will erleichtert sein. Es will nach hartem Kampf erschossen werden, erschossen wie ein Treibjagdhase. Zuletzt liegen Leichengedanken auf der Schlachtbank des Vergessens. Sie wollen immer wieder angefochten werden, bestritten von Schatten, von Dämonen. Sie wollen getötet werden, am liebsten erschossen, wie das Gute, wie Treibjagdhasen.
Oder wollen wir glücklich werden? Unbeschwert, will sagen, aller Qualen und Traumatas entsorgt, ausgemistet? Wir hebeln uns vom Boden ab und schweben wie kleine, nackte Engelein über unsern Köpfen, über unsern eigenen Köpfen! Wir halten das Schild „Frieden“ in den verbrennenden Abendhimmel, in den anbrennenden des Morgens.
Und weiter und immer weiter! Text wächst: Antworten stellen Fragen nach dem Glücklichsein. Die Aufgabe heißt Unbeschwertheit, Annehmen, wie es ist. Aber ist das die Aufgabe, die Frage oder die Antwort? Geht das gut? Wir wissen es nicht. Wessen Antworten schmieren derlei Fragen auf Tapeten, die nicht kleben? Im Zweifel die des Aristoteles. Uraltfragen in modernen Anzügen ziehen Fragende in die Enge, in die Unbequemlichkeit der Unausweichlichkeit, in die Irrgärten der Wirklichkeit. Schwimmende Wörter, Schwimmwörter als Fixpunkte, verschwimmende Gedankenordner. Der Tod soll sie holen! Herr Tod, wo laufen Sie denn? ER läuft der Logik hinterher.
Es ist immer noch nicht genug, es ist kein Ende in Sicht. Also weiter: Tatsachen, Sachverhalte verketten, das führt in ein neues Reich, zu Familie Neureich. Sie schenken den Begriffen neues Leben, sie schenken ihnen die Chance zu überleben, zum Beispiel dem Begriff des Glaubens. Aber das glaube ich nicht.


Abgesang:
Mischmaschinen leiern ihre Lieder. Sie drehen sich auf krakeelenden Kugeln, her- und hingeschleudert in großen, viel zu großen Lagern. Die Züge gehen durch! Sie müssen bis zur Endstation, bis der Vorarbeiter oder Mitspieler singt: „Es ist genug!“



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017. Augenspiele
Aufgesang:

Bücher werden bemüht. Es darf sich drin gewälzt werden. Lücken klaffen im Regal, im Wissen. Was bleibt, was übrigbleibt, ist Wissenschaft.
Die meisten überlassen das Lesen wenigen, die sich, an runden Tischen sitzend, über das Gelesene streiten. Die wenigsten der wenigen sitzen an Tischen mit Ecken und Kanten und beschreiben das, was sie gelesen haben. Niemand von den wenigen liest es. Was wahr ist und was echt, das wird an runden Tischen entschieden. Dort wird in unvoreingenommener Selbstüberschätzung über Dinge dilettiert, die niemand wissen will.


Abgesang:
Acht Stunden grub das Gehirn in der Bibliothek. Zuhause erschöpfte er sich im Sessel. Er zog so lange an seinem Spritzstift, bis Ruhe einkehrte. Bücher warten auf dem Tisch, die Röte der Erwartung auf den Wangen. Sitzt er, oder sitzt er nicht?

Er sitzt.
Er sitzt da.
Er sitzt rum.
Er sitzt da rum.
Er sitzt sein Leben ab.
Er sitzt das Leben rum.
Er sitzt da und versitzt sein Leben.
Er sitzt, und vielleicht hat er Spaß dabei.
Er sitzt und sieht fern.
Er sitzt und sieht sich fern
Er sitzt und sieht in die Ferne.
Er sitzt, siezt sich und sieht sich in der Ferne.
Er sitzt und sieht Fernes.
Er sitzt und sieht in sich hinein.
Er sitzt und sieht nichts.
Er sitzt, sieht fern und sieht sich nicht.
Er sitzt und ist da.
Er sitzt tot da.
Er sitzt wie lange noch?
Er sitzt vielleicht noch drei Jahre da.




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016. Ist die Pastete bewohnt?


Bitte laufen Sie jetzt um Ihr Leben!
Leben Sie, solange Sie leben!
Ja, leben Sie denn?
Das nennen Sie leben?
Ist das Ihr Leben,
Oder wessen Leben leben Sie?
Leben aus der Dose,
Aus der Steckdose,
Aus der Konserve.
Leben aus dem Fernseher.
Rauschen im Fernsprecher.
Singende Elektronen im Kupferdraht:
Wir hören sie morgens,
Wir sehen sie abends.



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015. Stillgestanden die Millionen

Ich gute gern. Lachfalten flattern, gesehen im Ganzen; zuerst, zuletzt im Kleinen wie im Großen liegengelassen. Überfließende Gefühlskelche, Leuchtfeuer der Gerechtigkeit und Anker in der Brust, unter der Haut, versenkt vor vielen Jahren, wenn Wasser marschierte.
Der Winter macht mich morgens, macht nichts abends. Er kauert an einem Tag unter der Woche auf liegengelassenen Lügen und spiegelt sich im Wind. Im Winterwind schlafen, wenn Winterwinde schnarchen. An Kanonenfutter nagen, daran drehen, aufgehend über dem Nachtstrand. Benommene See, wate durch die Wellen deines Wahns!
Meine Decke war müde, meine Schmusedecke, und meine Angst flog in den Schlaf, meine nackte Angst. Wo sind die Tabletten? Sie liegen aufgereiht in Alleinseinsstimmung, aufgereiht wie Soldaten, bereit zu sterben, immer bereit aufgereiht. Sehr viele Gesichter schielen als Schatten aus der Wand. Sie bewegen sich, sie bücken sich. Sie jagen durchs Licht. Sie jagen wie Schattenflöhe durch Beinhaardschungel. Sie jauchzen, sie flehen, sie haben keine Augen Sie verschießen Kugelküsse und legen Mäßigkeitsgelübde ab. Erfolgszwerge klopfen an die Tür, an meine Traumtür: Neger putzende Kolonnen in waldwuchernden Hinterhöfen, in Hinternhöfen, und nebenan stutzt jemand die Wand an, ein anbewanster Tropfkopf, ein Fratzenmann mit Sterbehemd und Sterbehaube.



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014. Fürze unterm Mikroskop

Die Dramatante wackelt. Ihr Gesicht, ein Kopfkrater, sieht sich entzwei. Fegefeuerfurien zu ihren Füßen, auf der Schulter sitzt ein Papagei. „Ei!“ macht der Papagei und flennt wie eine leere Futterkrippe, wie eine volle Zweihundertzwanzigmannkajüte. Wir aber, die vor Unsicherheit Bebenden, wir sehen das nicht. Wir sehen nur uns selbst. Sonst sehen wir nichts. Die Fegefeuerfurien streuen einen Film über die Bühne, einen Film Gelassenheit zum Erschrecken der Zuschauer. Die Dramatante winkt unzulässig fahrwässrig. Kein Auge hört zu, kein Ohr sieht etwas.
Die Musik, das Orchester jault auf. Es bleibt kein Auge trocken. „Sie dürfen jetzt über mich lachen!“ fleht der Operettenopa, ein Mumpitz, der seinen letzten Atem verröchelt. Eine Zigarette quietscht dazu. Tauben spüren Glück. Sie fühlen sich wie Rentner. Keine Sachen haben sie zu packen. Das ist ihr Glück, ihr Großglückstück.
Raufhennen überlaufen die Bühne. Sie sind aus der Orchestergrube gekrochen. „Hals umdrehen!“ schreit das Publikum. Alles kreischt, und schon fassen die Diva, das heißt, die Dramatante, der Operettenopa, der Papagei und die Fegefeuerfurien ihnen ins Genick.
Schaufelbaggerserenaden schmalzen aus Orchesterflöten, und Trompetenpeters Tönen entnehmen wir, das sich das Ende weiter hinten oder oben verliert.


Ich habe aufgehört zu denken,
denke ich nach meinem Tod.



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013. So schlampt es sich hin

Heiße Saß und saß so rum. Suchte Süße, bis ich sauer wurde. Mein Geist schrie. Und bewegte nicht den kleinen Finger. Köpfe rollten, über Wiesen und durch Texte, durch fortlaufende Textlandschaften. Klappertexte lärmten im Kopf, ausgebrannte Seeleneimer. Manches blieb im kalten Bereich: kopfkalt.
Rausgehen oder Zuhause bleiben? Auf den Traumspielplatz zum Traumplatzspiel. Traumplatzen. Schmales Sprechen. Hände zetern und zitieren, die Stirn schwitzt und schwatzt. Luststaub, gefühlsfeuchter Staub der Lust, auf Möbeln, auf dem Boden. Angstschweißschwingungen im Raum, in Räumen ohne Öffnung, ohne Bindung, ohne Anbindung. Einsamkeit atmen, einatmen, ausatmen, immer wieder.
Da klopft doch etwas. Da klopft doch jemand. Da klopft mir jemand gegen Brust und Stirn. Es war nichts, fast nichts, denn es war nur Einbildung; es waren Tote, Tote in meiner Einbildung, also nichts, fast nichts. Tote zu sich sprechen lassen, denn Tote tun nicht weh. Milch singt handwarmzahm dazu. Alles in eine Tropfform oder Topfform bringen, Milch und Tote. Ja sagen, lieb lächeln, lieblich liederlich. Am Ende kommt Leben aus der Steckdose. Sonderbare Bewegungen des Krampfes sitzen dort ein: festgesteckt, eingeschnürt in Zweifeln.
Telefonhörer nehmen und hören, zuhören: Starkharkensenf und Schmatzen stecken im Sumpf. Volltrunken schwankt auf sie zu. Volltrunken heißt die Mondsichel. Wolken ziehen über sie her, Abendzucker in den Beinen. Strakharkensenf und Schmatzen haben sich festgefeiert. Dabei gehen ihnen alle Gründe, auch Anfangsgründe, verloren. „Komm auf die Kragenweite meines Schuhs herunter!“ Das schmatzt Starkharkensenf. Schmatzen gibt seinen Senf dazu. Schmatzen schmatzt: „Viele sterben, da sind ihre Haare noch nicht ergraut. Viele sterben, während ihre Haare noch nass sind.“ Bucheggern pfeifen zu Boden. Es haftet ihnen das Fallgesetz an. Starkharkensenf und Schmatzen brüten im Sumpf. Saufselig rot die Nase, und die Wangen singen Lieder. Dann versinken sie im Topfmoor bei Blasholm, Starkharkensenf, Schmatzen und Volltrunken, die Mondsichel.



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012. Ein Leben als Seifenkiste

Gähnen Sie sich einen Schritt nach vorn, auch wenn es weh tut! Wagen Sie etwas, damit Sie Ihr Zielfähnchen erreichen! Aber schießen Sie bitte nicht auf Bewaffnete! Man könnte es Ihnen übel nehmen. Ob Sie es dennoch auf einen Versuch ankommen lassen, liegt am Grad ihrer Zuziehung, ihrer Verblendung. Also los!
Schusskrank? Fächeln Sie sich Mut zu! Machen Sie Staub! Danach werfen Sie sich bitte zu Boden! Panieren Sie sich wie ein Staubschnitzel. Warten Sie die Suchtrupps ab, die über Sie hinweggehen werden. Hoffentlich fängt man Sie nicht. Sie wären für das Leben verloren.


Mir ist etwas zu Mute...
Sehr, sehr schön!
Und es hört erst auf,
Kurz bevor es von Neuem beginnt.



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011. Keine Angst vorm Armenhaus

Claus Trophobie traut sich nicht in das Geschäft, er traut sich nicht in „Fredi`ies Folterwerkzeugverleih“. Schwarzlichtröhren zischen grellgelb in alle Ladenwinkel und weit auf die Straße hinaus. Claus Trophobie pfeift ein Liedchen, er pfeift aus dem letzten Loch, so dass das Zufallspublikum wie umgerührt an einem Topfrand klebt und bebt: „Aufhören!“ Doch das kann Claus, den Qualball, nicht erschüttern. Mit Pfeifen und Singen neigt er seiner Seele zu. Dann holt der Praktischpatente aus und wirft Begriffe unters Volk, Begriffe wie Plastikentchen oder Kuhaugenkugelschreiber. Das Volk treibt daraufhin vor Paläste und in Saunen. Dort schwitzt es einen Traum aus, die Vorstellung, dass alle Schwestern Brüder seien.
Endlich fällt ein Schuss, ein Mensch, ein Traum, ein Lebenstraum fällt in Trümmer. Zurück bleibt ein Haufen - halb Mensch, halb Traum – immer bleibt etwas zurück, ein Rest, aus dem neue Blüten brechen wie einst im Maien.
Rettungsanker Liebe fällt vom Himmel. Er begräbt alles unter sich: Menschenhaufen und Traumtrümmer. Er nimmt Sehnsucht an Bord, jede Menge Sehnsucht. Die Hoffnung indes ertrinkt und sinkt zu Grunde, sie sinkt der Wirklichkeit auf den Grund. Zurück bleiben doppelte Böden sowie Banken und Versicherungen: „Grämt euch nicht!“ sagen sie. „Wir haben alles im Griff. Darauf könnt Ihr euch verlassen.“ Dann werfen sie sich ins Wasser. Und das Volk folgt ihnen. Zur Not - und darin wird es, das Volk, mit beschlagenen Füßen getreten - zur Not wird es an den Haaren herbeigezogen, es wird an den Strandrand des Konsums gepeitscht, es wird Konsumklippen hinuntergeschubst.
Nachrückende, nachdrückende Eindrücke: Kaum lebe ich gesund, fühle ich mich schlecht und werde krank. Schwächeschauer überall. Wenn die Morgenzigarette nicht mehr schmeckt, wenn das Herz schmerzt, dann ist irgendwas zu spät. Ab heute werden die Tage in Jahren gezählt. Abgerechnet wird später. Jahresringe werden gewogen und verhaucht.
Ein Fragment wird gefunden, von einem Zufallsfindling, ein Fragment aus Metall, vielleicht Eisen, vielleicht Bronze. Die Patina sieht gleich aus, ganz gleich, worauf.
Pickelpulen. Ausdrückgeschäfte. Warten. Schorf abkratzen. Sachte drücken. Abwarten einen Tag, eine Stunde. Rückenmark steuert die suchende Hand, unruhige, nervöse Impulse. Bücher warten auf dem Tisch. Sie stapeln sich vor Aufregung. Fein Büchlein, ich will mich statt dich ins Regal stellen. Dass du nichts weißt, Büchlein, find ich gut. Dass du doof bleibst, find ich besser. Bücherhallen können hundert Jahre alt werden. Widersinnig, widersinnlich und nicht wahr, nicht wahr? Zugezogenes Nichtwissen blendet!
Ich fresse Fische und Gäule mit Messern, mit Meinungsmessern, mit Blindbuchstaben der Erinnerung, bebadet und umbuhlt. Auf diesem verklebten Tisch sollte ich zum Schreiben eine Unterlage benutzen. So. Mir fällt Körpersekretaustausch ein, Gymnastik. Meine Mitfickgelegenheit hat heute keine Zeit. Sie bindet Mutterpflichten, Pflichten am heimischen Herd. Der Häschentasse ist der Henkel abgefallen.
Nein so was! Wir fahren, sie führt das Steuer, und ich beküsse ihre Seite. Nabelspiele. In weiche Bereiche einstreicheln, darüber hinweggleiten. „Bitte“, bittet sie, „drücke nicht auf meine Druckknöpfe! Das halte ich nicht aus. Da tue ich fast nichts, da laufe ich nur weg.“
Krampfstarraderhähne stellen sich ein Stelldichbein. Wiederholungen in der Endlosschleife. Gras geht. Gras geht nach Negernharrie. Gras flieht die Krallen der Krampfstarraderhähne. Diese bequakeln ihre Stärke, die Pappe isst, die aber nicht von Pappe ist, sondern Pappenheimer auftischt. Die Pappenheimer heißen Geratewohl und greifen nach ein, zwei Krampfstarraderhähnen, die sich - ein Gemeinschaftsknäuel - gemeinsam knäuelnd, zuziehend verkrampfen.
Dies bietet ihr Name. Damit kann arbeiten, wer arbeitet, wer will.



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010. Die schöne Auriole

Irgendwer wird es dir besorgen, irgendein Notlüstling, nur nicht ich. Und der Daheimgebliebene wird betrogen. Liebe für eine Nacht, eine Liebeslänge lang. Ein langer, verträumter Blick. Mein Ich eine Folie für eine Namenlose, die mich für einen andern hält: für den Daheimgebliebenen vielleicht. Oh, ich Lückenfüller, ich. Du nervendes, kleines Pissgesicht, du Missgeburt einer späten Frau, du verwöhnte, eingebildete Künstlerin: Halt dein Plärrmaul, oder die Hunde zerbeißen dich!
Keine Milch für den Kaffee. Kann man sich einen schlechteren Start in den Tag vorstellen? Körper voll Elektrizität und keine Möglichkeit zur Entladung. Metall. Aber nichts, kein Effekt. Keine Musik in den Adern, nur Blindheit, Wut, Zerstörungslust. Der Regen hat den Wind gegessen. Andere als Vögel, Fliegen oder olympische Ringe ziehen eine Gerade über den Himmel, über eine Blauplatte, die jetzt daliegt, tot, in Streifen geschnitten. Irgendwann geht die Sonne irgendwo vor Anker, und dort wird sie bleiben, und ein Morgen wird es nicht geben. Ein Morgen gibt es nicht.
Wahnbilder sterbender Kinder streicheln meine zernervten Augen, krepierende Kinder stimmen das Monster in mir milde, den Satan, einen Schreienden, einen Tobenden. Flieh, verlass diesen Ort! Er bringt dir Vernichtung, ahnungslose Hippieschlange...
Mein Wahn zerstörte einst die Burg auf dem Berg, die Bergburg am Horizont, und dein Drang zu Schmeicheln wird dir zum Verhängnis werden. Ich sage es dir, du Miststück. Scheiß dich fort von mir, kack dich in die Kloake deiner Abgründe! Hinaus in die Nacht, hinein in den Wind! Lass dich fahren in eine Zukunft und an Orte, die du kennst, die du Heimat nennst!
Wut und Hass wüten in mir. Ich räche mich für irgendwas, meinetwegen für ein Spielzeugauto oder für fünf Ditscher. Ich räche mich an dir. Ich werde Flechten in dich hineinpflanzen, ich werde Moose und Bakterienteppiche säen, in dich hineinpfählen. Ich werde singen, ich werde dir den Tod bringen. Und bist du endlich tot, dann werde ich aufspringen und den Meister um eine neue Heimstatt bitten. Und er, der Hass, der Grundlosgiftige, er findet neue Opfer wie der Strand das Meer. Er findet neue Opfer seiner Lust. Er bekämpft, wenn es sein muss, auch sich selbst.
Frohlockern. Mein Ich öffnet und schließt sich wie eine Blüte. Es hüpft herzlich hin und her: Ein Bier! Ein echtes, ein kaltes, überreicht von dir, meiner zufällig Gehassten. Das lässt mein böses Herz nur noch schneller schlagen, noch rasender, dreißig Mal so fies. Ich werde dir die Flasche an den Schädel schmeißen, die Flasche, nicht das Bier.




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009. Konzert für Käsebrot und Mundharmonika

Im Versteck mich suchen, den Teufel in mir einen Lügner fluchen! Dabei: zögerndes Hinauslehnen aus dem Fenster, Zurückzucken beim Gesehenwerden.
Dichtung, Verdichtung der Einsamkeit: Nach sechs Uhr - es ist Kleinstadt - auf die Straßen wagen, wenn sie sich von Körpern und Augen, von Gerüchten und Verleumdungen lichten.
Seltsam ereignislose Zeit zurzeit: Aufgehen im Ausgehen. Aufgähnen und Menschen treffen, menscheln, an Fremdem waschen, wichsen und wachsen. Sinn zählen, verdünnen, in die Länge zerren, zurren und ziehen. Am Sinnzwirn zupfen, solange die Stimmbänder halten. Geräusche, Grimassen und Muskeln spielen. Sie tanzen, drehen und spiegeln sich in den Gesichtern der andern. Sie flackern in den Augen der Aufgeregten, auf den Wangen der Entflammten, sie glimmen in den Fischnetzhäuten der Kalten und Bösen, und sie funkeln auf den Stoßstangen des Zuschauerchassis, in den Glasscherbenköpfen der Passantenwand. Buhlspiele auf dem Land, Buhlspielwiesen, die man in der Stadt aus dem Weg gähnen kann.

Und ich sehe,
Dass die Zeit vergeht
Und bin traurig,
Dass sie’s tut.
Und ich sehe,
Wie die Zeit vergeht
Und sehe ein,
Dass sie`s tut.



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008. Konzert für Geschwindigkeit, Kupplung und Bremse in D-Dur

Wehende Wortwinde, verwehende Wortwindungen, die einfachste Form das formlose Spiel der Worte. Ein Gesicht in Wortform. Ein Gesicht im Regen, ein verwaschenes, ein geschwundenes Gesicht. Wie drückt es sich raus? Wie ist das zu beschreiben, ohne den Regen zu beleidigen? Kopf seitwärts hängend schreiben, und zwar folgendes: Enttäuschungen nicht verheimlichen! Sich nicht versagen, Versagen offen auszusagen zu dem, der mit Erwartungen behäuft, diese nicht einlösen kann:

Zweihundert Gelangweilte
Warteten im Regen.
Sie nagelten
Die fremde Führerin
An die Wand.
Mit so vielen Gelangweilten
Hatte sie
Nicht gerechnet.



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007. Heute ist Sonntag, und Morgen ist ein Traum

Sekunden der Stille traten ein, und der Zug bewegte sich nicht mehr. Er war schwarz vor Müdigkeit. Sogleich gab er sich einen Ruck und verwandelte sich in weiße Bewegung.
Stopp! Sekunden der Stille krochen an den Fenstern vorüber, durch die Abteile. Ein Zug ins Nichts, ein anderer in die Lunge. Doch es musste weitergehen, irgendwie. Der Bewegungstrieb - dieser Weltherrscher - er war zu groß, zu mächtig. Meine Nerven lagen blank, so durchgeschüttelt waren sie. Sie verhakten sich ineinander, dass es bremste.
Der Führer saß im Zug. Er saß mir gegenüber und pöbelte. Dafür wurde er durchgefickt. Jeder durfte seine Meinung in sein Darmtor stecken.
Dann saß jeder wieder für sich allein. Alle waren verwirrt. Selbst die Pfeife des Schlaffschaffners stockte, sie trillerte schwach ausweichend.
Die Eisenbahn schwankte, hin und her, vor und zurück, immer wieder. Sinnloses Schütteln ausgelutschter Schienen. Auch das Essen bereitete Mühen und Sorgen: Würde es wieder hochkommen? Hunger ist die Bewegung des Magens. Dort beginnt die Reise, dort fängt sie an. Alles Übel aus der Selbsterhaltung heraus. Aber warum von Tatsachen als etwas Übles reden?
Dunkelheit, Nichts, Stillstand, Anfahrt, volle Fahrt, Kevellaer. Den Körper den Schlägen hingeben, den Schienenschlägen. Alle Bewegungen mitmachen, abfedern! Alle Mißtöne hinnehmen, aufsaugen und wieder ausspucken, wenn es sein muss mit Kommentar, sonst bleibt Krankheit als einzige Antwort zurück.
Was soll ich bei Verspätung, was bei Verstopfung machen? Nichts. Das Maul halten, und es nur öffnen, wenn es säuft.
Als ich ankam, augenbraune Eier im Gepäck, hoch beladen, da dunkelte es bereits. Das hätte nicht der Fall sein sollen, der Zugführer hatte sich verspätet. Sie holte mich vom Bahnhof ab. Meine Nervenbündel steckten in einem Anzug und darin fest.
Dann sprang ich in die Luft, während der Erdball aufwachte und die Drehung nachholte, die er vergessen hatte. Der Boden unter meinen Füßen verzog sich, so dass ich längsseits aufschlug. Traue keiner Erde! Tücke unterfüßig überall.
Bei ihr war es nett dann. Ich trage Eier Stücker zwei und denke Tag und Nacht an sie. Doch die Klingel kam meinem nahenden Kommen zuvor. Freundinnen wollten mich beschauen. Ein Mädchenstelldichein: Sie stellten sich darauf ein, Mädchen zu sein. Wir tranken Bier und sahen uns fern. Sprachen wir?
Es dauerte bis vier Uhr früh. Wir tranken außer Haus. Wir tränkten uns in schlecht schmeckenden, schlecht abgeschmeckten Volksküchen. Augen sahen schwarz. Wir traten in breite Schichten.
Mädchenaugen, Frauenbrüste, Schenkel weich und unbehaart: Neztstecker feucht. Ich ging zu schnell und kam auch so. Ich war laut, und sie war still. Trotzdem bekam ich einen Kuss.


Warum brennt das Rampenlicht?
Und wer hat zum Licht
Die Rampe erfunden?



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006. Eine mühsam zusammengehaltene Persönlichkeit

Medusa kann nicht anders, als den Weg zu suchen, den zu gehen sie einst betreten hatte. Er ist ihr vom Weg abgekommen. Da waren zu viele Kreuzungen. Jetzt, bei nachlassenden Lichtwinden, werden es immer weniger. Medusa wogt im Gabentopf ihres Menschseins und springt weiter bis ins Unteilbare. Dort zerspringt sie bis zur Unteilbarkeit. - Der Heiland liegt im Straßengraben begraben. Aber das nur nebenbei. - Medusas Gang schwingt, gaukelnd, schlenkernd. ‘Weggeworfene Beine’, denkt sie. Dann denkt sie weiter. Es könne kein Gemeinplatz so groß sein, dass er nicht im Meer versinken könne, ein Meer, das vom Land zu schneiden wäre.
Medusas Sicht verengt eine Nuss zu einem schwarzen Loch. Dort findet sie freie, ungenutzte, herrenlose Zeit, sie findet Stunden und Tage in einer unverhofften Ecke. Dort lacht sie sie aus. „Ihr noch da? Wo sind die andern? Hängen die Zeiten, die Tage, die Jahre, für die andern also noch zusammen, halten sie für sich zusammen. Tun sie was.“
Medusas Zeit läuft ab. Sie sinkt in sich zusammen, einsehend, dass vieles stärker ist als sie. Sie verschwimmt in einem Ozean aus Erbrochenem. Medusas Sinne legen sich in Falten. ‘Noch nie so viel fehlgefühlt’, denkt sie. Denkt sie das? Ja, doch sie denkt noch, sie denkt, dass es kaum zum Anhalten ist. „Nichtaussitzen kann ich“, lacht ihr hartes, trockenes Sitzfleisch. Es denkt: „ Nichts suchen, nichts finden.“
Medusa stirbt wie eine Zigarette. Sie verraucht, sie verglüht. Minuten verschwenden sich ans Leben, unzerdachte Zeit. Sie gibt sich ganz dem Genuss des Augenblickes hin. Und ein neues Leben beginnt.


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005. Gehirne müssen von Buchdeckeln erdrückt werden, sie sollen zwischen ihnen stecken und quietschen!

Ein Wandersmann steht in seinem Speichelfluss und schnauft. Säure satt in seinem Magen, Wurstbilder in den Ganglienzellen, im Gehirngängeviertel. Und schon ist es zu spät, schon geht er in die Falle. Mit einem: „Einen guten Tag auch!“ weht der Wandersmann in einen Imbiss hinein. Der Imbiss wartete bereits, er lauerte seit langem. Der Plastikvorhang schnappt zu, das Licht geht verloren. Übliches Rangeleigekreische sowie Ächzen drängeln sich in zugeneigte Ohren. Wie oft wird sich das wiederholen? Wer wird die nächste Wurst?


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004. Pinguin und Brunfthild

Pinguin bestellte Möbel und bekam sie auch. Brunfthild war dagegen. Jetzt räkelt sie sich auf einem billigroten Sofa. Pinguin kämpfte wie ein Bär gegen seine Hausgenossen, gegen die Kobbonen - Egbertiner. Mit viel Leiden schaffte er sie beiseite. Er beiseitigte sie. Dann war der Flur befreit, die Kobbonen - Egbertiner waren weg und vergessen, und die Möbelmeute konnte ihr Endlager besetzen.
Es ist viel täglicher Umgang, den Pinguin nicht versteht. Er hat die Regeln des Miteinanders nie gelernt und hat sich auch später nicht darum gekümmert. Der Verdacht rutscht aufs Tablett, dass Ping keine Pinguine mag, dass sie ihm egal sind, oder dass er Angst vor ihnen hat. Doch das sind Mutmaßungen, abgetragene Stiefel, alte Hüte, harter Käse. Ping kennt seine Angst. Er mag sie. Sie ist ihm nicht mehr neu und kann ihn kaum noch überraschen. Wie Freunde, oder genauer: wie Beinahfreunde gehen sie miteinander um. Pinguin und seine Angst: mehr als eine Notgemeinschaft.
Pinguin glaubt an seine Schlangenstimme. Er redet andere in den Tod, um nicht weiter Angst vor ihnen haben zu müssen. Seine Schlangenstimme treibt ihn an. Sie drückt auf seine Blase. Pinguins Harn dringt gern unverhofft durch. Davor hat er besonders Angst. Pinguin traut sich alle zehn Jahre etwas zu. Vor einem Jahr wagte er es bei Brunfthild, einem Püppchen. Und es hat geklappt. Jetzt ist sie Dritte eines Blumendbunds: sie, Ping und die Angst.
„Brunfthild“, sagt Pinguin eines Tages, „meine Hände sind so ruhig, und mein Herz rast nicht mehr.“ Aber Brunfthild ist schon tot. „Jetzt wirst du mir nicht mehr wehtun können“, rülpst sein Herz. Es schwitzen die Hände, es schwitzt, was schwitzen kann.

Grunzen und Keuchen kriechen aus der Küche heraus, sie schleichen sich in Pinguins Nervenzellen. Er, der deshalb traurig sein will, er meint, sich nicht dagegen wehren zu können. Aber warum? Warum sich nicht gegen sich selbst wehren? Sind wir nicht alle Gandhis und Buddhas? Nein. Pinguin ist nur ein Sachse, zur Irminsul erstarrend, zu einer vergessenen Säule in einem vergessenen Wald, zu einer vergessenen Vergessenden.


Pinguin öffnet das Fenster. Er braucht die Krachschlange auf der Autobahn, er braucht die Motormusik unter seinem Fenster, er braucht sie, um nicht allein sein zu müssen und um Brunfthild auszuhalten, seine Fee, seine Faulfee, die zu stinken beginnt. Aber ist das ein Grund zum Handeln? Nein.
‘England’, denkt Ping, und ans Anziehen, ans Umwandern von Teutonia und Britannia. Er will den bemalten Leuten dort ein Blendtraum sein und sagen: „Ich hasse Bücher, die mit andern reden können“, und, „Wenn ich tot bin, will ich es auch bleiben.“


Der Fernseher läuft und läuft und läuft.
Er steht auf einem Tisch und läuft darauf herum.
Er läuft Tag und Nacht.

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003. Das muss ich dir erzählen

Wie heißt du? Tantra? Liebe muss etwas Schönes sein. Ein Leben auf anderen Sternen. Beam me up, Scotti! Diese roten, runden Lippen! Sie singen „Lalala“, sie singen „Tschüs.“ Hinter ihnen klappern gespaltene Speichelzungenschlangen.
Ich sehe große Brüste, ihre, Tantras Brüste, von Schnee verweht. Soeben haben sie Händen Lieder vorgesungen, Gummihänden, die sie erzitterten und zitierten. Bei aller Selbstkontrolle hallte der unüberhörbare Schrei nach Liebe aus ihnen hervor.
Mein Hirn leer, die Hände schwielig, das Portemonnaie halb gefüllt, und das Bankkonto schweigt, es weint, wie immer. Es sagt nichts. Aber die Frösche. Sie sind wieder da. Und sie, die einen Namen hat so ungefähr, sie ist auch wieder da. Sie steht in meinem Turm, sie steht im Turm meiner Kopfkapelle und läutet Sturm. Sie hat einen Hintern wie der türkische Halbmond und Augen zum Hineinfallenlassen.
Das Lachen ist zu mir zurückgekehrt. Verirrt hatte es sich gehabt, hatte nicht zurückgefunden, es fror wie eine Winterpfütze, es erstarrte und verzog das Gesicht zur leblosen Fratze.

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002. Hitzestöhnen überall

Koffeinbeschleunigte Schriftzeichen, und die Kaffeemaschine hat immer noch nicht genug. Sie versprüht heiße Wassertropfen. Die Kaffeemaschine stöhnt, sie rauscht auf einer langgezogenen Orgasmuskurve dahin...
Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Bin ich etwa zerknirscht am heutigen heißen Morgen? Wir werden uns diese Woche wiedersehen. Wir werden uns Wasserskilifte angucken, Maschinen, die Hilflose hinter sich herziehen. Wir haben es verdient, wir alle, Zuschauer und Hilflose.
Mir träumte, ich führte einen Sportwagen und fände das Bremspedal nicht. Verfahren in Nordafrika. Tanger hieß die Stadt. Warum fand ich die Bremse nicht?


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001. Im Selbsterlebnis baden

Die erste Herbstkühle bräunt Blätter an Bäumen, Sträuchern, Blumen und Kräutern. Kirchenglocken laden zum Beisammensein, zum Singen und Zuhören ein. Mich haben sie nie gelockt, eher geärgert. Ich bin ein Kind oberirdischer Atombombenversuche. Sonnenstrahlen durchbrechen die Wolkendecke und geben ihr den Anstrich einer Meeresoberfläche von unten. Neben der Straße springt ein Wagenwrack nicht an. Papa zeigt seinem Sohn das Auto. Dunutzi plärrt. Er plärrt im Paradies. Die Quietschgitarre bekommt etwas nicht. Dann ist auch noch der Autoschlüssel weg. Verzweiflung in Papas Stimme. Er vernünftelt, er erklärt, er wiederholt sich. Anschlussstellen warten wie Steckdosen auf Kontakt. Doch Dunutzi hört die Worte seines Führers nicht. Er will das Paradies mit dem Geheul eines Motors überwältigen.
Filme hinter geschlossenen Augenlidern: Erinnerungen wachen auf, an sprechende Tage, Nachmittage, an Elfenbeine und Tränen im Knopfloch, an einen Lebensritt durch Schlaraffenlandschaften.
Auf Leberwerte warten, Angstgabeln im Besteck. Sie gehen wie ich in Schlangenlinien. Sie spießen mich auf. Sie werfen mich hungrigen Mäulern vor.
Wie gut ich mich verdrängen kann! Pläne hängen so hoch, daß sie als solche nicht mehr erkannt werden können. Sag mir, Sonne, warum? Warum und worum dreht es sich? Pläne winken, sagen aber nichts. Sie winken mit Kopftüchern, mit Köpfen und Tüchern. Sie gären und sind bereits bereit.
Mauerstümpfe ragen in einen Himmel, den ich nie gesehen habe, außer auf Bildern. Der Himmel hängt voller Augen, ein Bilderhimmel voller Augensterne. Wohin reicht ein Auge das andere?
Bleibe stehen, um mich zu bewegen. Es muss gehandelt werden, und das Handeln sucht Halt. Mich juckt eine Ahnung. Nur Platz, ein Ort, die Stille!
Schwersein beim Alleinsein und dennoch sagen können: Ich fliege. Alleinsamkeiten tauchen aus dem Meer auf, sie waschen Gehirne. Da sind sie wieder, ich sehe sie vor mir, wie Fata Morganen: sprechende Tage, Nachmittage, Elfenbeine und Tränen im Knopfloch, ich sehe sie alle, sie und einen Lebensritt durch Schlaraffenlandschaften.










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