"Schleuderträumereien oder Sein letztes Lächeln" - Teil 2

Samstag, 22. Oktober 2011 um 02:18 - futziwolf
Weiter gehts mit der täglichen Kurzgeschichte aus der großen Sammlung von Rüdiger Saß
Zu wenig Leute haben den Mut,
Vollkommenen Blödsinn zu sagen.
(Carl Einstein)


094. Der Pendler
Herrn Speichel, ein Glatzenmann, geht mit einem Hasen, vielleicht seinem, im Park spazieren. Er schleicht, und der Hase hüpft ihm hinterher. Schneller, immer schneller verlangsamt sich sein Schritt. Er schnellt in ein altes Gleis, in den Gewohnheitsgang. Ein Pendel saust vom Himmel herab, es haut die Bäume um, unter denen Speichel und Hase sich verlieren. Das Schweinsrosa seiner Glatze wechselt ins Leichenblasse. Er sieht das Pendel zwischen den Bäumen auf sich zu rasen, und er sieht die Bäume, unter denen er sich immer mehr verliert. Das Pendel hebt und senkt sich. Es schwingt immer wieder auf und nieder, immer wieder hin und her. Und plötzlich nimmt es den Speichelherrn mit sich.

Dass ich nie im Freien,
Im Kalten und Nassen
Übernachten muss!


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093. Gartenzäune des Denkens
Ein Volksheld ist ein Mann. Das ist er immer, auch wenn er eine Frau ist. Ein Volksheld hält das Volk zum Narren. Nein. Ein Narrenvolk hält sich Helden und Fernseher. Das Volk braucht sie, es braucht Helden, Brot und Spiele. Damit zerstreut es sich in alle Winde, damit lenkt es sich ab. Sonst müsste es sich mit sich selbst beschäftigen. Aber das tut es nur, wenn es gar nicht anders geht, denn das hasst es. Das Volk hasst sich, es geht sich auf Nerven, deshalb muss es sich zerstreuen, es muss an den Weihnachtsmann glauben, an einen kühlen, feuchten Sommer 1346, oder an einen Führer, an einen zum hinten hineinkriechen.
Also noch einmal: Was haben wir gelernt? Ja, bitte, Kaiser Franz Josef!
„Völker brauchen Helden, und die schenkt ihnen der Führer.“
Richtig. Aber was noch? Graf Popo!
„Volkshelden sind Männer. Meistens jedenfalls. Frauen müssen warten, bis ihnen Bart und Hose wachsen.“



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092. Freiheit lähmt
Ich kenne mich nicht.
Kenne mich nicht
Mich nicht
Mich
Nicht
Nichts
Ich
Ich weiß
Ich weiß nicht
Ich weiß nicht was
Ich weiß nicht, was ich
Ich weiß nicht, was ich mache
Ich weiß nicht, was ich machen soll.
Ich weiß nicht, was ich mache
Ich weiß nicht, was ich
Ich weiß nicht was
Ich weiß nichts
Ich weiß
Ich
Nichts
Mich
Mich nicht
Kenne mich nicht
Ich kenne mich nicht.


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091. Handkreissägensummen
Brilli Wedel geht es gut. Zwar könnte es ihm besser gehen, aber er winkt ab wie ein zu früh gekommener Bettballetist. „Bin arbeitsloser Arbeiter“, kräht der Kohlkopf, „Was darf ich wollen? Arbeitslager, Genickschuss?“ Brilli geht in sich. Kohldampf wabert durch Raum und Zeit. „Nein“, antwortet er nach Ewigkeiten. „Ich warte auf Mama und mache ihren Feierabend zur Hölle. Was bleibt mir anderes übrig? Ab und zu quäle ich kleine Kinder. Ich zerstückele sie bei lebendigem Leib. Ich esse sie vor ihren Augen auf, bis ich ihre Augen aufgegessen habe.“ Der Wedel schließt die Augen und genießt. „Sonntags macht Mama Braten oder Beinchen in Schulterblätterteig. Und zum Nachtisch vernasche ich sie.“
Das also steckt hinter der Bescheidenheit des Wedels. Dass der Kohlkopf keine Freundin hat, liegt daran, dass er seine Mutti hat. Glück gehabt! Ein Teufelskerl! Und wie ihm die Perücke steht!


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090. Ode an den Hasssack
Aus deinen Beinen kriechen Maden,
Aus deiner Hose Scheißefladen.
Aus deinem Hals quellen Lügen und Intrigen,
Dass deine Zähne aus der Fresse fliegen.

Aus allen deinen Poren
Spritzt beißendstrenger Schweiß.
Und an den Beinen spürst du
Pisseströme heiß.
Aus deinen Ohren fallen Placken,
Und deine Neurosepopel streifst du
Andern in die Nacken.

Nachsatz:
Man muss schon wüten, trauern, hassen,
Um solch Schreiberei heraus zu lassen.
Doch bekenn’ ich mich ganz frei,
So ungeniert wie er sich gab,
Wünschte ich ihn tief hinab ins Grab.

„Stirb!“
Sprach das Recht zum Verurteilten und:
„Steinige dich selbst!
Danach vergehe ich mich an dir.“



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089. Auszug aus dem Protokoll einer Debatte irgendeines Parlaments über Arbeitszeitverlängerung
Kanzler: „Ich habe Hunger.“ (Beifall der Regierung, Zwischenruf: „Ich auch.“)
Kanzler: „Wo bin ich hier? Ich will nach Hause, ich will zu Kanne. Kanne, wo bist du? Hätte mein Kartenleger nicht gesagt, ich soll den Mund aufmachen und mich wieder lächerlich machen vor Gott und Volk, dann wäre ich jetzt im Supermarkt und müsste nicht so lange anstehen. Gehe ich jetzt, ist der Laden völlig überfüllt (Gelächter der Opposition). Und ich werde wieder übersehen. Alle drängeln sich vor (Beifall der Regierung, „Jawoll“ - Rufe). Außerdem versucht mich die Verkäuferin immer zu betrügen. Sie denkt: ‘Das ist doch der Kanzler, der Idiot.’ Und dann sagt sie mir das ins Gesicht. (Beifall der Regierung, Zwischenruf: „Sehr richtig!“)



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088. Die Bettwurst
Ein guter Rutsch ins neue Jahr muss nicht teuer sein, besonders wenn die Großfamilie im Hof Sperrfeuer schießt. Also umkehren und beim Nachbarn Feuer legen, den Häuserkampf um Berlin genießen, währenddessen Bleigießen. Anfassen dann und knutschen, verlegenes Verlangen, bis Regenbögen unsere Herzen umspannen.
Endlich, das Feuer hat nachgelassen. Über den Hinterhof in den Hof auf die Straße wagen. Dann mit dem Wagen zu ihr. Unsere Wirklichkeit: Splitter im Kopf. Tafelsilberersatz und Plastikbecher im Schrank. Hirnluken öffnen sich. Wir sehen über Felder auf ein Waldstück, welches vor sich hin blickt, welches seine Wildheit bis zum Meer schickt.
Es wird nicht lange gestaunt: „Oh, wie schön ist deine Wohnung!“ Ich werde mein Glück nicht zwingen, ich werde es machen. Zivilisation ade, es geht ums nackte Überleben. Danach Zigaretten ins Schweigen stecken, dann weiter. Es kann auch Kaffee und Kuchen gereicht werden. Auch ist Zeit für Interviews, für eine Buchbesprechung.
Schade, dass nachts die Sonne nicht scheint. Vorhänge fallen über die Augen. Geist sackt im Suff ab, im Traumsaft der Nacht.
Dann kräht der Himmel, bis es graut. Erst die Wer-, dann die Wofrage. Wie kommen die Gedanken ins Knie, was suchen die Schmerzen im Kopf? Angstaffen wüten in Ganglien und Herzkammern. Furchtfurien kauen an ihnen herum. Kurz hingucken, dann lange wegschauen.
Und dann? Allgemeinleergut. Angstgabel und Schlaffhansel kauern am Tisch wie ein Notfurz im Fahrstuhl. Frühstück muss nicht sein. Erst der Kaffee, dann das Stützbier. „Brustnuss!“ sägt die Trümmerfrau, die Unbemannte, „Ich bringe dich noch mit meinem Auto um.“
„Ja, bring mich bis zur Spaßfeldgrenze, bring mich traumtanzenden Blattkelchen näher!“



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087. Auf Sommerfahrt über Land
Kälber kamen zum Zaun, um Gras aus meiner Hand zu fressen. „Nur zu, meine saftigen Steaks, schließlich seid Ihr nicht umsonst auf der Welt!“
Mein Blick suchte orientierende Begrenzung, die Allee, dann strebte er nach Höherem. Die Menschen schlugen die Wälder, sie erschlugen sie. Anstatt Wälder Wiesen und Felder bis zum Hügelhorizont.
Die Schildinschrift „Schlechte Wohngegend“ sowie ein Ausrufungszeichen dahinter schreckten mich nicht, und so radelte ich ins Dorf hinein. Schon löste sich von irgendwoher ein Schuss, nachdem die Hunde angeschlagen hatten. Ich beugte mich über den Lenker. Ich schnellte durch einen Kugelhagel die Hauptstraße hinab und hinaus auf einen Feldweg. Glück gehabt! Keine Verletzung diesmal.
Es ist das Nahe oft ferner als das Ferne. Mir scheint die Natur deshalb so fern, weil ich mit Kühen nicht umzugehen weiß und mir stets ein Handtuch unterlege, wenn ich mich ins Grüne setze.
Ein Landmann vermerkte mich in einem Notizbuch, ein misstrauischer Bauer, gestützt auf seinen Spaten. „Guten Tag!“ rief ich im Vorbeifahren. „Hab gerade deine Familie umgebracht.“
Nicht er mich, sondern ich habe ihn entdeckt: den Westernheld. Er machte ein Handzeichen mit Gesetzeskraft. Anhalten! Die Pistolentasche des Verstaubten schlotterte an seinem Säbelbein, und aus dem Streifenwagen kletterte sein Freund, der Bauer. Dieser hob die Dienstwaffe, zielte auf mich und lachte: „Da haben wir die Touristensau, die mich erschreckt hat.“



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086. Das Sonderangebot
Die Stellage wackelt durch die Stube. Sooft Harn auch faucht: Zurück an die Wand! - das Gestell hört nicht mehr auf sein Geschwätz, sondern steuert auf ihn zu. Schon duckt sich Harn unter Beschimpfungen und Flaschenwürfen. Er flieht in den Flur, hinein ins Klo.

Das Regal pocht und poltert gegen die Badezimmertür, eine entfesselte Furie. Harn sitzt in der Falle, er sitzt fest, denn das Fenster scheint zu schrumpfen, als er sich hindurch zu zwängen versucht.

Schon stöhnt sich die Stellage durch die Tür. Sie zerstückelt den Harn und ordnet ihn in ihre Borde ein. Dann stelzt sie zur Klonenklinik, in der sie ein neues Leben beginnen will. Hatte Harn die schönheitschirurgische Zeitschrift auf dem Tisch vergessen?



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085. Einfach mal rauslassen, die Sau
„Wo geht es hier zur Haltung, bitte?“
„Wie Sie zu Haltung kommen, wollen Sie wissen?“
„Genau.“
„Das kann ich nicht sagen. Ist mir neu, dass man zu Haltung kommen könnte wie zu einer Braut. Aber ich habe einen andern Vorschlag.“
„Und der wäre?“
„Wie wäre es, wenn Sie sich etwas Haltung zulegten?“
„Gegen bar?“
„Na klar.“
„Wie? So viel?“
„Gerade soviel, dass Sie wieder gerade gehen können, wenn Sie Ihren Ballast, Ihr Rückgrat auf den Tresen legen.“
„Wo find ich denn den Tresen?“
„Sie fahren über Ordnung und Selbstzucht, über Disziplin. Dort biegen Sie rechts ab, dann stehen direkt vor der „Orthopädie Teutonia“. Dort bekommen Sie auch ein neues Rückgrat, eines aus Gummi, und nehmen sofort Haltung an – in jede gewünschte Richtung.“



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084. Rufe aus dem Wald
Fühle, was du bist, du Radausau!
Leg dich bloß, du weiches, weißes Wild!
Dein Atem, dein Gesicht gleich dem eines Säufers am Morgen.
Du Schwundschädel, dein Leben ein Krieg, voller Krater und Ruinen.
Du gleichst Gottes Zorn während der Leichenschau seines Sohnes,
Du abgewiesenes Geschenk an die Menschheit.

Der Wetterherr verheert die Welt.
Er öffnet den Himmel und schleudert Genickschüsse auf euch.
Eure Kadaver werden von Zombies zernagt und zerfressen,
Von KZ-Scheinwerfern beleuchtet,
Von Scheinwerfern wie Menschenfackeln an Weihnachtsbäumen.



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083. Spinnweben
Spananier sehen wie Kaffeebohnen aus: ausgedörrt, geröstet und verbrannt. Die Inquisition diente ihnen als Blutpresse. Opferblut galt mehr als Gold. Deshalb wurde Klumbumbus verschickt, Amerika erobert, Indianer ausgerottet oder versklavt und so weiter und so fort.



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082. Abfertigung und Rampe
Grenzer Grenzmanns Grätzfrau grunzt: „Legen Sie Ihre Lebenslizenz auf den Tresen!“
„Hier auf die Theke?“ Saugwurst Hirnvieh ist sich seiner nie sicher.
„Nein, hier auf den Tresen.“ Grenzer Grenzmanns Grätzfrau zuckt ihren Ziegenfinger auf eine Stelle polierter Buche Natur. Saugwurst Hirnvieh orientiert sich. Dann dankt er und legt seine Lizenz ab. Die Amtskrake zieht Schultern und Brauen hoch. Ihre Froschfinger stolpern von Seite zu Seite. „Ungültig!“ unkt sie.
„Wer?“ Saugwurst Hirnviehs Schwarte schwitzt.
„Ihre Lizenz ist abgelaufen. Ja, wo haben Sie denn Ihro Kopf, Sie Hornfloh?“
„Hirnvieh“, verbessert Saugwurst.
„Tütellüt. Hirnchen halbes. Zu blöd, Ihr Leben zu verlängern. Tut mir leid, Herr Hirnchen. So kann ich Sie nicht durchlassen.“
„Aber wieso? Ich war doch auf dem Amt. Was kann ich dafür, dass dort niemand etwas tut?“
„Ja, und ich?“ Grenzer Grenzmanns Grätzfrau schäumt und wogt. „Soll ich Sie an die Hand nehmen, zum Amt gehen und sagen: ‘Herr Kollege, hier so ein Freundchen, ein halbes, dass sich nicht zurechtfindet. Seien Sie so nett, bemühen Sie den einen oder andern Stempel und unterzeichnen mit dem Ganzgewicht Ihrer Wichtigkeit!’ Ja, glauben Sie, ich hätte Zeit, mich um jedes halbe Hirnchen zu kümmern?“
Saugwurst lächelt. „Ja, wenn Sie so lieb wären, bitte!“
„Hornkuh!“ platzt der Amtskragen. „Vollhuhn! Sie sind festgenommen.“
„Wo bringen Sie mich denn hin?“
„Erstmal in die Zelle...und dann zum Arbeitseinsatz in den Osten.“

Doch nun danach aber erst endlich
Nachgerade jedenfalls
Schließlich Schluss für heute,
Abends, morgens, mittags!



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081. Die Entdeckung
Es wurde Nacht im Spielzeugparadies. Im Labor des Dr. Ruck spielten Röhrchen und Reagenzgläser verrückt. „Deutsche, schnarcht ruhig weiter“, wisperte der Forscher, denn endlich hatte er gefunden, wonach er jahrzehntelang gesucht hatte. „Der Endsieg ist nah“, begann er wieder. „Hier ist das erste Rattenvernichtungsmittel, das sich auch für Menschen eignet.“



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080. Der Schattenmann
Es geschah an jenem Tag, als die Sonne zum ersten Mal nach einem halben Jahr seine Augen überfiel. Da verlor Hasen Lehrbuch sein Gedächtnis. Rauchüberfall. Er übergab sein altes Leben der Geschichte und begann ein neues. Wie es aussehen sollte, davon hatte er keinen Begriff, dafür fehlten ihm Bilder und Buntstifte. Sein Blatt blieb weiß, es blieb unbeschrieben, unbeschreibbar. Schatten gingen darüber hinweg, bis es schwarz wurde.
Seit seinem Gedächtnisverlust verhielt sich der Kurzkopf wie ein Zitteraal, wie ein Angsthase. Unbekanntes Gesicht des Hasen Lehrbuch. Sein Inneres kehrte sich um. Es fegte sich nach draußen. Der Gereizte musste davon Kenntnis nehmen. Er aß Kenntnüsse, er rüttelte an den Gitterstäben seines Glücks.
Neue Bahnen mussten her. Schon warteten Schienen neben Schwellen. Hasen Lehrbuch brauchte Hilfe. Alle mussten anpacken. Kreuze mussten geschultert, Weichen gestellt und Bahnhöfe benannt werden. Hasen saß auf Ästen, damit alles in seinem Blickfeld bliebe. Er war ein Neugeborener, ein Hilfloser, ein Wiegenstrampler. War es seine Wiege? Stoffenten versperrten ihm die Sicht.
Plötzlich hatte der Kurzkopf alles wiedergesehen. Die Nebel über seinem Gedächtnistümpel lichteten sich. Aus den Sümpfen tauchten Erinnerungen auf, Träume flogen auf...und zerplatzten. Da hieß er nicht Hasen Lehrbuch, sondern Gestern Abend. Teure Wiedergeburt! Aus einem Hornschuh wurde eine Gurke. Hasen alias Gestern spuckte seinen Schnuller aus. Auch die Entchen flogen von den Augen und mit ihm jede Erinnerung, jedes Bild an Gestern. Vivat! Der Hornschuh ist tot. Es lebe die Gurke.



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079. Krisenblicke
Da heißt ein Krummkopf Achso Alt und wird Ladendieb aus Leidenschaft. Früher wollte er zur Müllabfuhr, dann in eine Wurstfabrik. Heute weiß er es besser. Unser Interesse entzündet sich. Wir folgen ihm in einen Großmarkt, bald einen Teddy, bald Waschpulver in den Händen. Das Granitgesicht schlendert von Regal zu Regal. Achso Alt kennt den Laden. Es ist der Ort seiner größten Erfolge. Hier weiß er, welches Gesicht zum Detektiv passt und in welchen Deckenecken Kameraaugen stecken. Ist der Unterschied zwischen Mein und Dein auskuriert, stiehlt es sich mit Überblick.
Achso Alt saugt an einer Zigarette. „Kippe aus oder raus!“ schnauzt der Marktleiter. Zu spät! Feuermelder und Sprenkelanlage arbeiten. Der eine schreit die Feuerwehr herbei, die andere hält ihre Wasserventile her. Bald stehen Ladendieb und Marktleiter in einem knietiefen See. Denkdecken verhängen ihnen die Sicht. Sie träumen, sie wären Entchen, kleine gelbe Plastikentchen. Zwei Großmütter, als Haie verkleidet, schwimmen vorüber. Sie jagen und zerfetzen die Entchen, die kleinen gelben Plastikentchen. Ein einziger Gänsekiel bleibt übrig, er bleibt im Kopfschmerzlicht der Leuchtstoffröhren zurück.
Polizisten kreuzen in Modellbaubooten auf, in Brustwarzenbooten. Die Donnerkröten lassen Drachen ins Grauen aufsteigen Sie schießen alles kurz und klein. Sie feuern Fangschüsse auf die Haiomas. Wer feuert? Keine Polizisten. Da schießen zwei Schuljungen in Uniformen, mit angeklebten Ohrläppchen und künstlichen Bananenhäubchen. Ihre Fliegengesichter leuchten. Die Freizeitsheriffs rösten Haifleisch unter Feuerzeugen.



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078. Provinzblasen
Sie verabschieden Hohn, Proll, Tschorsch und Ringo. Sie schieben sie ab, sie schubsen sie zurück, nach Haus, nach Angelland. Sie haben keine Zeit zu verlieren. Es muss jetzt geschehen, und es geschieht. Sie haben keine Namen. Sie heißen Hohn, Proll, Tschorsch oder Ringo. Sie sind Abschiebebeamte, Gefängnisschließer oder Asylrichter. Sie haben keine Gesichter, Eintagfliegen im Dunkel der Geschichte. Sie verblassen hinter Hohn, Proll, Tschorsch und Ringo, hinter Traumtauchern, die ihren Milchgesichtern noch im hohen Alter die Treue halten. Wer sind diese Neider, diese Fensterfliegen, die auf Seife in den Tod rutschen? Wer sind sie, die auf Schuldenbergen und auf den Landstraßen mittelloser Leute leben? Du, du und du, und du auch. Wo kommt Ihr her, wo geht Ihr hin? Ihr Mundtoten, Ihr Schreibhandlosen! Was bleibt von euch außer der Tatsache, daß Ihr Seifenblasen seid, Winkvieh, welches Hohn, Proll, Dschrosch und Ringo nach Angelland abschiebt?

Wenn man kleine Polizisten fragt,
Was sie machen wollen,
Wenn sie groß sind,
Werden sie sagen: Wasser.



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077. Aus dem Teutonenländchen
Faustwald freut sich seines neuen Leibchens. Es ist ein Leibchen für Spielchen mit Bällchen, für Füßchenbällchenspielereien. Dafür hat er, Faustwald, sich das Blütenweißleibchen zugelegt.
Wandbert grinst „Zu eng!“ und Guntgabel singt: „Wie schön!“ Dann hüpfen und springen die Drei und ihre Spielgefährten über die Wiese. Sie balgen sich ums Lederbällchen, das in seiner Mitte ruht. Wandbert rammt den ballfühlenden Faustwald. Dieser prallt gegen Guntgabel, dem Torpfosten, und der - stürzend - hält sich an Faustwalds neuem Leibchen fest. Dabei reißt er es in Stückchen. Gegröle und Getrampel, von Verwünschungen begleitet, von Füßchentrittchen und Fäustchenschlägchen. Zuletzt haben sich alle wieder lieb. Die Liebchen beschließen, Faustwald ein Leibchen zu kaufen, aber nur, um es beim nächsten Spielchen wieder zu zerreißen.


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076. Was ich liebe
Ich liebe alle Lebensäußerungen meiner Tochter,
sowie die Ruhe am frühen Sonntagmorgen.
Ich liebe erste Frühlingssonnenstrahlen und ihre Schattenspiele
und natürlich süßes Nichtstun.


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075. Was ich hasse
Ich hasse Hunde, Hundenarren, Hundenaturen!
Ich hasse Apfelschmatzer in Bussen und Bahnen,
Schuhsohlenschlurfer
sowie lärmende Stimmungen und Stimmen.
Ich hasse schrilles Pfeifen irgendwelcher Pfeifen,
Darmabfälle auf Straßen, Wegen und aus aufgerissenen Mäulern.
Ich hasse Autolärm und Abgase.
Ich hasse Langläufer
und Plastiktütenknisterer.
Ich hasse Nasenschleimhochzieher und
öffentliche Sackkratzer.
Das alles hasse ich, das alles und noch viel mehr...


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074. Historia von Traudel Schöntod und Klempner Fotzenbruch

„Ich freue mich auf einen warmen Winter.“ Traudel Schöntod sitzt Klempner Fotzenbruch auf dem Schoß und lässt sich von ihm waschen, legen, fönen. Dann legt ihr der Fotzenbruch ein Gratisrohr dazu. Durch die offene Wohnungstür dampfen Schweiß und Schmieröl in den Hausflur. Dessen Wände erzählen sich Witze, sie reißen schmutzige Witze, und die Lampen lachen dazu. Alle Lampen lachen und lachen: „Wackelkontakt auf Sinnbaustellen.“



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073. Und im Hof tropft Regen von den Dächern...
Eines zwielichtigen Abends sind sie sich begegnet,
Graubald Wehwurst und der Bürgermeister. Jener lag auf lauer Lauer und
dieser, Bürgermeister Jedertag, tat so, als ginge er spazieren.
„Gestatten, Wehwurst.“ Graubald trat aus seinem verschwitzten Winkel heraus, aus einem Hausausgang.
„Angenehm, Jedertag, äh, Bißfried, äh Harngold, äh Hosenglätter.“
„Gehen wir zu mir“, befahl Graubald und hakte sich beim Bürgermeister ein.
Bißfried Harngold Hosenglätter alias Bürgermeister Jedertag machte große Augen,
er bekam Pfannenaugen, als ihm Graubald Wehwurst vor lauter lautem Glück
den Kehlkopf aus dem Hals herausbiss.
Anstatt den Bürgermeister zu
zersägen und zu Fischfutter zu verarbeiten, lud er Freunde und Bekannte
zum Bankett. Für sich allein zu kochen, lohne der Mühe nicht. Graubald
glaubte, am besten schmecke es im Kreise seiner Liebsten. Und in diesem
Kreis finde sich immer Frischfleisch für das nächste Mahl.


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72. Mangelmann
Helm Kotland verlässt seine Wohnung sehr selten. Deshalb wundern ihn Luft und Sonne, als er die Straße betrat. Kühlschrank und Konserven leer. Das zwingt zum Handeln.
Zeit, zu begreifen, Zeit, Zeit zu begreifen, bevor es zu spät ist. Lebensweisheiten grinsen um die Ecken herum, ohne zu wissen, warum. Undurchschaubare Weisheiten, die um ihre Geheimnisse wissen, obwohl sie selten daran denken. Helm Kotland bricht entzwei. Einzig der Wunsch nach einer Wurst hält die Kotlandhälften zusammen. Der geteilte Mann sagt: „Und ein Pfund vom verrückten Rind, bitte!“
„Hirn, Herrn Kotland?“
„Ja, und Rückenmark, wie immer, bitte!“
„Aber haben Sie denn keine Angst?“ fragt die Verkäuferin, ein rosarotes Schweinchen. „Angst davor, wahnsinnig zu werden?“ Dem Schlachter, einem Ochsen, stocken Atem, Schnippeln und Schneiden. Er dreht sich und seine großen roten Bäckchen zu dem Kunden um. Kunde Kotland windet sich und sagt: „Doch, ich zittere vor Angst, aber mir bleibt nichts anderes übrig.“





Ein verregneter Tag,
Ein verregnetes Leben,
Verwischt, verwaschen, verlaufen.


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071. Historia von Herrn Kotland
Und wie er zu zween Erdflöhen kam
Es begab vor einem Jahr in Franzreich, wohin es Herrn Kotland verschlagen hatte. Am Atlantik hatte er Arbeit gehabt, viel Arbeit für Unterkunft und Verpflegung. Geld gab es nicht. Eines nachts aber machten sich seine Brotherrn auf und davon. Sie suchten das Weite der Welt. Herrn Kotland stank mittellos am Straßenrand. Aber er kannte sich aus im Franzenland. Er besaß einen Zettel voller Telefonnummern. Neben einer stand der Name Frickedelia Zuckluft. Sie wohnte in jenem Teil des Landes, den die dort Einsitzenden Korbbier nennen. Dieser Name deutet auf Karstgebirge hin, auf Dornröschendörfer und Siebenschläferstädte mit alternden, in der Hitze dösenden Häuschen.
Herrn Kotland ließ es bei Frickedelia klingeln. Die indes nahm den Hörer deshalb nicht ab, weil sie nicht wusste, dass ihr Telefon trällerte. Frickedelia Zuckluft war eine Suchende. An jenem Tag suchte sie sich außerhalb ihrer Wohnlandschaft.
Stunden vergingen, und der Kotland scheuchte den Rotwein immer mehr in sich hinein: „Rein mit dir, Bordeaux! Oder soll ich dir Beine malen?“
Als er kaum noch seine Zunge heben konnte, hörte er am anderen Leitungsende ein hohes, gestrecktes „Oui?“
„Delia, bist du es?“
„Oui, äh ja.“
„Ich bin’s: Herrn Kotland. Du musst einem Landsmann helfen. Nun sitz ich hier und weiß nicht weiter.“
„Komm her!“ trompetete es aus dem Telefonhörer. „Ich hol dich vom Bahnhof ab.“

Frickedelia Zuckluft belebte ein altersschiefes Häuschen in der Rue Paradox zu Firlefai. Nicht nur die Gastgeberin verzauberte den Kotland, auch die Hopfenhügel, die Bierberge vor dem Städtchen.
Natürlich konnte er sein Zimmer nicht bezahlen, eine Höhle, die er sich mit vielen Tieren teilen musste, mit Spinnen, Schlangen und Skorpionen. Man beschloss, dass Herrn kleinere Handgreiflichkeiten an und für Frickedelia verrichten solle. Dazu gehörte auch, den vernachlässigten Schrebergarten in eine Kulturlandschaft zu verwandeln. Kotland rief den Unkrautkrieg aus, er riss an Pflanzen und grub die Scholle um. Er pflückte Schnecken, stellte ihnen Bierfallen und warf sie Nachbars Hühnern vor.
Eines Tages aber geschah es beim Wenden des Bodens, dass Herrn Kotland Bekanntschaft mit zwei Erdflöhen machte. Sie sprangen ihn auf die Waden und bissen sich in den Kniekehlen unter die Haut. Dort legten sie ihre Eier.

Monate später, in der Heimat geschah das Wunder. Madame Zuckluft, das Meer und die Berge lagen halbschlafvergessen im Herrn, da wurde er von Juckreizwellen überschwemmt. Der Kotland kratzte sich lange, bevor er merkte, dass ihm Ungeziefer aus dem Bein kroch. Er bewarf seinen Mitbewohner, ein Stinktier, mit Verdachtnüssen. Aber nein, das Unglück entsprang seinem eigenen Fleisch.
Der Herbergsvater las seine Gäste auf und lud sie in ein Glas ein. Dann fuhr er in einem Zug mit einem Zug nach Firlei, um den Zuckluftgarten aufzusuchen. Diesen hatte die Natur zurückerobert. Nichts erinnerte mehr an seine Arbeit, an die Schweißtränen, die er dort eingepflanzt hatte. Herrn Kotland öffnete das Einmachglas, er warf die Flöhe dorthin, woher sie gekommen waren. Die Tiere sprangen auf und davon, sie sprangen zu Freunden und Verwandten. Hier, riefen sie, wir haben Ochsenblut mitgebracht. Sofort ruhte die Arbeit. Tische wurden gedeckt, Nachbarn eingeladen. Es wurde gekocht, gegessen und gesungen. Es wurde erzählt und gelacht, getanzt und getrunken.


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070. Landunter
Hengstbert Brotwald steht Kopf. Die Angst mahnt ihn zu ernster Miene. Denkdecken legen sich darüber. Dann dreht er sich um und sieht, wie er sich selbst hinterherläuft, wie er sich einholt. Mit einem Netz voller Fragen und Vorwürfen, mit einem Schmetterlingsnetz fängt ihn sein anderes Ich ein. Hengstbert Brotwald denkt, aus seinem Gedankendarm falle ein Hengst in einen Brotwald, ein Hengst namens Bert, der sich selbst hinterherhetze und fange, mit einem Netz, mit einem Schmetterlingsnetz voller Fragen und Vorwürfen.


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069. Gestern, heute und morgen
Er war zufrieden gewesen, der Herr Krautwedel. Er stand mitten im Leben. Die Dörfler nannten ihn den glücklichen Krautwedel. Eines Tages aber geschah es bei einem Autoausflug, dass ihn seine kneifende Blase zum Anhalten zwang. „Bin gleich zurück“, sagte er zu Frau und Tochter und stieg aus. Dabei kam das Auto aus dem Gleichgewicht und stürzte den Abhang hinunter. Der Wagen zerschellte auf den Felsen, er explodierte in der Tiefe. Der Krautwedel konnte nur zusehen, wie seine Familie in Flammen aufging.
Zwanzig, dreißig Jahre sind seitdem verlaufen. Irgendwohin. Und er lebt, der Krautwedel. Und wie! Er liebt das Leben und die Menschen, und er lacht und sagt: „So ist das Leben.“


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068. Hirnpfeifen
Ätzassel, ein Tausendfüßler mit Dunkelmännerstimme, fällt vom Rhododendron und bricht sich ein Bein. Er schüttelt das Beinchen ab und klettert auf den leckeren Strauch zurück.
Kurze Zeit später findet der Regenwurm Afnasi Buchendeckel das Tausendfüßlerbein und klebt es sich an den Kopf. Dann richtet er sich auf und schwankt hin und her, vor und zurück. Schließlich hüpft Afnasi bald hierhin, bald dorthin. Der Regenwurm weiß nicht, dass zwei Beine besser sind als eins. Während ein Beinchen gerade mal zu hüpfen oder zu springen vermag, können zwei gehen, laufen, trippeln, krabbeln und schleichen. Dem Wurm ist es egal. Nach zwei, drei Tagen ist er so geübt, dass kein Vogel der Welt ihn fangen kann. Wie ein Hase schlägt er seinen Häschern die größten Haken, so dass diese stutzen, staunen und lange Zeit, in manchen Fällen zeitlebens, nicht verstehen.
Froschaugen. Aus Afrika.
„Guten Morgen, die Herren! Blumen für die Toten?“
„Was, Sie? Sie wagen sich hierher?“


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067. Große Geräusche für kleinlaute Leute
„Segne das Zeitliche!“ sagte Gott zu Blähsucht. Dieser, ein großer Jasager, gehorchte und hüpfte in die Ruhetruhe. Blähsucht hatte einen Bruder namens Blähsus. Dieser wurde dem König vorgeworfen. „Erschlagt ihn!“ befahl der König. Als man ihn wegschleppen wollte, herrschte der Herrscher zu seinen Schergen: „Nein. Tötet ihn hier! Ich will zusehen.“

Und und und und und und und und
Dann dann dann dann dann dann dann dann
Bin bin bin bin bin bin bin bin
Ich ich ich ich ich ich ich ich
Am am am am am am am am
Ab ab ab ab ab ab ab ab
Grund grund grund grund grund grund grund grund
Ent ent ent ent ent ent ent ent
Lang lang lang lang lang lang lang lang
Ge ge ge ge ge ge ge ge
Gangen.


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066. Fliegengezwitscher
Schnepfen schnarchen, und die Mohnbraut ist davon aufgewacht. Sie reibt sich Brötchen und Kaffee aus den Augen und frühstückt. Die Schnepfen schnarchen weiter. Bald erscheint der Mohrenfürst Arthur Singball der Zweite. Seine Füße quietschen. Der Singball tänzelt zum Tisch, zu seiner Braut. Dort streckt er sich und schlägt sein Wasser ab. Nebenan, im Palastklo, passiert etwas völlig anderes. Dort tanzt eine Silberfischsippe. Sie sind bebibelt. Selbst sie!
„Mohnbraut“, lacht der Mohrenfürst. „Kauf meine Küsse los, leg sie bloß!“
Die Mohnbraut zeigt dem Singball eine Zeitfliege, belegt mit Broten. Der Geist Fürst Arthurs des Ersten summt auf dem Rücken der Zeitfliege herbei. Auch ER öffnet seine Hose, auch ER schlägt sein Wasser ab, aber nicht auf die Mohnbraut, nicht auf den Tisch, sondern auf seinen Sohn. „Nimm, Singball!“ summt Arthur der Erste. „Nimm! Damit du wirklich alles erbst.“


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065. „Abgemacht!“ schrie Sam Partch ins Telefon und streckte Conlon Nancarrow seine Hand durch den Hörer
Das Telephon klingelt:
Sam: „Jaaah?“
Herr Hierso Daso: „Hallo, Sam. Hier ist Helm.“
Sam: „Helm, ich bin nicht Sam. Mein Name ist Conlon.“
Herr Hierso Daso: „Ist Sam da?“
Sam: „Du, ich glaub, der fickt gerade.“
Herr Hierso Daso: „Weißt du wen?“
Sam: „Ich glaube Pussi, seine Freundin. Sicher bin ich nicht. Doch. Jetzt stöhnen sie.“
Herr Hierso Daso: „Gut. Sag Sam, ich ruf in fünf Minuten noch mal an!“
Sie glauben, sie sind Fliegen.
Denn sie sind wie sie.
Aber sind sie sie?


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064. In der Weite des Westen
Helmab Schönlecker heißt ein Kobold, der, losgelöst von den Bindungen der Familie, sein Glück im Westen, in dessen Weite, sucht. Dort sucht er seit Jahren. Der Schönlecker wohnt in Harnburg, in einer großen Stadt für kleine Leute. Der Kobold mit dem Krötenkopf liest Bücher über Zahlen und ihre Geschichte. Davon versteht er jede Menge. Nur Menschen bringen ihn durcheinander, ihn und seine Zahlen. So sehr sich der Krötenkopfkobold auch anstrengt, so oft er sie auch zählt, er versteht sie nicht. Mit Ziffern lasse es sich leichter Kirschen essen als mit Leuten. Zahlen sind für den Schönlecker durchschaubar, berechenbar, Menschen hingegen nicht.


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063. Abschied
Eine Wurst, eine Theke, Armada, die Verkäuferin, und die Sonne vor dem Schaufenster. „Macht es gut!“ sagt die Wurst. Sie späht aus der Handtasche einer Kundin zu ihren Liebsten zurück. „Bis dann“, und „Leb wohl!“ verabschieden sich Armada und die Theke von ihr. Sie winken. Die eine weint, die andere schwitzt.
Vor dem Laden kehrt die Kundin um. Sie legt die Wurst auf den Tresen und sagt: „Ich bin so blöd, bemerkt zu haben, dass es sich um eine besondere Beziehung handelt, die Sie miteinander verbindet. Da, nehmen Sie sie zurück!“ Die Wurst schmiegt sich zuerst an die Theke, dann an Armada. Die Kundin bekommt eine Salami. „Na dann“, weint die Salami, „dann ist es wohl Zeit, Abschied zu nehmen.“ Und dabei blickt sie ein letztes Mal auf Armada, auf den Tresen und in die Sonne, die den Laden in ein Goldlicht taucht.


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062. An Normaltagen
8 Uhr: Schwarzer Tee aus Engelland mit haltbarer
Milch.

8 Uhr 45: Englischer Schwarztee mit fettarmer Milch.

9 Uhr 45: Tommytee mit Milchschuss und einem Toast
Hawaii.

10 Uhr 45: Zwei Vitamintabletten und ein Glas Wasser.

Ca. 13 Uhr: Schwarzer Tee aus dem Lande Albion,
mit fettarmer, haltbarer Milch und einem
Toast Hawaii.

15 Uhr: Nach dem Mittagsschläfchen einen engelländischen
Schwarztee mit Milch (fettarm).

17 Uhr: dito

18 Uhr: Schwarzer Tee aus Großbritannien, versetzt mit magerer,
haltbarer Milch und einem Toast Hawaii.

20 Uhr: Schwarztee (engelländisch) mit Milch (fettarm, haltbar).

21 Uhr 30: Fencheltee.

22 Uhr: Kamillentee

Null Uhr: Gute Nacht!

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061. ...und Gefühle wie strahlende Sterne
Lausbald Wanstwurst ist ein altes Haus, ein morsches Gemäuer. Lausbald hat Geduld, Frau und Tochter. Eines Morgens kommt Maurer Reimbold und zerstört das Wanstwursthaus. Auf den Trümmern sitzen Frau und Tochter und wissen weder ein noch aus. Reimbold, der Maurer reicht Frau Wanstwurst das Wasser und seine starke Hand. Sie zögert nicht und greift zu.

Lever à six, dîner à dix,
Souper à six, coucher à dix.
Fait vivre l`homme
Dix fois dix.
(Franz. Sprichw., 16.Jh.)


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060. Vorher - Nachher
Haus.
Ein Haus.
Da, ein Haus!
Da steht ein Haus.
Da steht ein rotes Haus.
Da steht ein rotes Haus mit schwarzem Dach.

Da stand ein rotes Haus mit schwarzem Dach.
Da stand ein rotes Haus.
Da stand ein Haus.
Da, ein Haus!
Ein Haus.
Haus.


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059. Dunkelmännerstimmungen

Auf dem Tisch des mächtigsten Mannes der Welt schrängt das Drängelfälletelefon. Da der große Diktator gerade dabei ist, mit seinen engsten Beratern den Botschafter einer Armeleuterepublik zu quälen, nimmt die Putzfrau den Hörer ab. „Jaah?...Nein. Der Diktator ist in einer wichtigen Besprechung. Ja, ja, in Ordnung“, sagt die Schwarzarbeiterin, verheiratet, zwei, drei Kinder.
Frau Putzfrau sieht den großen Diktator im Nebenzimmer sehr beschäftigt. Er stranguliert den Botschafter mit dem Strumpf seiner Praktikantin. ‘Nein, nein’, denkt die Putzfrau, ‘wenn der Chef spielt, dann darf ihn niemand stören.’ Sollte sie unbedachter Weise ihr Leben riskieren? Sie dreht sich zum Schreibtisch um und drückt den roten Knopf, den Weltkriegsknopf.


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058. Der kleine Scheißer
Schiedl litt dreißig Jahre lang an Durchfall. Seine Hoffnung zu gesunden schwand wie eine Abendsonne. Er hatte sich schon lange damit abgefunden, sein Leben zwischen Bett und Klobrille zu vollenden, er hatte sich schon lange aufgegeben, da festigte sich sein Stuhl.
Jetzt strich Schiedl als Satansbraten umher. Er schlitzte Menschen auf und aß sie, roh, gebraten und gekocht. Schiedl: Menschenfresser aus Berufung. Schuld- und Reuegefühle kannte er nicht. „Gewissen hausen in Büchern“, schnäuzte Schiedl, der kleine Scheißer, „in Lehrern und Latein.“ Er kannte weder Bücher, Pauker noch Latein. Er sah sie manchmal über die Straße huschen, wie Geister, wie Dämonen in der Nacht. Im Schiedl gab es nichts außer Triebe, die ihn trieben, und nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war.


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057. Schaffe, schaffe, Häusle baue

Krampf zählt dreizehn Lebensmonate, Krampf liegt mit den Nerven am Boden. Er saugt an einer Zigarette und kippelt mit dem Stuhl. Wenn er die Abschlussprüfung im Begabtenkindergarten nicht schafft, kann er sich aufhängen. Dann liegt sein Lebensweg unter einer Lawine, dann bleibt ihm nichts anderes übrig, wie ein Normalbegabter über die Dörfer zu kriechen. Kaum stirbt eine Kippe, brennt die nächste zwischen Kleinkindkiefern. Kants transzendentale Metaphysik? Politischer Aristotelismus? Krampf schreit um Hilfe. „Willst du verlieren?“ schimpft Mutter. „Willst du uns ruinieren? Los, schick dich und lerne, du Nichtsnutz, du unnützer Fresser!“

Nihil est in intellectu
Quod non ante fuerit in sensu.
(John Locke)


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056. Tod eines Stutzers
Eines Mittags erwachte Graf Popo von Blasebalg mit einem seltsamen Gefühl in Bauch und linker Ferse. Er spürte seine Lebenssanduhr, er fühlte seine letzten Lebenskörner verrinnen. Fortan ging es nur noch schleppend voran: seinen Bewegungen schwand die Geschmeidigkeit der Jugend, und auch sein Denken, sein Hirnwirken nahm ab, es verlor sich wie in einem Labyrinth.
Graf Popo testamentierte für den Fall, Dinge und Menschen mit eigenen Händen nicht mehr halten zu können. Alles musste geregelt sein, wenn der Tod zum Tanz bitten würde. Und dann kam die Nacht, aus der der Snob nicht mehr erwachte. Am nächsten Tag öffnete sein Notar das Testament und stutzte. Der Verstorbene hatte verfügt, ihn nicht eher zu bestatten, bis ihm Haare und Nägel nicht mehr wachsen würden. Wie ein Barbar vor seine Ahnen zu treten, war Graf Popo ein Gräuel gewesen. Also sollte seinem Körper weiterhin alle Pflege zuteil werden wie bisher.
Groß das Entsetzen des Haarknechts. Ekel quälte die Fußmagd. Beide zogen sich im Beinhaus Melancholie und Schnupfen zu. Tage und Wochen vergingen, aber Talgdrüsen und Hornhäute gaben nicht auf. Ihr Kampf ums Dasein war noch lange nicht zu Ende...


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055. Haftung in Schadensfällen!
Unschmuck Unterdruck war aus dem Gröbsten raus. Die Schule hatte ihn entlassen, eine Zivilisationsmaschine, die ihn jahrelang vergewaltigt hatte. Mit Erfolg! Denn der Probierhengst hatte gefunden, was ein Volk sich wünschen soll: Arbeit. Er hatte die Wahl: Auf der einen Hand winkte eine Tütenkleberlehre, auf der andern eine Ausbildung zum Kartoffeltrockner. Unschmuck lachte. „Nie wieder Bücher!“ Von seinem Verdienst wollte er Eigenheime kaufen. „Endlich ist er von der Straße weg“, freuten sich Uhrgicht und Uhrwald Unterdruck. Die Eltern atmeten auf, als ob der Sohn ihnen auf den Schultern gesessen hätte.
Was war passiert? Weil Unschmuck während des Bärensprachenunterrichts nicht schon wieder vorlesen wollte, griff er sich Lehrer Karloschis Kehle. Als sich seine Finger wieder lockerten, hatte die Lehrkraft keine Kraft mehr. Das Opfer war für das Leben verloren, ein Lebensverlorener.
Die Schüler schulterten den Würger. Singend und lachend zogen sie zum Zuchthaus. Davon hatte Unschmuck ihnen vorgeschwärmt, nachdem er dort einen Wochenendurlaub verbringen durfte. Oft träumte ihm danach vom guten Essen, von warmer Kameradschaft und einer Zukunft als Tütenkleber, als Kartoffeltrockner.


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054. Der versperrte Fluchtweg
Es war einmal eine Ätzassel. Sie hieß Fliegen Urvieh. Als es sonnte, setzte sich Fliegen mit einem Freund aufs Flachdach. Wie schön die Aussicht, wie lecker der Wein!
Jahre später meckerte Vermieter Figgendigger. Ätzassels Stuhlbeine hatten seinerzeit die Dachpappe durchgedrückt, so dass Regen in den Dachboden drang. Geldopfer mussten Fäulnisgötter besänftigen. Das ärgerte Vermieter Figgendigger. Er ließ die Dachluke zuschweißen.
Als eines Tages Flammen im Hausflur standen, blieb Fliegen Urvieh nur der Weg nach oben. Hätte sie ihren Hintern seinerzeit auf die Pappe gesetzt und nicht auf den Stuhl! Dann könnte sie über die Dächer entkommen und müsste nicht ersticken, verbrennen, verkohlen.


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053. Die Pfeife
Blasius Pfeife ist eine bekennende Null. Sein Lieblingstier ist Luft. Gern möchte er so sein wie sie: unsichtbar und überall. Wie Wind will die Pfeife sein, wie ein laues Lüftchen, das hier etwas bewegt und dort schon nicht mehr. Er möchte sich aus dem Staub machen können. Mensch mag er nicht sein, sondern freier Wind, eine Pfanne oder ein Bleistift.
Alle Menschen um Blasius herum lieben, selbst die Schurken. Das macht ihn neidisch. Er will auch verliebt sein, will geliebt werden. Allein, er kann es nicht. Die Angst frisst seine Gefühle, seinen Mut. Pfeifes Leben gehört der Kunst des Modellbaus. Burgen und Schiffchen aus Klopapier bastelt er, als ob die Welt darauf gewartet hätte. Sie wartet, nur nicht auf Burgen und Schiffchen aus Klopapier.


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052. Suche vor Einsicht
Haltborst Hänger ist wieder soweit. Mit einem Lächeln, mit einem Kompliment wirft er sich vor fremde Füße. Schon wieder eine Frau, über die seine Flucht vor dem Alleinsein stolpert. Auch diese Frau, ihre kalten Schultern, ihre Stacheln geben Anlass zu erneutem Scheitern. Wieder verheddert und verstrickt sich Haltborst Hänger im Unglück. Ihm dämmert, dass sein Traumstern, sein Sehnsuchtsstern nicht aufgeht. Wo hat er den Stern bloß her? Wie ist er zu ihm gekommen?
Wenn der Hänger seine wahre Bestimmung erkennt – das Angeln! - wenn die Hormonorkane der jungen Jahre abebben, dann wird er endlich eine Zeit erleben, die ihm nie zu lang wird.


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051. Kuchenformen aus einer anderen Welt
Er war sich nicht egal, aber Freunde brauchte er nicht. Und schon war auch er Geschichte; schon lebte er nicht mehr: eine liegengelassene Bratkartoffel, fettig, verbrannt.
Ungezählte Tauben schossen über die Dächer. Keine bestimmten Tauben taten das. Es schoss die Gattung.
Zurück zu ihm. Als er noch nicht Geschichte war. Da war er Elektriker oder Kohlenträger oder Suppentopf oder so. Und er ließ die Seinen im Stich. Der Spielverderber ging vom Platz. Groß war sein Vergessen. Sonst war nichts. Ein Nichts war er, obschon nichts nichts ist. Man sagt das so. War er also was, ein „Nichts“ in bürgerlichen Sinnen.
Ein Zeitalter übergeht sich, bis es sich übergibt. Aber zurück zu ihm. Zeit hatte er wenig. Sie blieb nicht. Er konnte sie genauso schlecht wie sein Wasser halten. Deshalb ging er auf den Zeitstrich. Schön zu sehen, wenn Neutren sich emanzipieren.
Winde warfen Blätterschatten in launenhaften Mustern an die Wand. Was hatte er damit zu tun? Es war nicht einmal die Wand seines Büros. „Lieben Sie wohl!“ sagte seine Frau. „Und vergessen Sie Ihre Kinder nicht!“ Aber er vergaß und gab nichts. Er gab sich nur dem Leben hin.
Er arbeitete, gab vor zu arbeiten. Dann saß er, aß und telefonierte mit der Zeitansage, mit der Bahnhofsmission. Dann erfuhr er sein Auto. Hätte er wenigstens Wärme geben können, Aufmerksamkeit und Liebe! Aber nein, er blieb ein kalter Fisch, ein Tiefseefisch.
So starb er auch. Eines Morgens ist auch er gestorben. Als Fisch, als Krake, als Schattenmann. Nicht einmal tot gesoffen hatte er sich, er hasste Alkohol. Sein Herz sagte tschüß. So: tschüß.
Aber nun zu Ernsterem:


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050. Wem die Erde schwebt

Halbschuh Vinzenz hat sich sehr, sehr lieb. So selbstverliebt ist er, dass niemand in sein Herz findet außer er. Vinzenz glaubt schlauer als alle andern zu sein. Dieser Wahn kostet ihm nichts, denn er hat keine Freunde, die er verlieren könnte. Vinzenz mag Bücher. Viele hat er gelesen und viele viel zu schnell. Sein Verstand kann nichts festhalten, seine Sinne schwimmen auf Buchstabenwellen, bis sie verschwimmen, bis sie versinken. Schon früh in seinem Halbschuhleben wusste Vinzenz, dass er nicht nur Bücher lesen, sondern auch schreiben wollte. Das sollte ihn noch mehr von allen andern unterscheiden, das sollte ihn über die Masse schlechten Leders herausheben. Immer wieder treibt es ihn zu Stift und Papier. Dann zieht er weite Kreise, Buchstabenkreise aus dem Bauch heraus. Niemand weiß, was diese Kreise bedeuten, und es ist niemand da, der es wissen will.
Selbstzweifel fressen Vinzenz auf, Selbstzweifel im Elefantenformat. Zuletzt verliert er seine letzte Sicherheit, seine Eigenliebe. Lange hatte sie gehalten, sie hatte zu ihm gehalten. Jetzt ist sie hin, jetzt, in der Mitte seines Lebens. Jetzt kniet er sich in die Bibel hinein. Der Halbschuh liest immer noch gern. Das hat sich gehalten. Dann will der arme Sünder nach Santiago de Compostella pilgern, die Peitsche gegen den eigenen Rücken gerichtet. Polizisten rät er davon ab, ihn an seinen heiligen Handlungen zu hindern. Flehen und Fluchen prallen an den Ordnungsochsen ab. Wie alle Märtyrer wird auch Vinzenz verspottet und verprügelt. Der Halbschuh wird mitsamt seinem Halbschuhverstand hinter hohen, hinter himmelhohen Mauern eingesperrt.



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049. Der Würger

Er ist der Mann, der ständig würgt. Aber nein, er ist kein Mann, es ist ein Männchen, ein Hampelmännchen. Und es ist nicht das Männchen, welches würgt. Da ist etwas in ihm, das ihn würgen lässt. Seelenkröten quaken ihm zum Hals hinaus. Auch rotzt er gern, doch davon später. Das Männchen würgt und hustet, als ob Teerstraßen seine Luftröhre verstopften. Wenn er wenigstens rauchen oder saufen würde, wenn er Dreck in sich hineinfräße! Aber nein, nichts dergleichen. Er trinkt noch nicht mal schwarzen Tee.
Das Männchen mimt den Macker, den Harten, den Unerschütterlichen. Dabei schwankt es wie bei Windstärke siebzehn über seine Lebensplanken. Es schwankplankt. Das Männchen spielt einen Spieler: Es lässt sich nicht in seine Karten gucken. Es bedeckt seine Biographie mit Schweigen wie ein Politiker seine Verbrechen. Bloß keine Blöße geben!
Letztens sah ich seine alte Liebe. Ihr ist das Hampelmännchen hinterhergezogen, ihretwegen ist es aus dem Heimathorst gehüpft. Doch über Nacht hat sie sich die Provinzblase abgestreift, Muskelmänner fesselten ihre Sinne. Das Männchen hielt keinen Vergleich stand. Es würgte nur, es hustete, spuckte und rotzte.



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048. Drang

Immer wenn Uri Feuerwache stand, zwickte ihm die Blase. Sobald er oder seine Spießgesellen ein Feuer sahen, dann konnten sie sich nicht mehr zurückhalten, dann konnten sie sich nicht beherrschen. Wie oft hatten sie die Flammen schon ausgeschifft! Und wie oft wurden sie dafür halb tot geschlagen. Denn wo sollte man Feuer finden? Altsteinzeitler kennen weder Streichhölzer, Grillkohle noch Benzin. Entweder laufen sie einem Gewitter hinterher, hoffend, dass der Blitz einen Baum anzündet, oder sie überfallen eine andere Horde, eine Feuerhorde, was aber teuer werden kann. Gut, dass die Flamme jetzt von den Frauen bewacht wird!



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047. Hängende Tropfen

Das „Haus zum Schwanen“ ist Ort eines unverhofften Wiedersehens alter Bekannter geworden, fast könnte man sie als einstmals befreundet bezeichnen. Zur Begrüßung wurde sich umarmt, was zumindest dem einen schon schwerfiel. So sprach er dann auch nur von sich.
Irgendwann musste er Luft holen und Wasser abschlagen. Das nutzte der andere, um die Ereignislücke zu stopfen. „Weißt du noch“, brüllte er durch die Klotür, „als du, äh deine Frau gerade schwanger war?“ Ja, er erinnerte sich fast - nicht mehr. Es sei auf dem Bahnhof Schuppiluiuma gewesen, der eine habe den Zug bestiegen, der andere sei herausgefallen. Da hatte der eine dem andern berichtet, was während ihres vorletzten Wiedersehens passiert sei. Es sei zur Weihnachtszeit gewesen, irgendwann im letzten Jahrtausend, da hätten sie die Landeshauptstadt heimgesucht, um mit einem Kumpel und seinen Vogelspinnen Geburtstag zu feiern. „Mensch, was hatten wir Spaß! Entsinnst du dich?“
Der eine öffnete die Klotür. Er blickte in die Pupillen des andern und antwortete: „Kaum.“ Hatte er ihm wirklich in die Augen geschaut?



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046. Einschub

Eine Frau geht ihrer Wege, und der Winter bleibt nicht auf den Straßen. Nur Dächer und Bäume zieren Puderperücken. Die Frau heißt Mahomed. In einen Mantel gewickelt, ihre Kulturhaube auf dem Kopf, setzt die Rehkitzgleiche einen Fuß vor den andern. Über Glitschgrund hinweg geht es Richtung Arbeit. Dort streift Mahomed Kleider, Geist und Schnürstiefel ab. Es kommen kleine winkende Zehen hervor, rot bemalte Palisadenspitzen.
Das Zimmer schwitzt. Schon kniet Mahomed, schon hält sie eine Gleitschiene, eine Streichelstange in der Hand. Sie lächelt in ein halbes Dutzend Kameraaugen. Scheinwerferlichtüberfall. Dann lutscht und leckt sie das Fischstäbchen, genauso, wie man ihr aufgetragen hat, während sich eine Zunge in ihren Hintern schiebt...
Mahomed, die Rehkitzgleiche, steigt in eine Straßenbahn. Die Geschwächte denkt ans Abendessen, an Sabberschlangen, an Bananen. Schnee klebt an Bäumen, an Sträuchern und auf Dächern, auf den Straßen hingegen nicht.


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045. Herbst

Vergilbte Blätter, auf den nächsten Regen, den nächsten Windstoß wartend, um zu fallen, um von ihren Wirten, von Bäumen und Sträuchern herabzufallen; vom Staat verdingte Fronarbeiter, la´rbeitslose auf Riesenrasenmähern, in geometrische Formen gezwängtes Gras längsseits der Straßen, zwischen Parkplatzflächen, ein letztes Mal vor der Winterpause auf Normlänge stutzend; Laubkehrer und Papierpicker überall, denn es gilt, eine Republiklandschaft, eine Reicheleuterepublik zu scheiteln und zu striegeln, wo kein überzähliges Wild, kein Unkraut den geordneten Gang der Dinge stört.



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044. Gefallsucht

„Gut möglich, dass wir noch viel Spaß miteinander haben.“ Hamlet nickt ins Publikum. Seine Zuhörer hören ihm nicht zu. Sie trinken und lärmen an der Theke. Hamlet hat seine Munition bereits verschossen. Viel kullert nicht aus ihm heraus und zum Ende einer Vorstellung sowieso nicht. Er ist kein Unterhalter, der Stotterer, und schon gar nicht breiter Massen. Bühnenfelder sollte er denen überlassen, die sie ausfüllen können.
Hat er nichts zu sagen? Traut er sich nichts zu? Selbstvorwürfe nach jedem Konzert. Hamlet geht durch seine Hölle. Er quält sich durch Erfolglosigkeit.
Bislang hatte er die Maschen seines Traums noch nicht fallengelassen, bislang hielt er sie noch in der Hand. Er sah seine Blässe nicht, er verwechselte Körperfülle mit musikalischem Gewicht.
Der Wirt klopft ihm auf die Schulter. „Mach dir nichts draus, heute gucken alle Fußball.“ Hamlet trinkt sein Bier aus. Dann stoppt er die Schwindelfahrt und sagt: „Ich steige aus.“



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043. Der Verworfene

Er verdengelt sein Leben: von Müdigkeit zur Untätigkeit verurteilt, zu ewigem Schlaf, ein Schwächling ohne Antrieb und Ziel, ein Auswurf der Gesellschaft, ein aus der Gesellschaft Herausgewürfelter. Seine Name: Träne Frönsön.
Träne geht Kaffee kaufen und vergisst ihn mitzunehmen. Er ist in Eile und voller Gedanken. Nach Hause zieht es ihn, zu seiner Müllhalde. Träne Frönsön muss sich hinlegen, ausruhen, einträumen. Ihm fallen die Augen zu. Er stöhnt, er jammert: „Mir liegen die Gedanken wie Steine im Magen.“ Träne spuckt, er erbricht sich auf eine Rentnerin, er erbricht sich auf den Bürgersteig.
Als er wieder klarer sieht, erkennt er seine Mutter. Jahrzehntelang sind sie sich aus dem Weg gegangen. Frönsön hoffte sie woanders: im Heim, im Siechenhaus, unter der Erde. Der Sohn erschlägt seine Mutter. Er schlägt, er tritt auf sie ein, weil sie in ihm einen Versager wiedersehen musste, jenen Versager, den sie ihn immer genannt hatte. Sie hatte Träne das Gefühl anerzogen, schuldig zu sein. Daher seine Lähmung im Leben, seine Lebenslähmung, seine Müdigkeit, seine Vielfachverstopfung.
Nachdem er seine Mutter getötet hat, fühlt er sich wie Fallobst. Träne Frönsön fault an allen Ecken und Enden, er verfault. Währenddessen hängt er flüchtigen Gedanken nach: Polizist hatte er werden wollen, Kaffee und Klopapier wollte er kaufen. Schon wird ein Entschluss gefasst, schon wird er ausgeführt. Der Schwächling steuert ins nächste Geschäft. Dort regelt er den Verkehr. Marktleiter Fingerfisch, ein Krebspatient, drängelt ihn nach draußen. Klopapier bekommt Träne trotzdem. Doch das vergisst der Verfaulende auf einer Parkbank. Dort ruht er einige Tage aus, wie ein Toter auf Urlaub, wie ein Sterbender im Wartestand.
Hamlet erschrak,
Als er die Bühne betrat.
Bis auf einzelne Gäste
Gähnten ihm leere
Ränge entgegen.



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042. Wenn der Vorhang fällt

Torkel Trunkner schnappte nach Luft, als er sich selbst aus einem Fahrstuhl herausfallen sah. Der zum Überschnappen Überraschte ließ den Fahrstuhl Fahrstuhl sein. Das Treppenhaus führte ihn zum Ziel. Dort, im Ordnungsamt, musste der Staunende feststellen, dass er seinen Umzug bereits fünf Minuten zuvor gemeldet hatte.
Beim Bäcker das gleiche. „Tag, Herr Trunkner! Haben Sie was vergessen?“
Und Nackt Scharwenzel äugte wie zwei Faustbälle. Der Barbier wunderte sich über die Schnelligkeit des Haarwachstums. „Ich schwöre“, schwor der Schnippler, „vor einer viertel Stunde habe ich Ihren Schädelschmuck messerklingenkurz geschnitten.“
Als Torkel Trunkner zuhause Blumen in eine Vase zu stellen versuchte, in die Amphora mit Bartkäfermotiv, stand darin bereits der gleiche Strauß. Dann sah er sich im Türrahmen stehen. Wieder dieser Schwindel, wieder wackelte ein haltloser Boden, voller Charme, voller Reize. Nach dem zweiten Schwindel setzten sich beide Trunkner an den Tisch. Sie tranken den Wein jener Region, die sie seit jeher schätzten.
„Ich war heute beim Bäcker.“
„Ich auch.“
„Dann bin ich beim Barbier gewesen.“
„Na und? Ich auch. Das führt uns nicht weiter. Das führt ins Nichts.“ (Vorhang fällt)


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Veröffentlicht von futziwolf am Samstag, 22. Oktober 2011 um 02:18. Like it ? | poetry.

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