"Schleuderträumereien oder Sein letztes Lächeln" - Teil 3

Dienstag, 13. Dezember 2011 um 14:07 - futziwolf
Weiter gehts mit der täglichen Kurzgeschichte aus der großen Sammlung von Rüdiger Saß
Zu wenig Leute haben den Mut,
Vollkommenen Blödsinn zu sagen.
(Carl Einstein)


101. Die rote Zelle

Aufgesang:
Ich beuge mich über einen Eimer und übergebe mich. Das Übergebene verformt sich zu Mustern und Bildern.

Es fing mit dem Preisausschreiben an. Fernmeldemonopolisten suchten einen Platz für eine englische Telefonzelle. Und sie baten die Bevölkerung um Mithilfe. Plus Belohnung!
Dinge nahmen ihren Lauf. Ich schickte einen Vorschlag ab und wartete. Bald sah ich unter dem Türschlitz das Antwortschreiben. Darin stand, dass ich den ersten Preis gewonnen hatte.
Nun friere ich vor dem englischen Telefonstall und gebe ein Interview vor laufender Kamera. Nach der Ursache, dem Auslöser meiner Idee antworte ich: „Mich nervten Zuhörer im Zimmer, wenn ich mit meiner Freundin telefonierte. Was tun, wenn ich mit meiner Liebsten allein sein will und kein Handy habe? Richtig, eine Telefonzelle suchen.“
Der Fragensteller stellt keine weiteren Fragen. Der Fragensteller, ein Stubenjunker, spricht ins Kameraobjektiv: „Ein Telefonverschlag vor den Toren eines Städtchens, auf einer Kuhkoppel, Technik im Naturrahmen, ein zum Kunstwerk stilisierter Gebrauchsgegenstand.“ Und das solle als Stein des Anstoßes dienen, das solle Fragen und Zweifel hervorkitzeln. Es folgen Fakten: Telefonzellen seien der Gipfel der Logik, sie stünden dort, wo Menschen zu erwarten seien. Und sie verkörperten einen, wenn auch kleinen Ausschnitt zeitgenössischen Lebensgefühls, Gewinnstreben und Funktionalismus.
Meine Freundin und ich sprechen nicht mehr miteinander. Die Gründe, Fernsprechzellen aufzusuchen, haben sich für mich in Luft aufgelöst. Deshalb freue ich mich, und auch der Stubenjunker, mein Fragensteller, freut sich. Er kommt zum Schluss: „Die Telefonzelle ist nicht so sehr Symbol zeitgenössischer Fortschrittsbesessenheit, sondern Beweisstück einer dynamischen, den kapitalistischen Verwertungszwängen unterworfenen Gesellschaft. Guten Abend!“


Abgesang:
Das letzte Bild verschwindet unter einem jähen Schwall meines Magenmosts.



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100. Unterschiede

I.
Während die Menschen im Schlaf Kraft suchen für den nächsten Tag in den Ketten der Arbeit, fahndet meine Hand im Küchenschrank nach einem Glas. Es fällt zu Boden, eine fette Fliege fangend. Dann sehe ich ein anderes Insekt. Es fliegt auf mich zu. Ich weiche zurück und schlage nach meinem Verfolger, nach einer geflügelten Kröte, deren Beine wie gelähmt herabhängen. Mein Hirn führt mich zur Tür, es gebietet mir, sie zu öffnen und hinauszutreten. Die Flügelkröte mir nach. Mit einer Drehung bin ich wieder zur Küche hinein, ich schlage die Tür zu und atme auf.
„Du warst letztens voll daneben“, grinst Atze. „Du hast Froster, der keiner Fliege was zu Leide tun kann, so gereizt, dass auch er dich verprügeln wollte.“
„Hör auf!“ schreie ich. „Ich kann die Scheiße nicht mehr hören.“

II.
In der Morgendämmerung füllte sich allmählich das Schwimmbecken neben dem Fluss mit Uniformierten und Zivilisten. Ich fasste einen Kopf bei der Schaffnermütze und drückte ihn unter die Wasseroberfläche, ich drückte, bis er nicht mehr zappelte. Frauen flehten und kreischten am Beckenrand, sie falteten die Hände, sie fielen auf die Knie. Die Beamten sahen ihrer Niederlage entgegen. Sie wichen zurück, sie flohen in den Fluss. Wir ihnen nach. Die Strömung riss uns mit sich, doch der Kampf ging weiter. Als ich auf dem Deich Soldaten entdeckte, strebte ich dem Ufer zu. Dort suchte ich mich zu verstecken. Ich sah einen Überlebenden, einen Geretteten neben einem Panzer hocken, den Blick aufs Gras gerichtet. Doch die starrenden Augen sahen nichts, und das Hirn hinter der Stirn nahm das Grün nicht wahr. Kein Elektron der Erkenntnis durchzuckte es.
Dann fuhr ich mit dem Fahrrad auf die Stadt zu. An den Straßenseiten krochen und robbten die Frauen. Sie jammerten und weinten und fanden keinen Trost. Ohne einen Blick fuhr ich an ihnen vorüber - mich fror - bis ich plötzlich heiße Tränen auf den Wangen spürte.



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099. Offene Fragen
Fehlen Ihnen manchmal die richtigen Phrasen?
Sind Sie nicht schlaffertig?
Haben Sie Geldfieber?
Was macht Ihr Stuhl?
Singt er oder spricht er mit Ihnen?
Sagen Sie ihm Lebewohl?
Wann hat Ihr Glück Geburtstag?
Welchen Tag hatten wir vor zehn Jahren?
Wie heißt Ihr Glückstag mit Vornamen?
Wen liebt Ihre Frau mehr: Sie oder ihre Liebhaber?
Gehen Sie gern Kartoffeln pflücken, Äpfel ärgern, Saumägen auspumpen?
Wer hat Ihnen die Nase verpatzt?
Warum verpassen Sie Ihr Leben?
Wer pfuscht Ihnen hinein?
Ihr Wagen gar?
Die Großmama?
Oder Gargargar?


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098. Herbst Gottes
Und ich wandte und verwandelte mich in die Osterinsel. Und blickte auf den Berg Mose. Aus meiner Nase wuchs heiliges Land. Ich ließ es betreten, ließ jedes Sandkorn mit Opferblut tränken. Das besänftigte mich, und ich wandelte zur Inanna, ihr Dunutzi zu sein. Nächtelang durchwanderte und verdüsterte ich die Seelen Zarathustras, Platons und Manis. Früher oder später fand ich mich auf Hammurabis Gesetzstele wieder, als Priester in und aus Stein. Ich blieb Literatur und nahm die Gestalt des Neuen Testaments an, bis ich in die Schriften Ovids und Tacitus` einging. Schon wuchs ich zum Haus Gottes heran und tötete alle meine Schafe. Ich schenkte ihnen Flutwellen, Kriege und Seuchen.
Als sich die Zeiten wendeten, verkam ich zur Kaffeetüte und, im Herbst meines Lebens, fiel ich als Blatt vom Baum. Wie zu ewiger Strafe wurde ich als Teetasse wiedergeboren. Lüge! Ich schuf mich selbst. Über Jahre vergewaltigten mich Herpeslippen, bevor mir der Geduldshenkel brach. Ich arbeitete mich in einen Gassenhauer um. Ich flog und schwirrte durch Raum und Zeit, jedes Hirn, jedes Herz war mein Zuhause. Schließlich landete ich als Bidet im algerischen Exil. Hintern zogen wie eine Ahnengalerie an mir vorüber, bis ich platzte. Meine Scherben wurden nach China verschifft. Dort wurde ich zum Buddha, geformt, gebrannt und bemalt. Auf Kamelhöckern schwankte ich über die Seidenstraße nach Indien. Dort diente ich einem Asketen als Wasserpfeife. Dann landete ich im Fluss. Ich spielte Leiche im Ganges und trieb zum Meer. Kaum angekommen, veränderte ich mich in ein Gespräch armer Fischer, die ihre Dummheit, ihr Unvermögen beschrien und beklagten. Ich kehlte, und ich rollte die Worte, so dass sich die Fischer vor Entsetzten Lippen und Zungen betasteten. Ein Scherz! Dann zog ich weiter...
Als Laterne in der Straße der großen Gaunerei schlug ich die Schatten von Paris. Ich hob das Grün des Pissoirs unter mir hervor. Dabei bestaunte ich allerlei Handlungen, die Menschen an andern und an und für sich verrichteten.
Oft blickte ich mit Wehmut auf meine Leben zurück, auf Zeiten, in denen noch soviel Glaube in den Menschen war, dass ich ihnen als Gott, als Buch oder Urlaubsinsel scheinen konnte. Die Gläubigen hatten sich satt gesehen, sie hatten sich an allem überfressen. Sie erblindeten an Hochmut, an Selbstüberschätzung, sie sahen nichts außer sich selbst. Sie waren reif für die Insel. Deshalb, um den Kreis zu schließen, wandte und verwandelte ich mich in die Osterinsel.



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097. Über Bürden springen
Ich überquere die Straße und sehe, die Straße folgt mir. Dann merkt sie auf, sie zögert, dann zuckelt sie zurück. Häuser werden zu Apfelbäumen. Wenn ich sie berühre, fallen Menschen von den Ästen. Mich findet eine Pistole. Sie zwingt mich, mit ihr die Luft zu durchlöchern. Es beginnt, Regenbögen zu regnen. Unter meinen Füßen wandelt sich Wasser in Honig. „Ich Imker ich“, sagt eine Alte, die einst Priesterin in Babel war. Sie gebietet: „Knie nieder!“ und ich knie nieder. „Falte die Hände und neige dein Haupt!“ und ich verschränke meine Finger und senke in Ehrfurcht den Kopf. Als ich mich wieder erhebe, ist die Alte verschwunden. Einzig ein Lächeln, ein Grinsen purzelt durch Sauerstoffstraßen. Ich lege auf das Lächeln und auf die Straßen an. Die Kugeln schießen übers Ziel hinaus, sie treffen ein Auto, das daraufhin einen Apfelbaum rammt. Auf die Erschütterung hin wankt der Baum zur nächsten Tankstelle. Das Naturwerk beleidigt Zapfsäulen, bis sie explodieren. Ich zünde an fliegenden, an sprühenden Funken einen Nikotinschnuller an. Dann nehme ich die Schreie Verbrennender auf Tonband auf. Ich bin entspannt, mir kann nichts passieren.
Der Apfelbaumwald lichtet sich mit jedem meiner Schritte. Schon stolpere ich über eine Wiese, von neugierigen Pferden und Kühen eingekreist. Wir wiehern, wir blöken und nicken Neuigkeiten aus. Dann zieht mich der Strom zu sich. Er strebt zum Meer und klagt über Vergiftungserscheinungen. Ich befehle: „Fließ, Fluss!“ Plötzlich bleibt er stehen und beschimpft mich aufs Gröbste. Immer muss ich Recht behalten. Also hebe ich die Erdkruste und sehe: Der Fluss fließt. Ohne Doppelung und zwiefachen Boden. Mit einem Satz überspringe ich eine Förde und die Bürde meiner Macht. Ich bin Mensch mit Hirn und Händen und einem Gesichtsfeld, dem alles gehört.


Auf dem Grunde jedes erstarrten Herzens
finden sich ein paar Tropfen Liebe
- gerade genug, um die Vögel zu füttern.
(Henry Miller, Wendekreis des Krebses)



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096. Ende
Sie hatten ihre Abendgarderoben vorher noch in die Reinigung gebracht, jetzt tanzten sie zu ihrem Lied. Doch plötzlich verließen sie den Saal, bevor das Lied zu Ende war. Sie gingen und hinterließen nicht einmal einen Abschiedsbrief.



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095. Mit der Angel auf dem Friedhof

Eine Maus schleppt sich von einem winterkalten Kirchhof nach Haus, zu den warmen Wasserleitungen im Keller. Dort leert sie ihre Taschen mit den Mitteln, die sie am Leben halten sollen. ‘Heute gibt es eiweisreiche Kost’, freut sich die Maus, während sie sich eine Serviette umbindet. ‘Toll, dass es mir so gut geht!’ Dann drückt sie wie aus einer Tube Sperma aus einem Kondom heraus.

Und nun sag ich es schon heute:
Liebe wird mein letztes Wort sein,
Mein letztes Gefühl,
Mein letzter Gedanke.


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