Neue Prosa-Miniaturen und Gedichte von Rüdiger Saß

Dienstag, 17. November 2015 um 21:02 - futziwolf
Also sprach der alte Schwede
Der Vorsatz
Sieben Brücken
Weltweite Videoüberwachung
Ein Nachtlied


Also sprach der alte Schwede
Ich habe mir sagen lassen
Eine jede Sache habe zwei Seiten
Zwei bittere Wahrheiten
Zwei bittere Scherze
Zwei bittere Feinde …

Ich habe mir sagen lassen
Hab ich sei besser als hätt ich
So verhält sich die Sache:
Die Saat liegt gut
Mit Sack und Pack …

Ich habe mir sagen lassen
Ich sei gut dafür
Mein Haus in Dach und Fach zu halten
Und es mag gut sein
Dann und wann
Und hin und wieder
Nicht nur
Die Wäsche zu wechseln …


Der Vorsatz
Es hatte sich ein Vorsatz in Meister Unflats, des Hausmeisters, Hirn verbissen, wie eine Hyäne, wie ein ausgehungerter, reißender Wolf, jener Vorsatz, wonach der Meister mit seinem liebsten Spielzeug, einem Luftgebläse, einem mit Benzinmotor, der es in sich hatte, dem Laub, dem Herbstlaub, welches ohne alle Ordnung, den Buchstaben des Gesetzes zuwider vor seinem Haus, seinem Reich und Einflussgebiet, herumlungerte, am frühen Sonntagmorgen zu Leibe zu rücken, es aus den Augen, aus dem Sinn hinaus auf die Straße, in Nachbars Vorgarten und sonst wohin zu blasen. Die Hausbewohner lobten ihres Meisters Vorsatz, auch sie hassten nichts mehr als Unordnung, den Herd aller Unsicherheit, aller Gefahren. Nur eines sahen sie nicht, sie sahen nicht ein, ausgerechnet am frühen Sonntagmorgen – dem einzigen Tag in der Woche, an dem sie ausschlafen durften – von einem Laubgebläse, das es in sich hatte, aus ihren wohlverdienten Wochenendträumen gerissen zu werden. Und so rissen sie auf Befehl ihrer letzten Nerven, die wie windzerfetzte Fahnen flatterten, die Fenster auf und warfen all ihren aufgestauten Hass, all ihre stinkende Wut auf Meister Unflat, ihren ahnungslosen Hausmeister, hinunter. Die Leute sparten nicht mit Kraftausdrücken, mit Beleidigungen, sie sparten nicht mit Drohungen, Drohungen der Art: Wenn der Lärm, die Ruhestörung nicht sofort ein Ende nehme, werde es ein Unglück, ein großes Unglück geben. Meister Unflat focht all das nicht an. Er tat, als hörte er den Unflat nicht, der über ihn ausgekippt wurde, er tat, was er immer tat, er holte alles aus seinem Laubgebläse heraus, alles, was es in sich hatte. Es dauerte nicht lang, bis sich mehr als eine Haustür auftat, aus der zu allem Bereite, Amokläufer und die, die es werden wollten, heraus- und auf den Hausmeister mit der Zielsicherheit des Projektils eines Präzisionsschützen zuschossen. Der erste Schlag kam von hinten, er traf Meister Unflat wie ein Blitz. Darauf war der Hausmeister nicht vorbereitet, damit hatte er beim besten Willen nicht gerechnet. Der zweite Schlag stürzte ihn zu Boden. Mit der Flinkheit eines Wiesels drehte er sich auf den Rücken und hielt mit seinem Gebläse die Angreifer auf Distanz. Zwar hatten es alle in sich, Schläger und Gebläse, aber das Laubgebläse war und blieb der Sieger. Nach vielen, freilich vergeblichen Versuchen, nach allerhand Anläufen erlahmten die Kräfte der Angreifer, das Adrenalin in ihnen war verpufft, es machte einer Scham Platz, einer grenzenlosen Scham über ihren Gesichts- und Kontrollverlust. Zuletzt entschuldigten sich alle bei Meister Unflat, ihrem Hausmeister; die Amokläufer und auch die, die es werden wollten. Sie halfen ihm zurück auf die Beine und klopften, bevor sie wie ein Spuk, wie ein schlechter Scherz verschwanden, den Schmutz von seinem Kittel, sie klopften dem Sieger auf die Schulter und beglückwünschten ihn zu seinem kleinen, kräftigen Helfer, der es wahr- und wirklich in sich habe. Währenddessen belebte sich die Straße, die Hauptverkehrsstraße vor dem Haus, das Ein- und Ausfallstor der Metropole. Und in den Gestank und den Lärm der Wagenkolonnen mischte sich das Geläut naher Kirchenglocken, Gottes Werbegeläut, dann und wann übertönt von dem Scheppern eines Auffahrunfalls, von dem Geheul eines Martinhorns …


Sieben Brücken
Sie folgten ihren Nasen, sie gingen aufs Geratewohl, sie strichen durchs Land, streiften durch die Nacht. Gegen Morgen kamen sie an eine Brücke, die Brücke aber weigerte sich, sich von ihnen betreten zu lassen. Als sie es dennoch wagten, warf sie die Brücke in den Fluss. Sie retteten sich ans Ufer und folgten dem Flusslauf. Es war Frühling, und die Natur betrieb großen Aufwand: Es blühten Blume, Strauch und Baum. Und auch die, die dem Flusslauf folgten, betrieben trotz ihres Unglücks großen Aufwand: In ihnen blühten Blume, Strauch und Baum. Sie kamen zu einer andern Brücke, doch die Brücke stieß sie vor den Kopf. Sie stießen sich die Stirne voller Blut und Beulen. Also folgten sie dem Fluss bis zu einer dritten Brücke, doch die Brücke verlangte Brückengeld. Die Wanderer betrieben zwar großen Aufwand: In ihnen blühten Blume, Strauch und Baum, Geld hingegen nicht. Und so zogen sie weiter den Fluss entlang bis zu einer vierten Brücke, doch vor dieser Brücke warteten so viele Leute, dass es die Geduld unserer Wanderer bei weitem überstieg. Sie zogen weiter und kamen zur fünften Brücke, doch die Brücke wollte die Passage erst freigeben, wenn sie ihr die Geheimnisse des Lebens verrieten. Da sie selbst auf der Suche waren und keine Antwort wussten, gingen sie fort und kamen zur sechsten Brücke, aber die Brücke war eingestürzt. Es schien, als ob sie vor langer Zeit gesprengt wurde. Die Wanderer hatten großen Aufwand betrieben, nun sie waren müde: Blume, Strauch und Baum in ihnen waren verblüht, sie verloren ihre Blätter und ließen die Köpfe hängen. Und so folgten die Wanderer dem Flusslauf nur noch aus Gewohnheit. Als sie eines Winternachts zur siebten Brücke kamen, wollte sie niemand überqueren, obwohl der Weg frei und gefahrlos war. Sie starrten nur hinüber auf die laternenhelle andere Seite und schwiegen, sie schickten ihre frierenden, verschneiten Blicke wie gebeugte Greise über die Brücke, dann drehten sie ihr den Rücken zu und folgten ihren Nasen, sie gingen aufs Geratewohl drauflos, sie strichen durchs Land, streiften durch die Nacht.


Weltweite Videoüberwachung
Ein rabenschwarzes Feld, ein Winterfeld, auf dem die Sonne, ein großer, roter, glühender Ball in Scherben fällt, wenn wir es nicht besser wüssten. Die Sonne fällt und zerschellt nicht, sondern verliert sich hinter dem das rabenschwarze Feld begrenzenden Horizont, sie versinkt in einer Felsspalte, ohne Mucks und ohne Murks. Und ich warte auf den Tag, da ich, fern aller Zivilisation, vor einem Schild mit folgender Aufschrift stehe: Achtung! Dieser Wald wird videoüberwacht.
Wenn der Dealer, ein Paradebeispiel geistiger Verwahrlosung, endlich aufwachte, wenn er endlich aus dem Delirium erwachte! Es muss eine lange Nacht für ihn gewesen sein, eine fesselnde, trunkene, gesprächige, eine Nacht, die nicht mit ihren Reizen geizte. Und so bleibt mir nichts als zu warten übrig, in einem Wald, fern aller Zivilisation, vor einem Schild, das auf Videoüberwachung hinweist. Warten, bis die Dämonen des Schlafes verschwunden sind und mit ihnen die bunte Welt der Träume, diese lärmende Parallelwelt, diese Wirklichkeit sui generis: Der gelbe Gabentisch leuchtet so blau wie ein sonnenverbrannter Mohr namens Arierweiß. Dieser friert wie eine Wüstenpalme in der Mittagshitze. Er friert schwitzend, weil er so dick wie ein zeichenübersätes leeres Blatt Papier ist … Sein Hirn ein Klo: schmutzig, stinkend und verstopft. Und das Klo hängt an einer Wäscheleine und davor der Mohr als Teppichklopfer. Er klopft, schwitzend, schmutzig, stinkend und verstopft, er zerklopft das Klo, das in Scherben fällt und sein Sklavenleben verliert, vergisst und isst …
Diesen Tag überleben, vor einem Schild im Wald, fern aller Zivilisation, der Rest ist nicht wirklich, nicht wichtig, nicht wirklich wichtig, der Rest wird im Schnelldurchlauf durchlebt, zurückgelegt, zurück zu den Akten, meinetwegen auf Wiedervorlage … Durchhalten, bis die Welt ihre Schrecken verliert, wenn sie nicht mehr so wehtut, nicht mehr so schmerzt, nicht auf die Nerven geht, wenn alles wieder so sein wird, wie ich es will, ich, Gott meines Lebens, meines Willens, meiner Welt.
Es nützt nichts, vor dem Lärm der Stadt zu fliehen, in den Wald, fern aller Zivilisation, denn auch dort wimmelt es vor Menschen. Sie suchen nach dem Sinn und Unsinn ihres Lebens, sie stochern in den Komposthaufen ihrer Unwissenheit, ihrer Vorurteile herum, mit hängenden Köpfen, spirituell benebelt und berauscht, unangefochten und unbeleckt von der entzauberten Welt um sie herum. Sie suchen Gott und finden Geld, sie stoßen auf Geschäftsideen. Sie fallen in die Gruben, die sie anderen gegraben haben, eine Versammlung Unförmiger, Unbefugter, fern aller Zivilisation, in einem videoüberwachten Wald, in einem Wald vor einem rabenschwarzen Feld, einem Winterfeld, auf dem, wenn wir es nicht besser wüssten, die Sonne, ein großer, roter, glühender Ball in Scherben fällt.


Ein Nachtlied
Unsere lieben Frauen
In kleinen, schwankenden Schiffen
Segeln die Küste entlang
Und streiten um des Kaisers Bart
Die Gallen gehen ihnen über
Im schwarzen Flügelschlag der Nacht
Allmählich aber wehen sie hinüber
In die Gefilde der Geduld

Unsere lieben Frauen
Klimpern lang und breit auf dem Klavier
Doch in den Wäldern der Geduld
Nehmen sie Blätter vor dem Mund
Und die Küste und das Meer
Öffnen ihnen einen Weg
Im schwarzen Flügelschlag der Nacht



Trackbacks

  1. Neue Prosa-Miniaturen und Gedichte von Rüdiger Saß

    Rüdiger Saß ist zurück.Mit neuen Prosa-Miniaturen und Gedichten,jetzt im aponaut in poetry.Von Absurd bis schonungslos komisch, immer authentisch. Surrealer Social-Beat-Realismus. Und nächstes Jahr mit einem neuen Buch ...Bisher erschienen:

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