"Aus dem Nähkästchen eines Anarchisten" von Rüdiger Saß

Freitag, 8. Januar 2016 um 17:15 - futziwolf

Kein Typus ist unsympathischer
Als der in die Sozialdemokratie
Eingefriedete Anarchist
– Karl Kraus -

Aus dem Nähkästchen eines Anarchisten
I.
Auf dem Jungfernstieg lernte sie ihren Mörder kennen. Frau Einszweidrei, das Waschweib mit dem Vollbart, schielte auf den Hintern irgendeines Opfers ihrer Lüste, sie schielte mit den kalten, brutalen Augen eines Nazis. Es geschah an einem Feiertag, die meisten Sklaven, Götzendiener hinter Glitzerfassaden, hatten frei, und viele von ihnen genossen den verregneten Herbsttag auf dem Jungfernstieg, dort, wo man in Hamburg hinströmt, wenn man sehen und gesehen werden will. Der Wind wirbelte die Ausflügler vor sich her, er wehte sie wie Herbstlaub über nassbraune Blätterteppiche hinweg, Wechselwinde trieben sie hin und her, den Jungfernstieg rauf und wieder runter. Die Leute glichen fliegenden, singenden Kartoffelchips, und ganz besonders Frau Einszweidrei machte eine gute Figur. Die Ängste der Gelangweilten: Krankheit, Armut und Tod, konnten ihr nichts anhaben, Frau Einszweidrei kannte weder Angst noch Langeweile. Sie war auf der Suche nach einem mehr als magischen Abend, den sich jeder Cowboy, ein Cowboy wie sie, in den Colt ritzen würde. Das Waschweib strich sich durch den Vollbart, es spuckte aus, dann stapfte es auf ihr Opfer zu, auf Lällen, wie sich herausstellen würde, ein Männchen von der Sorte, welches sonntagmorgens vor einer rotleuchtenden Verkehrsampel strammsteht, obwohl kein Auto in der Nähe ist, einer, der seinen Geist an die Leine legt und der, wenn er abends von der Arbeit kommt, sich weinend in den Schlaf wichst. Lällen war in einem Alter, das – über kurz oder lang – den Marsch auf den Friedhof anzutreten begann und dessen Hinterlassenschaften auf dem Krempelmarkt verramscht wurden. Lällen hatte nichts dagegen, weder gegen das Alter und dessen langen Marsch in Richtung Friedhof noch von der Einszweidrei aufgegabelt und abgeschleppt zu werden. Mut bewiesen immer nur die anderen, Mut kannte Lällen nur aus Büchern, aus dem Fernsehen …

Es dauerte keine Stunde, und Lällen und Frau Einszweidrei waren ein Paar. Es ging alles sehr schnell, dann nochmal und nochmal ... ‚Meine Frau‘, dachte Lällen, als er später in seine Wohnung heimkehrte, ‚meine Frau klingt zu sehr nach mein Auto, mein Kühlschrank, meine Waschmaschine.‘ Ebenso verhielt es sich mit Begriffen wie Freundin, Liebste und andern Albernheiten. Als er diese Bedenken „seiner“ Liebsten vorträufeln wollte, hörte er ihren Anrufbeantworter sagen: „Ihr Anruf kann nicht entgegengenommen werden, da meine Mutter vor zehn Jahren ermordet wurde.“ Lällen machte sich zuerst Sorgen, dann machte er sich auf den Weg zu Frau Einszweidrei, um seine Sorgen zu zerstreuen. Auf sein Klingeln bekam er keine Antwort, kein süßes, erlösendes Summen des Türöffners, und auch auf sein zuerst verhaltenes Klopfen, zuletzt aber ungestümes Pochen an der Wohnungstür, zu der er sich unter allerlei Lügen und Ausreden in Richtung Nachbarschaft vorgekämpft hatte, gab es keine Reaktion. Als das Waschweib am nächsten Morgen aus der Wohnung trat, fand es Lällen schnarchend auf der Fußmatte, zusammengerollt wie ein Hund, wie ein hündisches Hündchen. Das ging der Frau dann doch zu weit mit den Gefühlen, es ekelte sie so sehr, dass sie dem Schlafenden mit ihren spitzen Stiefeletten in die Nieren trat. Lällen, jäh aus dem Land der Träume und der Liebe vertrieben, wähnte, es ginge um Leben und Tod. Und so umklammerte er des Waschweibs tretendes Bein wie ein Schiffbrüchiger den Rettungsring. Er klammerte so sehr, dass Frau Einszweidrei das Gleichgewicht verlor und vornüber fiel. Sie stürzte kopfüber das Treppenhaus, in das weit aufgerissene Maul des Todes hinab. Nach dem Tod verändert sich das Aussehen der Leichen, bevor es sich verliert: Frau Einszweidrei zeigte ihr wahres Gesicht, sie zeigte eine hässliche Fratze, die sie auch dann noch beibehielt, als ihr Lällen die Augen zugedrückt hatte. Er schulterte den schwammigen, schlaffen Körper und wuchtete ihn mit letzter Kraft die Treppe hinauf zurück in die Wohnung. Dann horchte er durch die verschlossene und verriegelte Tür ins Treppenhaus hinaus. Keine Spur von Leben, die Mietskaserne lag da wie tot, wie ausgestorben, und das ausgerechnet an einem Tag, an dem alle an den Fenstern lauerten, auf der Suche nach den Schwächen ihrer Nachbarn, eigentlich ein Tag, an dem mit den Türen geknallt wird, dass es kracht, jener Tag, an welchem Geschirr und Stimmbänder scheppern, und Staubsaugerarmeen aufmarschieren, kreischende Hochfrequenzmotoren, zu allem bereit, zu Überfall und Einmarsch in nichtsahnende, friedliche Länder ... Lällen sank zu Boden, seine Kraft, sein Bewusstsein ließen ihn im Stich, sie ließen ihn links liegen … Später, nachdem er wieder zu sich gekommen war, nachdem ihm einleuchtete, dass er nicht in einem Albtraum festsaß, kroch er auf allen Vieren zu „seiner“ Frau, zu seiner Liebsten. Doch alle Entschuldigungen der Welt vermochten sie nicht wieder zum Leben zu erwecken. Den Kopf auf ihrer Sesselbrust gelagert, schlief Lällen erneut ein ...

Als er abermals erwachte, war er ein anderer geworden. Alle Liebe, jedes Mitleid und Mitgefühl musste aus dem Fenster, musste in den Tod gesprungen sein, Lällens Gefühle waren einer beißenden Kälte, einer zischenden, giftigen Schlange gewichen. Er suchte, er fand die Küche, er suchte und fand ein großes Küchenmesser, womit er das Waschweib mitsamt seinem Vollbart in seine Einzelteile zerlegte. Das Leichenpuzzle spülte er Stück für Stück zum Klo hinunter, die guten Stücke jedoch, die Stücke aus Schulter und Hüfte fanden ihren Weg in Pfanne und Kochtopf, sie hielten Lällen bei Kraft und Laune. Er war auf den Geschmack gekommen …

II.
Als Lällen die Passage betrat, wähnte er sich wie in einer Kathedrale, einer Konsumkathedrale mit riesigen, gläsernen, sich automatisch öffnenden Flügeltüren und einem fensterüberwölbten, vierstöckigen Mittelschiff. Neben dem Eingang prangten riesige, runde, rotumrandete Warntafeln: „WER NICHT KAUFT, WIRD ERSCHOSSEN!“ Kein Zweifel: Lällen bewegte sich auf fremdem, feindlichem Gebiet, er fürchtete, in eine Falle getappt zu sein, nachdem sich die Flügeltüren lautlos, wie von Geisterhand bewegt, hinter ihm geschlossen hatten. Er fühlte sich wie ausgewechselt, wie verwandelt, aus einem Mensch, aus einem Bürger mit Rechten und Pflichten war ein Kunde, ein Konsument geworden, ein potenzieller Käufer, der sein etwas angegriffenes Gewissen nicht verleugnen konnte, das ihn immer wieder kniff und knuffte, da er kein Geld besaß, nicht einen Ditscher. In dem Merkurtempel, dem heiligen Hain des Kommerzes, herrschte eine andächtige Atmosphäre, eine gefilterte, trockene und keimfreie, auf etwa zwanzig Grad erwärmte Wohlfühlatmosphäre. Die Stimmen der Passanten, auf der Straße zügellos laut, senkten, dämpften sich sofort nach dem Eintreten, ehe sie, nachdem die Leute ihre Unsicherheit verloren, ihre Ehrfurcht vergessen hatten, wieder anschwollen. Stimmen und Schritte hallten durch die Höhen und Tiefen des Gebäudes und verwirrten sich zu einem Geräuschknäuel. Die Kapellen der Seitenschiffe beherbergten Geschäfte, und in den Geschäften stapelten sich Waren und Menschen, strenggläubige, auf Konsum trainierte, abgerichtete Jünger des Kapitalismus, in Glaubenskreisen „Verbraucher“ genannt, zur besten Arbeitszeit. Alle Geschäfte waren nach dem gleichen Schema aufgebaut: eine Schaufensterfront vom Fußboden bis zur Decke, gläserne, bis Feierabend geöffnete Eingangstüren, ein Tresenaltar, darauf thronend das goldene Kalb, die Kasse und drum herum Waren, sprich Glitter und Tand und Kunden, die sowohl der Glitter als auch der Tand, vor allem aber das in ihnen verborgene Heilsversprechen anzog wie ein dampfender Hundehaufen die Fliegen. Und über allem schwebten die wachsamen Augen unzähliger Videokameras und des Sicherheitspersonals, patrouillierende Tempelwächter auf allen Etagen, die Würde und Anmaßung all jener ausstrahlend, die Recht und Gesetz auf ihrer Seite wissen. Um die Säulen, die Betonsäulen des Mittelschiffs zogen sich geschmacksneutral gepolsterte Bänke, darauf es sich vom Suchen, Schauen, Prüfen und Kaufen ausruhen, innerlich einkehren ließ. Dort konnte man bequem und gefahrlos sein Restgeld zählen, Bons und Quittungen sortieren, Luft und Lust holen, dort konnte man telefonieren, den Blick schweifen und sich vielleicht von einem Produkt, das man noch nicht besaß, ins Auge stechen und fangen, einfangen lassen, während die endlose Herde der Gläubigen an einem vorüberzog, darunter Narren ohne die geringste Scham, Schellennarren, die ihre Schoßhunde zu Paaren auf dem Arm herumtrugen, Wohlstandswampen auf dem Weg zum Trog, zur Mast, Menschen ohne Gesichter, ohne Persönlichkeit, mit läppischen, verworrenen Gedanken und von Angst und Unsicherheit beherrschten Gefühlen; Menschen wie Waren, sich in blankem, falschem Marmor spiegelnd, vervielfachend, verlierend …

Lällens Blicke folgten einem Fahrstuhl bis zum vierten Stock, wo sich vom Lebenswillen Verlassene bequem über die gläserne Brüstung ins Kirchenschiff hinabstürzen lassen konnten. Aber wer kommt schon zum Sterben in die Passage? Kaum war dieser Gedanke verflogen, als ein vielstimmiger Aufschrei und Menschenauflauf Lällens Aufmerksamkeit fesselte. Da er die betonfeste Front der Gaffer nicht zu sprengen vermochte, segelte er mit der Rolltreppe in den ersten, zweiten, dritten und vierten Stock, und dann, dann endlich sah er den Salat, Menschensalat mit Soße, Blutsoße. Nachdem Lällen sich am Unglück des andern sattgesehen hatte, und er tat es wie ein Ausgehungerter, nahm er die riesigen Fensterfronten wahr, die den Blick auf die Straßen und Plätze der Innenstadt freigaben, Straßenschluchten voller Autos und Menschen - dienstbare Geister und Touristen - und über allem, wie zu Schutz und Schirm: ein tiefer, blauer, unbeweglicher Himmel, darauf Wolken, unschuldige Schäfchenwolken auf dem Weg von hier nach da und dort. Auch die Sonne ließ sich sehen, sie lugte immer wieder hinter den Wolken hervor und lächelte mild und voller Huld, voller Verständnis, voller Einverständnis auf ihre Schäfchen, auf all die vermeintlichen „Verbraucher“ herab, wie eine Mutter zum Kaufen, zum Weiterkaufen einladend, zum Leben, zum Weiterleben …

Ein erneuter Aufschrei, panisches Gekreische fesselte Lällens Aufmerksamkeit. Da hatte sich doch ausgerechnet der gesichtslose Mensch, der neben ihm gestanden hatte, ein Tourist, wie ihm schien, in die Tiefe, in den Tod gestürzt, ein Dutzendmensch mit einer teleobjektiven Kamera um den Hals, dem niemand die Lebensmüdigkeit angesehen hätte. Und dieser Dutzendmensch, der sicherlich keiner Fliege etwas zu Leide tun konnte, war auf eine kaufkräftige Kundin, auf eine Rentnerin gestürzt und hatte sie, wie es aussah, mit sich in den Tod gerissen. Die Ereignisse schienen sich zu überstürzen, als eine Alarmanlage plötzlich aufheulte. „Haltet den Dieb!“, lautete die allgemeine Parole, die sich wie eine Geschlechtskrankheit von Mund zu Mund fraß und die Aufmerksamkeit von dem Stillleben der starren, zermatschten Toten im Erdgeschoss auf eine schnelle, flüchtende Bewegung entlang der Balustrade im dritten Stockwerk lenkte. Eine ungewohnte, verunsichernde Hektik griff um sich, Panikwellen waberten durchs Kirchenschiff, derlei Aufregung und Unordnung war man nicht gewohnt in einer Shoppingmall. Doch auf die Tempelwächter war Verlass, sie waren, wo sie sein sollten, wenn man sie brauchte. Sie tauchten aus dem Nichts auf, aus dem Überall, zu zweit, zu dritt, zu viert schnellten sie aus allen Ecken und Enden herbei, sie traten aus den Schatten der Säulen hervor, mit Übersicht, mit einer Stulle im Mund, mit dem Finger am Abzug ihrer Privatpistole …

Sie stellten sich dem Dieb, dem Rechtsbrecher in den Weg, sie stellten ihn, sie stellten ihm ein Bein. Dann rissen sie ihn hoch, jäh, wie einen, der mit dem Kopf unter Wasser getaucht wurde, sie rissen ihn zu zweit, zu dritt, und machten kurzen Prozess. Den Regeln des Hauses entsprechend, warfen sie den Delinquenten, der sich mit seiner Untat aus der kapitalistischen Grundordnung hinauskatapultiert hatte, über die Brüstung in die Tiefe, in den Tod. Diesmal hielt sich der vielstimmige Aufschrei des Entsetzens zurück, diesmal waren es Applaus und Gelächter der Schadenfreude, die sich hören ließen. Lällen nutzte die allgemeine Aufregung und Ablenkung zu einem Besuch in einem Waffengeschäft im vierten Stock. Er ließ sich allerhand Werkzeug vorführen, automatisches und nichtautomatisches Mordwerkzeug. Er hielt den Verkäufer, der sich um keinen Deut von einem Kunden, einem Käufer unterschied, in Atem, er ließ ihn in seinem eigenen Schweiß schwimmen, so dass es ihm gelang, einen silberglänzenden Revolver zu laden und ihn auf den Verkäufer zu richten, der ihm den Rücken zugekehrt hatte. „Ich zahle in bar“, lächelte Lällen und drückte ab, drückte einmal, zweimal, dreimal, er drückte so lange, bis er sicher sein konnte, den Laden, ohne auf Widerstand zu stoßen, verlassen zu können. Und so tat er es auch. Und nur die Kameras waren Zeugen, die starrenden, neugierigen, aber schweigsamen Videoaugen des Waffengeschäfts. Lällen mischte sich unters Volk, unters Konsumvolk, und verschwand, und tauchte unter, schlendernd, mit einem Lächeln auf den Lippen, mit verklärtem Blick, mit dem beruhigenden Bewusstsein, ein würdiger Nachfolger eines Jules Bonnot zu sein.

Vor dem Eingangsportal warteten die Armut und das Alter, die Krankheit, die Not, das Elend und der Tod. Sie traten vor Kälte von einem Bein aufs andere und hielten die Hand auf. Sie hofften, dass für sie etwas abfiel aus der Welt der Reichen und Schönen, der Jungen und Gesunden. Und sie staunten wie Kinder am Heiligabend, anstatt Kleingeld einen Revolver in ihrer Hand zu halten.

III.
Der Park lag an der Stadtautobahn, viel zu nah, um sich länger als ein paar Augenblicke der Illusion hingeben zu können, fernab der Zivilisation zu sein, er war viel zu klein, um darin befreit aufatmen zu können. Hup- und Martinshornkonzerte vermischten sich mit erkältetem Vogelgezwitscher, Staubsaugerchoräle wehten aus einer nahen Häuserzeile in Kasten- und Containerbauweise herüber und mit ihnen wehte der Duft kochender Kartoffeln und Automotoren in den Park, Kaffee-, Waschmittel-, Seifenaromen schweiften umher. Lällen hatte sich buchstäblich in die Büsche geschlagen, er hatte sich wie viele vor ihm einen Weg durch das Dickicht gebahnt, über allerlei Abfall und Aussonderungen hinweg, um auf der Astgabel eines Baumes, einer alten, unerschütterlichen Eiche auszuruhen. Er sah aus wie jemand, der sich nicht zu helfen weiß, und er trug nichts als seine Primatenbehaarung und einen Strick um den Hals, ein Strick das einzige, was ihn noch mit der Menschheit, mit dem Baum, mit dem Leben verband. Der Rest war im Urlaub, auf Arbeit, auf Montage, beim Einkaufen, auf dem Friedhof … Wohin sich Lällen auch wendete, überall sah er Verzweifelte, die in Scharen von Dächern, Brücken und Schnapsbergen dem Tod ins aufgesperrte Maul sprangen. Und die, die es nicht taten, marschierten im Gleich- und Stechschritt durchs Dasein, Soldaten im Kampf um den Profit. Sie stürmten von Termin zu Termin, mit aufgepflanztem Bajonett, mit geschlossenem Visier, sie jagten ihrem vermeintlichen Glücksbringer, ihrem Sicherheitsspender, dem Geld nach. Ihre Gesichter aber hatten sie, falls sie jemals welche gehabt hatten, längst verloren; Sklaven, die tatsächlich glaubten, sie seien freie Menschen in einer freien Welt; Sklaven, die sonntags ihre Pfandflaschen zählten und nach Größe, Alter und Aussehen sortierten, um dann vor ihnen auf und ab zu paradieren.

Lällen hob ein letztes Mal den Blick, er suchte, um Abschied zu nehmen, die Weite, den Horizont, den Horizont und die Weite aber versperrte eine Tankstelle, und dann noch eine und noch eine ... Vor den Büschen stiegen Zigarettenrauchzeichen auf, Zeichen, die er nicht lesen, nicht deuten konnte, nicht wollte. Auf den Wegen und Rasenflächen des Parkes versuchte jemand, den Herbst einzufangen, indem er das Laub Blatt für Blatt auflas und in seinem Mund verschwinden ließ. Ein anderer klebte die abgefallenen Blätter an die Äste der Bäume. Es waren ihrer zu wenig, fand Lällen, als dass sie Erfolg haben würden. Er sah die beiden Narren, wie sie der nächste Frühling überraschen, überrumpeln würde. Er sah sie vor sich, der eine, wie er Blatt für Blatt wieder hervorwürgte und ausspuckte, und den andern, wie er mit Tränen in den Augen sein Klebewerk Blatt für Blatt von den Ästen zupfte … bis zum nächsten Herbst …

Lällen hatte genug; die Gewissheit, nicht der einzige Narr unter der Sonne zu sein, spendete ihm nur wenig Wärme des Trostes, eine Wärme so schwach wie das Herbstlicht. Lällen schloss die Augen und sprang vom Ast, auf dem er stand, er glich einem Amateur, der im Schwimmbad vom Dreimeterbrett hüpfte. Er glaubte endlos lange zu fallen, wie ein Fallschirmspringer aus drei-, aus fünftausend Meter Höhe, ein Fallschirmspringer ohne Fallschirm, nur mit einer Reißleine um den Hals, er breitete seine Arme zu Schwingen aus, er segelte durch das Nichts, durch das Vakuum zwischen Himmel und Hölle, zwischen Leben und Tod. „Ich habe“, sagte er sich, „alle Zeit der Welt, ich muss sie mir nur nehmen.“ Und endlich, endlich nahm er sie sich!

Als Lällen seine Augen wieder öffnete, als er sich von seiner neuen Heimat, dem Hades einen ersten Eindruck verschaffen wollte, sah er sich zu seiner Verwunderung auf den Armen eines der beiden Narren, der Herbstfänger sitzen. Dieser ungewisse Jemand hatte ihn und seinen Sturz, während er seiner Arbeit nachgegangen war und sich, Blatt für Blatt essend, durchs Dickicht geschlagen hatte, auf- und abgefangen. Lällen blickte zuerst in sein Gesicht und dann in noch eins, in das seines herbeigeeilten Kollegen, Gesichter, die allesamt bessere Tage gesehen hatten; er blickte in Pfannenkuchengesichter mit Flammenkranzfrisur, die, so schien es, nichts, nicht einmal ein vom Himmel gefallener Selbstmörder, aus ihrer Ruhe oder Stumpfheit oder was auch immer es war, bringen konnte. Es rauschten Bäume, Straßenbahnen und Autos. Ein bisschen mehr Einbildungskraft, und die Erde hätte gebebt. „Hoher Herr!“, sprach sein Fänger, der Blätteresser, und setzte ihn wie ein aus dem Nest gefallenes Küken auf den Boden. „Hoher Herr“, sagte er nach einem leeren, hohlen Husten, „sehen Sie, der Strick, die Leine ist zu lang!“ Und sein Kollege, der Blätterkleber, ergänzte: „Hoher Herr, Sie hätten den Baum höher hinaufklettern müssen.“ Und dann setzten sie ernste, wichtige Mienen auf; die Pfannenkuchengesichter wechselten wie auf Knopfdruck ihren Ausdruck von knüppeldicke doof auf immer noch doof, aber offiziell und amtlich. Sie zauberten Papiere aus ihren gelben Arbeitsanzügen hervor, aus dem Ärmel geschüttelte Ausweise mit Lichtbild und Stempel, die sie als Mitglieder, als hohe Tiere der Partei der Spezialdemokraten legitimierte. „Hoher Herr“, sprach der eine, „wir wissen, wer sie sind. Wir haben sie beobachtet.“ „Wir sind immer für sie da,“ fügte der andere hinzu, „wir werden sie nicht fallen lassen.“

Wer sich den Blick fürs Wesentliche, für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens bewahrt hatte, fernab allen Rauschens und Rumorens der bürgerlichen Erwerbswelt, wer mit den Augen eines Kindes in die Welt sah, stieß vor allem in den Parklandschaften, aber auch auf Verkehrsinseln und Friedhöfen und Hundewiesen … auf drei sonderbare Gestalten, drei Pfannenkuchengesichter mit Flammenkranzfrisur, die den Herbst mit aller Macht einzufangen versuchten. Der eine las das Laub Blatt für Blatt auf und ließ es in seinem Mund verschwinden. Ein anderer klebte die abgefallenen Blätter an die Äste der Bäume. Und ein Dritter, ein ungewisser Jemand mit nichts als seiner Primatenbehaarung am Leib, sprang bald dem einen, bald dem andern bei. Und man sollte sich nicht einbilden, es wären ihrer zu wenig gewesen!

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