3 neue short stories von Rüdiger Saß

Sonntag, 9. Juli 2017 um 22:49 - futziwolf

Die Großen Acht
Die Verwirrung
Danach passierte nichts mehr





Die Großen Acht

Die Großen dieser Erde, die Majestäten, die Potentaten waren zusammengerückt. Sie hatten ihre Staaten zu Kraftpaketen zusammengeschlossen, zu Machtmonstren, damit sie die Weltkugel drehen konnten, wie sie wollten. Die Reichstage der Weltmachtmännchen aber empörten die Völker mehr und mehr. Sie wollten die Geschicke der Menschheit nicht einfach wenigen hohen Tieren überlassen. Aufruhr spülte vor die Konferenzpaläste der Kontinentkapitäne, und bald verbluteten erste Märtyrer auf den Barrikaden.

Der Herr der Teutonen verfiel daraufhin der Idee, man solle so zusammenkommen, dass der große Haufen gar nichts davon merke. Und so lud er seine Kollegen nach Hamburg, nach St. Pauli ein. Seine Freunde, Luden und Drogenbarone, verteilten die Potentaten auf Stundenhotels und Haschischhöhlen. Der König von Schrängland und sein Stab lebten sich in „Lollis Stripbar“ aus; der Franzenführer und sein dollarischer Amtskollege schwangen ihre Tanzbeine in der „Ritze“, während der Duce seine Rakete in der „Welt des Sexes“ in Stellung brachte. Der Tenno nebst Gattin fand in der Bahnhofsmission mildtätige Aufnahme; der Kanaindianer tauchte mit seinem Adjutanten im „Studio Stangenfieber“, einem Swingerclub, unter. Für den Ärmsten der Reichen, für den reußichen Zaren sah das Protokoll ein Zweibettzimmer in der Unfallchirurgie am Transvestitenplatz vor.

Erster Treff der Erdballspieler ein Abbruchhaus im Alpstadtviertel, ein Heimatlosenheim. Mit ansehnlicher Verspätung erschienen die Teilnehmer. Alle lobten den Herbergskomfort sowie die Verschwiegenheit. Sie ließen ihre Gastgeber hochleben und sangen Teutoniens Hymne. Einzig der Zar zürnte, die Einrichtung sei auf Krieg berechnet.

Die Herrscher mühten sich, einander zu verstehen, denn das Asyl füllte sich mit Stammkundschaft. Die stritt nicht um Kredite, Zölle und Zinsen, doch ebenso heftig um Zigaretten, Bier und Betten. Einer dieser Gesellen, ein Schorfkopf, klemmte sich eine Weintüte zwischen die Zähne. Dann ließ er die Hose runter, bückte sich nur ansatzweise und bräunte den Fußboden. Wenn er wüsste, wen er da verblüffte!

Die Herrschertreffen verliefen in ebensolcher Harmonie und Ungestörtheit wie die von Partnertauschern, Kaninchenzüchtern oder Kronenkorkensammlern. Mal traf man sich im Fußballstadion, mal wurde in der Sauna konferiert, ein anderes Mal im Pornokino. Der Tarnvorhang hielt bis zum Schlussbankett in „Ali Barbars Dönerparadies“. Die Großen freuten sich schon – der reußische Bär mit Vorbehalten - auf das nächste Treffen. Aber noch wartete Arbeit. Das Schlussdokument für die Welt musste beraten werden, „Denn ihr wisst“, zwinkerte der Teutone, „die Öffentlichkeit des Urteils erhöht die Kraft desselben.“ Die Weltmeister rangen um den Schlusssatz, bis Ali Barbar sich die Augen rieb. Endlich hieß es: „Der König ist in allem, was er tut, unfehlbar, weil kein Höherer über ihn gestellt ist, der solches zu beurteilen und zu richten vermag.“


























 

Die Verwirrung

Jott Wideh ist ein Unternehmer wie er im Buche steht, eine Zierde, ein Prunkstück und Prachtexemplar des Kapitalismus, vom Verband der Plutokraten ein ums andere Mal zum Ausbeuter des Jahres gekürt. Seine Fabrik für Folterwerkzeuge gleicht einem Ameisenhügel, sie brummt wie ein Bienenstock während der Hochsaison. Die Aufträge aus dem In- und Ausland flattern dem Unternehmer wie Schwärme hungriger Fledermäuse zu, wie Tsunamiwellen … Kein Diktator, kein Folterknecht, der um seinen Ruf fürchten will, darf auf die Werkzeuge des Marktführers Jott Wideh verzichten. Die Daumenschrauben sind ein Klassiker, die Elektroschocker ein Muss, ebenso wie die chromglitzernden Waterboardingarragements mit integrierter Sitzbadewanne, die weggehen wie warme Semmeln. Der Herr der Folterwerkzeuge herrscht über seine Arbeiter und Angestellten wie ein absoluter Monarch, es heißt, er sei ein Diktator mit Macken, mit mächtigen menschlichen Schwächen und Abgründen, sprich ein Chef wie jeder andere. Seine Augen, oder genauer: die Augen seiner Kameras seien überall, und sie folgen, oder besser: verfolgen einem bis in den Umkleideraum, bis ins Klo. Die Mitarbeiterinnen werden nach Aussehen eingestellt; sie gelten generell als Freiwild, nicht nur in sexueller Hinsicht. Sollte sich ein Opfer widersetzen, was bei der hohen Arbeitslosigkeit äußerst selten geschieht, dann sieht es sich, kaum, dass es sich versieht, fristlos gekündigt.

Doch Jott Wideh lebt nicht nur seine Triebe ohne Hemmungen aus, sondern auch seinen Geiz, seine grenzenlose Gier, seine Niedertracht und Bosheit. Da geht er ganz demokratisch vor, wenn er seine Lohnabhängigen tyrannisiert, da macht er keine Unterschiede zwischen Alter, Geschlecht und Hautfarbe. Wenn ihm, natürlich hinten herum, Klagen über seine Hungerlöhne, über unbezahlte Überstunden oder gestrichene Urlaube zu Ohren kommen, kommentiert er das mit dem Standartsatz aller Ausbeuter, dass es jedem frei stünde, sich eine andere Arbeit, einen anderen Arbeitgeber zu suchen. Er sagt das, nein, meistens schreit er, als ob ein Arbeitsplatzwechsel so leicht wie ein Stuhlgang, wie Eisessen wäre. Zu seinen Lieblingsbeschäftigungen zählen neben Geldzählen und Bilanzfälschen das gegeneinander ausspielen: durch Streuen von Lügen, durch Spinnen und Knüpfen von Intrigen. Nur so wähnt er seine Macht, seine Autorität wahren zu können, nur so ist es ihm möglich, seiner ausufernden Aggressivität Tribut zu zollen. Zwei Kreaturen haben besonders unter dem Sadismus ihres Chefs zu leiden, zum einen der Abteilungsleiter für Streckbänke, Gurtgut Gurkert, in den Augen Jott Widehs ein Schwächling, ein Blatt im Wind mit dem Aussehen eines Schwindsüchtigen kurz vor Ultimo, und zum andern Nihilo Weroderwas, des Allgewaltigen persönlicher Referent und Blitzableiter, eine kleine, pomadige Null mit Silberblick und Seitenscheitel. Der unerträgliche Leidensdruck, das gemeinsame Los führte diese so grundverschiedenen Menschen zueinander, zuerst in der Kantine, zuletzt in den Kneipen, den Kaschemmen der Altstadt. Es begann mit lautem Klagen und Wehgeschrei getreu dem Motto: geteiltes Leid sei halbes Leid. Doch Jammern und Klagen hatten ihren therapeutischen Effekt bald eingebüßt aufgrund zu häufigen Gebrauchs und zu hoher Dosierung. Und so gingen die Gedemütigten dazu über, sich zu empören. Sie schmiedeten handfeste Rachepläne …

Eines Morgens steht der Weroderwas vor dem ausufernden Schreibtisch seines Chefs stramm und salutiert. Wie immer. Nach einigen Augenblicken ehrfürchtigen, ehrerbietenden Schweigens fragt er Jott Wideh, warum es diesen gefallen habe, seinen, also Weroderwas` Gehalt zum wiederholten Mal empfindlich gekürzt zu haben, trotz allem, trotz unbedingtem Einsatz und eiserner Treue, Tag und Nacht. Auch dies wie immer, jeden Monat die Frage nach dem Warum, dem Weswegen. Und jedes Mal bekommt der Referent die gleiche Antwort, das Gehalt bemesse sich nach der tatsächlich erbrachten Leistung und die ließe, sagt Jott Wideh und lächelt wie eine Eisskulptur, mal wieder sehr zu wünschen übrig. Der Boss weidet sich an den unwillkürlichen Zuckungen im geröteten Gesicht seines Referenten, Nervenbeben der Stärke Acht um Mund und linkes Auge herum. Es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis Weroderwas von einem Herzinfarkt oder Schlaganfall niedergestreckt werde, eine Vorstellung, die Jott Wideh einen leichten Schauer der Lust durch den Unterleib jagt. Ganz im Gegensatz zu seinem Referenten. Diesem scheinen alle Sicherungen durchzubrennen, nicht erst eine und dann die andern, sondern alle gleichzeitig. Mit einem Schrei, der an Urwald oder Weltuntergang erinnert, springt Nihilo Weroderwas auf den Schreibtisch und tritt gegen den Kopf seines Beleidigers wie ein Fußballer gegen den Ball bei einem Weitschuss. Jott Wideh kippt mitsamt seinem Bürostuhl nach hinten um. Zu seinem Glück verliert er das Bewusstsein, so dass er die Schläge und Tritte, die auf ihn niederprasseln, nicht spürt. In der Zwischenzeit ist die komplette Belegschaft unter der Führung Gurtgut Gurkerts, des Abteilungsleiters für Streckbänke und Mitverschwörers, angetreten und hat sich in einer Schlange vor dem Büro des Chefs aufgestellt. Dann wird einer nach dem andern gegen ein geringes Entgelt vorgelassen, um Jott Wideh endlich – endlich! - seine Meinung zu sagen. Kaum zu glauben, dass dieser die Misshandlungen überlebt hat, aber als sich alle sicher sind, dass Jott Wideh in der Hölle ist, regt sich der zerstörte Körper: Ein Wimmern, ein leises Stöhnen frisst sich durch die gespannte Stille und die Scham, die wie schüchterne Jungfrauen in das Büro schleichen, nachdem die Wut durch das Ventil der Gewalt geschossen ist. Der Schwerverletzte wird in seinen Stuhl gesetzt und an den Schreibtisch geschoben. Dann stehlen sich seine Peiniger, wie um einen Schlafenden nicht zu wecken, zur Tür hinaus.

In der Kantine treffen sich alle wieder. „Heute“, schreit Gurtgut Gurkert in die Menge, „heute wird nicht bezahlt, heute ist Zahltag.“ Weiß der Geier, wo der Alkohol auf einmal hergekommen ist, der in rauen Mengen über den Tresen geht. Im Handumdrehen fachen Bier, Wein und Schnaps die Gemüter zu neuen Taten an. Jemand solle gehen und nachsehen, ob das „Schwein“, die „Sau“, noch lebe. Nihilo Weroderwas fühlt sich als persönlicher Referent des Chefs berechtigt, diesen Auftrag vor allen anderen zu übernehmen. Es dauert zehn, fünfzehn Minuten, eine gefühlte, zum Zerreißen gespannte Ewigkeit, ehe er in die Kantine zurückkehrt und berichtet, das „Schwein“, die „Sau“ sei immer noch nicht verreckt. „Dann geben wir ihm den Rest“, ruft Gurtgut Gurkert, „dann stechen wir das Schwein eben ab!“

Es ist nicht auszumachen, wer die Polizei alarmiert hat, doch als diese im Lauf des Tages am Tatort eintrifft, findet sie die Belegschaft an ihrem Arbeitsplatz vor, so, als ob nichts vorgefallen wäre. Die Fabrik für Folterwerkzeuge gleicht einem Ameisenhügel, sie brummt wie ein Bienenstock während der Hochsaison. Lediglich Gurtgut Gurkert und Nihilo Weroderwas haben unterdessen das Weite gesucht, aber nicht gefunden. Noch am selben Tag werden sie eingefangen, zwei zappelnde Schmetterlinge in einem Schmetterlingsnetz.


























 

Danach passierte nichts mehr

Wahrheiten werden nicht gefunden, sie werden herbeigeredet, hervorgezaubert, zusammengebraut, zurechtgebogen … Wehende Wortwinde, verwehende Wortwindungen … vom ersten bis zum letzten Menschen!

Alteingefurzte Schamfallen, Panikpygmäen mit Babyfurzperleffekt, Fragezeichen, durch den Fernsprechfön vor die Füße gespuckt, von Schmollherren und Schmarotzmeistern, von Faustfreunden. Das Ergebnis: verstaubte Stimmungen, Hausstaubexplosionen und Wellenwände, Wellenwalzen in Blitzeseile durchs Hirnhäuschen gehaucht, durch die Ruhmeshallen der Erinnerung.

Ich gute gern. Lachfalten flattern, gesehen im Ganzen; zuerst, zuletzt im Kleinen wie im Großen liegengelassen, aus den Augen verloren ... Überfließende Gefühlskelche, Leuchtfeuer der Gerechtigkeit und Anker in der Brust, unter der Haut, versenkt vor vielen Jahren, wenn Wasser marschierte ...

Der Winter macht mich morgens, macht nichts abends. Er kauert an einem Tag unter der Woche auf liegengelassenen Lügen und spiegelt sich im Wind. Im Winterwind schlafen, wenn Winterwinde schnarchen. An Kanonenfutter nagen, daran drehen, aufgehend über dem Nachtstrand. Benommene See, wate durch die Wellen deines Wahns!

Lampen putzende Kolonnen in waldwuchernden Hinterhöfen, in Hinternhöfen, und nebenan stutzt jemand die Wand an, ein anbewanster Tropfkopf, ein Fratzenmann mit Sterbehemd und Sterbehaube.

Krampfstarraderhähne stellen sich ein Stelldichbein. Wiederholungen in der Endlosschleife. Gras geht. Gras geht nach Negernharrie. Gras flieht die Krallen der Krampfstarraderhähne. Diese bequakeln ihre Stärke, die Pappe isst, aber nicht von Pappe ist und Pappenheimer auftischt. Die Pappenheimer heißen Geratewohl und greifen nach ein, zwei Krampfstarraderhähnen, die sich - ein Gemeinschaftsknäuel - gemeinsam knäuelnd, zuziehend verkrampfen. Dies bietet ihr Name. Damit kann arbeiten, wer arbeitet, wer will.




















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