3 neue short stories von Rüdiger Saß

Donnerstag, 14. September 2017 um 03:10 - futziwolf

Eintagsfliegen
Der Sportschütze
Der Selbstvergessene

 


Eintagsfliegen

Der alte Mann regt sich auf: über den Lärm der Nachbarn, über eine schlaflose, magensaure Nacht: Kindergebell und Hundegeschrei ein allzu willkommener Anlass für all den aufgestauten Frust, die Einsamkeit und die lange Langeweile. Der alte Mann, das bin ich. Ich heiße Eben-Unter, Ödem Eben-Unter und bin Schmarotzer von Beruf, Nichtsnutz von Berufung. Ich habe meinen Lebtag nicht gearbeitet, jedenfalls nicht sozialversicherungspflichtig, habe nicht den kleinen Finger gerührt, nicht gebuckelt, mich nicht krumm gemacht für einen Ausbeuter, für die Erhaltung der kapitalistischen Tretmühle. Bin also ein rotes Tuch, bin Hassobjekt für jeden Spießer, für Bilderbuchphilister, für die versteinerten Verfechter der herrschenden Ordnung, der Religion vom Herrn und Knecht. Sie heißen es Faulheit und sähen mich, den Faulheitsverbrecher, wenn sie nur könnten, im Arbeitslager oder besser, weil billiger am Galgen oder in der Gaskammer, ich aber nenne es Widerstand, und ich sage es mit Stolz: Ich bin Widerstandskämpfer. Wenn man dem Leben nicht zu viel abverlangt, wenn man sich nicht eintrichtern lässt, dass persönliches Glück, dass ein erfülltes Dasein im Kauf von Waren liegt, dann lässt es sich aushalten. Wenn nur die Leere nicht wäre, die Sinnfreiheit und Einsamkeit!

Die Gegenwart geht – und kommt nicht wieder. Wir sehen immer nur ihren Rücken. Deshalb fürchten wir zurecht, unser Leben zu verpassen, so sehr wir auch hetzen und eilen. Die Gegenwart geht – wie auf Eiern – sie stelzt über einen endlosen Scherbenhaufen hinweg, den wir bald achselzuckend, bald bedauernd, bald verklärend Vergangenheit nennen. Die Gegenwart geht und vergeht zum einen, zum andern aber treibt sie, blind, wie sie ist, auf ein aufgewühltes Meer, auf ein Scherbenmeer namens Zukunft hinaus.

Auf allen Straßen Tag für Tag das gleiche Bild: Jäger und Gejagte. Es herrscht Faustrecht, das Recht des PS-Stärkeren. Mit staatlichen Subventionen für Dieselkraftstoffe werden nicht nur die fossilen Herren fossiler Energie- und Fortbewegungsmittelindustrien gemästet, sondern auch Armeen armer, notleidender Chirurgen, Chemotherapeuten und Sargtischler, die sich der unzähligen Opfer des Straßenverkehrs annehmen. Auf den Straßen wandelnde Zeitbomben: bis zum Platzen mit Adrenalin und Testosteron gefüllt. Und es stellt sich nicht die Frage ob, sondern nur, wann, bei welcher beliebigen Gelegenheit sie explodieren. Und ich warte und warte, bis mir Flügel wachsen, damit ich abheben und der Kirmeskultur den Rücken kehren kann, um mit den Vögeln, mit dem Wind in die Sonne, in den Süden zu ziehen. Aussteigen! Das hört sich leicht, licht und locker an. Als ob man aus der Gesellschaft, aus dem bürgerlichen Leben wie aus einem Auto aussteigen könnte. Als ob es im Süden keine Gartenzwerge gäbe! Außerdem würde ich, um nur ein Beispiel zu nennen, im Supermarkt der Natur trotz voller Regale verhungern. Und auch als Engelein im Himmel oder als armer Sünder in der Hölle würde ich mich wie ein Fremder fühlen, als Durchreisender, als Bauchladenmann für die löchrigen Socken meiner Weisheiten. Nein, mein Platz ist genau hier, in diesem Dreck und Elend, das ich so sehr hasse. Denn hier kenne ich mich aus, hier verstehe ich Sprache, Sitten und Gebräuche, hier brauche ich nur die Tür meiner Klause, meine Zellentür hinter mir zu schließen, hier kann ich jederzeit Augen und Ohren vor der Welt verschließen. Das ist doch schon was, oder was!? Ein Hoch auf die Bequemlichkeit!

Ich treffe Shithorst vor dem Café Kopfschmerz. Sein Markenzeichen - ellenlange Nasenhaare - weht im Wind. Wir sind weder verwandt noch befreundet, wir kennen uns kaum; unsere einzige Verbindung der Suff, die Bacchusbrüderschaft. Nun, wir teilen noch etwas außer einem ausgeprägten Trinktrieb und die Fäulnisgerüche des Alters miteinander: den Frust. Ein Frustrierter ist jemand, der – im Leben – nicht fickt, sich aber vom Leben fortwährend gefickt fühlt. Shithorst führt ein billiges Leben, in billigen Klamotten, mit einem billigen, abgestandenen Geschmack und ebensolchen Ansichten und Meinungen. Und er führt dieses Leben so lange, bis ihm die billigen Zigaretten eine billige Beerdigung bescheren, bis sie ihm sein teures, unbezahlbares Dasein rauben.

Durch die erblindenden Fenster des Cafés hindurch sehen wir Gurt und Gürtel Rose, die einzigen Gäste. Um den Ehefrieden scheint es nicht zum besten bestellt zu sein, denn Shithorst und ich sehen, wie der Gurt seiner Gürtel zur silbernen Hochzeit die Finger wie eine Kette um den Hals legt und zudrückt. Wir kommen gerade noch rechtzeitig, ehe Gürtel Hören und Sehen ganz vergehen, ehe ihr die Zauber des Lebens, die Zeichen und Wunder gänzlich verblassen. Schnell ist die Angelegenheit vergessen, Gürtel wischt sie, sobald sie halbwegs wieder Luft bekommt, mit einer Handbewegung vom Tisch. Sie würde etwas vermissen, etwas beinahe Liebgewonnenes, wenn sie ihr Gurt von einem Tag auf den andern wie ein Mensch behandeln würde. Wir begießen unsere Armut mit brennendem, billigen Fusel, wir atmen ihre Atmosphäre, die Atemluft der Armen, den Tabakqualm, wir: vier blutarme, nervöse Schwächlinge um einen Tisch herum, denen stinkende, abgestandene Weisheiten auf der Zunge verfaulen, Humor mit einem gehörigen Schuss Menschenhass. Ich genieße die malerische Anmut der Armut und versuche mit der Logik eines Einzellers, das Schöne im Hässlichen zu entdecken, zu entschlüsseln. Durch die erblindenden Fenster hindurch fallen die Lichtreflexe unzähliger Regenknospen und eines Fahrradfahrers, der zu ebener Erde radelt wie andere einen Berg hinauf. Große Gruppen von Männern stehen herum, wie Waldreste in der Landschaft, schwarz uniformierte Männer, die sich gleichzeitig die rutschenden Hosen hochziehen. Dieses Bild wird von Gurts guter Laune begleitet. Sein Lachen gleicht dem Wiehern eines Pferdes, mit der gespielten Hysterie eines Sportreporters, angereichert mit dem Stolz eines Pavians. Es ist das Lachen eines Menschen, dem es nicht schnell genug gehen kann, ob im Straßenverkehr, an der Supermarktkasse oder beim Sex.























Plötzlich fallen die Fenster in Scherben und Steine ins Café. Ein grober Kiesel stößt sich an Gürtels Kopf, bevor er mit großer Geste zu Boden geht und einen toten Mann markiert. Diesem ungerufenen Gast folgt ein anderer Eindringling, ein Molotowcocktail auf dem Fuße, der den knochentrockenen Dielen, den Tischen und Stühlen ein Tuch heller, fauchender Flammen überwirft. Es gibt nicht viel auf der Welt, das uns aus unserer Ruhe bringen kann, aus unserer Trägheit und Teilnahmslosigkeit. Doch bevor uns die Sache zu heiß wird, finden wir uns alle auf der Straße wieder, uns und unsere Bäuche, die nur unter lautem Protest in unsere Hosen passen. Die Straße hat ihr Aussehen von einem Augenblick zum andern verändert, das Gewitter einer Demonstration zieht über sie hinweg, die Szene beherrschen Jäger und Hasen. Die Jäger, ausstaffiert wie Eishockeytorwarte, mit Knüppeln, Pfefferspray und Pistolen, und manchmal auch mit Präzisionsgewehren bewaffnet, mit Wasserwerfern, Kameras und der öffentlichen Meinung, dem gesunden Volksempfinden im Rücken, die Hasen, mit Tüchern, Sonnenbrillen und Mützen vermummt, mit Zwillen, Steinen und Molotowcocktails bewaffnet, mit nichts außer Angst und Wut und Verzweiflung im Rücken, spielen das immer gleiche Spiel. Am Ende gewinnen immer die Jäger, die Eishockeytorwarte knien auf den Hasen und brechen ihnen mit all ihrem Hass, ihrer Verachtung die Knochen und jede Hoffnung, jemals eine andere Rolle als die eines Hasen spielen zu dürfen. Shithorst, ich, Gurt und Gürtel Rose werden als Hasen betrachtet und entsprechend behandelt – bis uns Hören und Sehen vergeht.

Wir finden uns - ein jeder für sich – in einer Zelle wieder, deren amtliche Nüchternheit und Sterilität Kopfschmerzen und Übelkeit spendieren. Diese Situation ist mir allzu vertraut: allein, auf mich zurückgeworfen, die Kopfschmerzen, die Übelkeit ... Früher war das anders. Früher tat ich alles, um dazuzugehören. Heute tue ich alles, um allein zu sein. Früher suchte ich das Leben und die Liebe, heute suche ich die Ruhe, den Frieden und den Tod. Nur eines ist hier anders: In der Zelle, die ich „Zuhause“ nenne, kann ich ein- und ausgehen, wann und wohin ich will, wenn ich denn so etwas Exotisches wie einen eigenen, einen freien Willen hätte. Aber hier bin ich den dunklen Machenschaften einer fremden Macht ausgeliefert, eines Monstrums, das, wenn es ihm in den Sinn kommen sollte, mich mir nichts dir nichts vergessen, mich verhungern und verdursten lassen könnte. Ein Gedanke, dem beklemmende Gefühle auf dem Fuße folgen, Gefühle wie hungrige Ratten in Menschengestalt, die mich anspringen, die mir an die Kehle gehen. Und so bin ich fast erleichtert, als die Tür nach Stunden, nach Tagen oder Jahren endlich entriegelt und geöffnet wird und ein Wachtmeister, dem ich das Wort „Bitte“ nicht zugetraut hätte, mich auffordert, ihm zu folgen. Der Weg geht durch endlose, amtliche Korridore, deren Nüchternheit und Sterilität sich um keinen Deut von „meiner“ Zelle, „meiner“ Gruft unterscheiden. In den Fluren herrscht der Geruch von Reinigungsmitteln, scharfe, schneidende Aromen, die Ausdünstungen der Atem- und Achselhöhlen überlagernd, der Angst und der Routine, die Gerüche schlecht gelüfteter Büros. Zuerst werde ich zurechtgemacht, ein Sanitäter wischt mir das Blut, das viele verkrustete Blut aus dem Gesicht, dann werde ich fotografiert, frontal und im Profil, und dann werden meine Fingerabdrücke in den großen, gefräßigen Polizeicomputer eingescannt, in die Datenbanken eingezahlt. Der Sanitäter, der Fotograf und der Fingerabdruckbeamte sind Profis. Sie behandeln mich wie eine Akte, sachlich, dienstlich, sichtlich gelangweilt, mit einem Gesicht vollkommenster Farb- und Ausdruckslosigkeit. Für sie bin ich nur ein Vorgang, einer von vielen an diesem Tag, ich bin ihre Existenzberechtigung, ohne mich und meinesgleichen hätten sie nichts zu tun, säßen herum und kämen womöglich auf hässliche Gedanken, auf Abwege … Einen Hauch von Menschlichkeit erfahre ich erst, als ich vernommen werde. Der Beamte bietet mir einen mit Wasser gefüllten Plastikbecher an. Und so trinke ich wie jemand, der sich in einer Wüste verirrt hat und kurz bevor er verdurstet, gerettet wird, Wasser mit Plastikgeschmack. Währenddessen erfahre ich, dass es nicht gut für mich aussieht. Wenn es ganz schlecht laufe, könne es bis zu einem Jahr Gefängnis ohne Bewährung geben, vielleicht aber auch zwei oder drei ... Der Beamte sieht wie ein Beamter aus, wie alle Beamten: sachlich, dienstlich, sichtlich gelangweilt, mit einem Gesicht vollkommenster Farb- und Ausdruckslosigkeit. Seine matten, müden Augen aber hellen sich auf, sie glänzen, sie funkeln, als er mir drei Schreiben vorlegt, die Geständnisse von Shithorst, von Gurt und Gürtel Rose. Demnach hätte ich die Scheiben des Café Kopfschmerz eingeworfen und mit einem Molotowcocktail in Brand gesetzt und verwüstet. Ein Schaden, lacht der Beamte und reibt sich die Hände, den noch meine Kinder und Kindeskinder zu bezahlen hätten.



































 

Der Sportschütze

Nicht jeder erbitterte Kleinbürger
Könnte ein Hitler werden,
Aber ein Stückchen Hitler
Steckt in jedem von ihnen
- Leo Trotzki -


Er liebte das Leben nicht, und das Leben liebte ihn nicht. Im Zeitalter der Rohen und Grobschlächtigen hätte er es weit gebracht, sehr weit. Da die Zeiten aber weder zu roh noch zu grobschlächtig waren, blieb ihm vorerst nur die Rolle eines an den Rand gedrängten Zuschauers. Typ: verhinderter Vergewaltiger und Völkermörder. Sein bester, sein einziger Freund hieß Harry, ein Schnellfeuergewehr, von Menschen, jedenfalls von lebendigen, hielt er nichts.

Seine Nerven gingen in der Brandung des Verkehrslärms baden. Tag und Nacht schoss Fahrzeug um Fahrzeug über die Fahrbahn vor seinem Fenster, über seine Nervenbahnen, durch seine schweißgebadeten Träume. Die Autos schossen wie Projektile hin und her, ein ewiges Trommelfeuer. Und als ob das nicht schon mehr als genug gewesen wäre, wuchs eines Morgens auf der gegenüber liegenden Straßenseite eine Baustelle aus dem Boden. Noch eine! Zuerst wurde ein riesiges Grab ausgehoben, der Keller, die Tiefgarage. Danach wuchs ein gesichtsloses Monstrum in die Höhe, ein Betonmonstrum, das alles um sich herum in den Schatten stellte. Und unser Held hatte alles ertragen, alles in sich hineingefressen: den Lärm, den Dreck und den Gestank. Doch dann wurde zu allem Überfluss der Fußweg vor dem Monstrum neu verlegt. Es mussten Gehwegplatten zugeschnitten werden, von morgens bis abends. Unser Held konnte seinen Fernseher nicht mehr hören, so laut er ihn auch stellte. Wie ein Tiger an den Gitterstäben seines Käfigs lief er in seiner Wohnung hin und her. Aber anstatt sich zuletzt die Ohren abzuschneiden, griff er sich Harry, sein Gewehr, trat auf den Balkon, legte an und flüsterte: „Die Stadt ist nicht groß genug für uns beide“. Der Bauarbeiter an der Steinschneidemaschine sackte mit einem Loch im Kopf in sich zusammen. Doch die Arbeit, der Gehweg musste fertig werden, und so sprang eine andere gekaufte Kreatur aus der Deckung. Doch auch sie fiel auf dem Feld der Ehre. Zuletzt lagen alle Bauarbeiter um die Steinschneidemaschine herum, die mit einem finalen Schuss zum Schweigen gebracht wurde. Der Schütze ging zurück in seine Wohnung und setzte sich vor den Fernseher. Endlich konnte er ihn wieder hören.























 

Der Selbstvergessene

Eher Nicht-Mehr steht mitten auf der Fahrbahn, seine Nasenhaare wehen im Wind. Wenn er nur wüsste, wo er ist. Ein Bahnabteil rutscht in seine Erinnerung, ein Abteil voller Menschen, die sich verhielten, als wären sie allein zu Haus; leere, läppische Leute, die ihre Leere, ihr läppisches Leben ungeniert auslebten, geschmacklos gekleidete Kaufhauspuppen, die sich wie Rockstars aufführten. Eher Nicht-Mehr konnte sie leider nicht zum Schweigen bringen, konnte diesen Wilden keinen Anstand, kein Benehmen beibringen, wie auch, er konnte sie sich nur wegdenken, er konnte es wenigstens versuchen, indem er seinen Blick aus dem Abteilfenster auf die fliehenden Landschaften warf, auf Häuser, die dalagen wie weggeworfene Zementsäcke, vergessen und verloren, Wohnlandschaften am Straßenrand, Elektroschrott, ausgebrannte Autos ...

Ein Auto scheucht ihn aus seinen Erinnerungen heraus in die Gegenwart, unter verweinten Wolken, das Hupen eines heranrauschenden Autos verscheucht  Eher Nicht-Mehr von der Fahrbahn. Wenn er nur wüsste, wo er ist. Plötzlich weht das Gesicht einer Frau vor sein inneres Auge: langer Pony, kurze Stirn, lange, wehende Haare, Schlenkerärmchen. Sie passt nicht in sein Beuteschema: zu wenig Brust, zu viel Hintern. Und trotzdem verbindet sie beide ein mittlerweile verblühter und vertrockneter Strauß gemeinsam verbrachter Lebensjahre. Aber warum weiß er dieser Person, die er besser als sich selbst zu kennen glaubt, keinen Namen zuzuordnen?












Eher Nicht-Mehr wundert sich, auch über den Koffer in seiner Hand, ein kleiner kunstlederner Aktenkoffer weckt seine Neugier. Auf sein Schütteln und Rütteln raschelt es im Koffer, auf sein Horchen ist es darin so still wie auf der noch schlafenden Straße. Eher Nicht-Mehr stellt sich in einer Tankstelle an einen Bistrotisch und den Koffer darauf. Doch der ist so verschlossen wie ein Autist oder Bankschließfach. Ein Schlüssel muss her … oder ein durchtrainierter Hammer, ein muskulöser Schraubenzieher … Eher Nicht-Mehr tastet seine Taschen ab, während sein Blick an der Fensterscheibe hängenbleibt, an einem irgendwie bekannten Gesicht, das sich in der Scheibe spiegelt, an einem Körper ohne Halt und Haltung, der in einem lächerlichen Anzug feststeckt, das Paket eines Bankangestellten, eines Buchhalters, ein Geschenkpaket für Ausbeuter, zugeschnürt mit einem Schlips. Der irgendwie von irgendwoher bekannte Mann starrt ihn an: unverwandt, entgeistert und verständnislos. Plötzlich taucht ein Schlüssel aus den Tiefen seines Anzugs auf, ein kleiner, schüchterner Schlüsselbund zappelt an Eher Nicht-Mehrs Hand wie ein Fisch am Angelhaken. Es dauert nicht allzu lang, und der Koffer gibt sein Geheimnis preis: eine Lage handbeschriebener Seiten in doppelter Kompaniestärke und ein Dossier. Eher Nicht-Mehr vermutet in den Papieren Antworten auf seine Fragen, Fragen wie wildgewordene Wespen oder Bremsen. Also legt er seinen Zeigefinger auf die Wortschlange und folgt ihr: „Eines Tages“, heißt es da in ungelenken Lettern, „klingelte es an meiner Tür. Aber es war nicht der Bote mit dem Bücherpaket, das ich erwartete, sondern meine Nachbarin von gegenüber: langer Pony, kurze Stirn. Wir lebten seit Jahren im selben Haus, wir lebten Wand an Wand, aber wir begegneten uns vielleicht zwei-, drei Mal im Jahr im Hausflur und beschränkten uns auf einen flüchtigen Blick und auf den Austausch eines ebenso flüchtigen „Guten Tag“. Ich kannte nicht mal ihren Namen, und ich wollte ihn auch nicht wissen. Sie passte nicht in mein Beuteschema: zu wenig Brust, zu viel Hintern. Plötzlich stand sie auf meiner Fußmatte und zwängte sich in mein Leben: mit einem von Angst und Schrecken in Brand gesteckten Gesicht, mit einem Nervenkostüm in hellen Flammen. Ich müsse ihr helfen, hechelte sie, ihr Leben sei in Gefahr. Dann brach die Nachbarin zusammen, in meiner Küche, wie ein Kartenhaus, wie eine ausgebrannte Ruine. Später, als sie wieder bei sich war, erfuhr ich Einzelheiten: Korruption, Filz, organisierte Kriminalität. Die ganze Bandbreite, das ganze Register menschlicher Abgründe, vom Sachbearbeiter über den Abteilungsleiter bis zum Regierenden. Einziges Problem: die Beweise, ein Dossier, lägen im Schreibtisch eines Kollegen. Dieser aber sei über Nacht verschwunden. Keine Beweise: kein Schutz, keine Sicherheit. Der Polizei sei nicht zu trauen, sie sei Teil des Problems.












Ich bot der Frau an, vorerst bei mir zu bleiben, aber nur für ein, zwei Tage, höchstens drei. Bis dahin müsse sie andere Helfer gefunden haben. Ich sagte, schon morgen sehe die Welt ganz anders aus, und am nächsten Morgen sah sie in der Tat ganz anders aus, am nächsten Morgen war die Frau gestorben. Sie lag auf meiner Küchencouch, mit einer Leine, einer Hundeleine um den Hals; der Tod hatte sich mit vielen hässlichen Farben und Schattierungen in ihr Gesicht gefressen. Es musste ungebetenen Besuch gegeben haben, denn bei aller Ungelegenheit, die mir meine Nachbarin gemacht hatte, glaubte ich nicht, mich derart, mit einem Mord, an den ich mich nicht einmal erinnern konnte, an ihr zu rächen. Nun galt es, die Leiche loszuwerden, denn wenn sie die Staatsmacht auf meiner Couch finden würde, bekäme ich ein Fünfzehnjahresticket fürs Gefängnis. Also rief ich meinen Kumpel Knülle an, der hatte außer Knasterfahrungen und einer Säuferleber auch ein Auto. Knülle stellte keine Fragen, als ich ihm den Gast auf meiner Couch vorstellte, er fragte nur: „Wo hast du die denn her?“ und sagte dann, ohne eine Antwort abzuwarten: „Ich habe es immer gewusst, du Freak, dass es eines Tages so weit kommen muss.“ Wir verstauten meine Nachbarin in einem großen Umzugskarton, wuchteten ihn am helllichten Tag das Treppenhaus hinunter und hinein in den Wagen, in den letzten seiner Art. Anschließend fuhren wir an den Stadtrand, wir suchten einen Ort, an dem sich die Engel auf die Füße treten. Wir fügten unsere Fracht dem malerischen Ensemble einer wilden Müllkippe ein. Dann gaben wir Gas, dann holten wir alles aus dem letzten Wagen seiner Art heraus, denn wir fühlten uns beobachtet, wir fühlten uns verfolgt. Wir drehten eine Runde durch die Provinz, vorbei an verlorenen, seelenlosen Orten wie Klein-Kuhmist, Neu-Schweinescheiß oder Groß-Kackwurst, wir fuhren so lange, bis wir sicher waren, weder in Wirklichkeit noch in unserer Einbildung verfolgt zu werden. Dann rollten wir zurück in die Metropole, gefolgt von einer aufziehenden Gewitterwand.

Knülle hatte einen Plan. Knülle hatte schon immer einen Plan, ganz im Gegensatz zu mir. Er steckte mich in seinen Konfirmationsanzug und drückte mir einen ebenso alten Aktenkoffer in die Hand, dann fuhren wir zur Behörde und gingen hinein. Während Knülle meinen Rücken sicherte, bahnte ich mir den Weg zu meiner Rettung, dem Dossier. Es war vier Uhr nachmittags, Feierabend: die Büros, die Flure und Fahrstühle leerten sich in reißenden Flüssen von den Menschen, die nichts als ihren Gestank, ihren Ärger und ihre Ängste zurückließen. Mit einem Schlüssel aus der Tasche meiner Nachbarin öffnete ich die Schreibtischschubläden ihres Kollegen. Als ich das Gesuchte sah, entlud sich ein Gewitter über mir: Blitze stachen mir in Hirn und Herz, kochten das Blut, Donner betäubte die Ohren. Zitternd und schwitzend warf ich die Papiere in den Koffer, wie fremd, wie ferngesteuert, wie jemand, der neben sich steht und geht, verließ ich das Büro. Ich irrte, von Adrenalinblitzen geblendet, durch schier endlose, dunkle Tunnel, durch sich dehnende und zusammenziehende, den Schritten nachgebende Därme, durch pulsierende Adern. Ich kam erst in Knülles Wagen wieder zu Bewusstsein, als er schrie: „Sie sind hinter uns her“. Wieder ging es durch den Feierabendverkehr hinaus in die Vorstadt und von der Vorstadt hinaus aufs Land, vorbei an gesichts- und geschichtslosen Orten wie Klein-Kuhmist, Neu-Schweinescheiß oder Groß-Kackwurst. Wir rasten und rasten, bis wir unsere Verfolger aus dem Rückspiegel verloren hatten, wir rasten, bis uns die Fliehkraft in einer Kurve einen Streich spielte und unseren Wagen von der Fahrbahn riss.
Knülle lag auf kahlem, freiem Feld. Es hatte ihn, der nie angeschnallt fuhr, aus dem Auto herausgeschleudert. Während ich mich mit Prellungen, mit einem blauen Auge aus dem Wrack gerettet hatte, spuckte Knülle Blut. Bevor sein Kopf zur Seite sackte, hatte er noch einen letzten Plan. „Hau ab!“, hauchte er.

Ein Bus brachte mich zur Endstation einer Straßenbahnlinie und eine Straßenbahn zurück in die Stadt, zum Hauptbahnhof. Dort bestieg ich einen Fernzug. Ich wusste nicht wohin, ich wollte nur weg, so weit wie möglich. Der Zug steckte voller Menschen, die sich verhielten, als wären sie allein zu Haus; leere, läppische Leute, die ihre Leere, ihr läppisches Leben ungeniert auslebten, geschmacklos gekleidete Kaufhauspuppen, die sich wie Rockstars aufführten. Leider konnte ich sie nicht zum Schweigen bringen, konnte diesen Wilden keinen Anstand, kein Benehmen beibringen, wie auch, ich konnte sie mir nur wegdenken, konnte es wenigstens versuchen, indem ich meine Blicke aus dem Abteilfenster auf die fliehenden Landschaften warf, auf Häuser, die dalagen wie weggeworfene Zementsäcke, vergessen und verloren, Wohnlandschaften am Straßenrand, Elektroschrott, ausgebrannte Autos ...“



















 




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