Science-Fiction, Kriegskino und Krieg der Zukunft. Teil 3:

Sonntag, 30. April 2017 um 20:31 - futziwolf
Krieg als Computerspiel - Ferngelenkte Kampfeinsätze, elektronische Hirne und Überwachungssysteme
Peter Bürger 14.10.2006

Futuristische Technologie gibt den Visionären von Unverwundbarkeit und
Allmacht den ultimativen Kick. Im Zeitalter der Elektronik rückt die
Verwirklichung des Traums, allwissend, allsehend, allhörend und
allgegenwärtig zu sein, in greifbare Nähe. Das Kriegführen, so scheint
es schon heute in manchen Pressekonferenzen eines Donald Rumsfeld, ist
keine große Sache mehr. Entsprechende Hardware und Software machen es
kinderleicht. Science-Fiction-Autoren und Filmemacher müssen sich
überlegen, ob sie dieser Illusion Nahrung geben wollen. Eine
Alternative läge darin, die neuen Kleider des Kaisers näher unter die
Lupe zu nehmen.

Dabei wäre mit einer vordergründigen Technologiekritik wenig gewonnen.
Der zivilisatorische Ernstfall müsste ansichtig werden. Der Kriegsgeist
überlistet nämlich mit seinen technischen Erfindungen jene Grenzen für
Gewalttätigkeit, die uns schon von Natur aus mitgegeben sind. Carl
Friedrich von Weizsäcker sieht darin nach Hiroshima das Grundproblem
der Zivilisation: "Der Mensch ist von Natur kein Raubtier. Er könnte
seinesgleichen ohne Waffen nur schwer töten. Eben darum ist er von
Natur fast hemmungslos, wenn er Waffen erfindet. Die Ethik der Waffe,
die Ethik der Macht über unseresgleichen ist das Problem der
Menschwerdung."[1]

Der abgeschossene Pfeil trifft einen weit entfernten Menschen, dem ich
nicht mehr in die Augen gucken muss. Beim Einsatz chemischer
Kriegsmittel aus der Luft kann man - wie in Südostasien zu lernen war -
vorgehen, als handle es sich noch um das ursprüngliche Vorbild der
Methode, um Insektenbekämpfung bzw. Schädlingsvernichtung aus der Luft.

Der Knopfdruck auf den Computer eines Nuklearsystems kann
Hunderttausende oder Millionen Menschen töten, ohne dass der
Befehlsausführende auch nur die geringste Ahnung davon bekommen müsste,
was er da gerade angestellt hat. Der Massenmord ist ein "Computerspiel"
geworden. Die jeweils neuste "Spielversion" ist morgen schon überholt.
Einen wirklichen Überblick behalten wohl nur denkbar wenige
"Spiele-Rezensenten".

Toys für Kindersoldaten?
Im Film "War Games" (USA 1982) von John Badham gibt es das Kriegsspiel
"atomarer Weltkrieg" tatsächlich. Es wird von einem Schüler entdeckt,
der sich eher zufällig in den Computer des Pentagon eingeloggt hat. Der
verspielte Hacker führt eigentlich nichts Böses im Schilde, doch der
Computer weigert sich, das gefährliche Spiel vorzeitig abzubrechen.
Nicht ganz so spektakulär ist die Beziehung zwischen virtueller und
äußerer Welt im "Antiterror"-Spielfilm "The Elite" (USA 2001). Dort
erweist sich der jugendliche Erfinder einer Computersimulation "Fleet
Command" auch praktisch als fähig, den von ihm favorisierten
Kriegsschifftyp mit allen Funktionen zu bedienen.

Computerkriegsspiele, die nachfolgend als Produkte nicht unser
eigentliches Thema sein sollen, tragen zweifellos zur breiten
Militarisierung der Alltagskultur bei. Sie werden oft in
zivil-militärischen Kooperationswerkstätten entwickelt und sind dann
entsprechend in vielen Fällen auch zivil-militärische Dual-Use-Produkte.



Eine sehr phantasievolle Fiktion zu diesen Zusammenhängen, in der zudem
wichtige ideologische Hintergründe erhellt werden, hat Barry Levinson
ins Kino gebracht. In seinem Film "Toys" (USA 1992) [2] zeigt er die
schrittweise Umwandlung einer Kinderspielzeugproduktion - über den
Umweg von Kriegsspielzeug - hin zur Entwicklung der modernsten
Militärtechnologie: Der sehr menschliche Firmengründer Zevo hatte zu
Lebzeiten die Produktion von Kriegsspielzeug strikt abgelehnt. Doch
sein Bruder, der Drei-Sterne-General, wünscht als Nachfolger einen
Umstieg auf Militärspielzeug und erwartet für die ganz neue
Produktpalette "Realismus, Fantasie und Spannung". Ferngelenkte
Militärminiaturen und vor allem Videospiele, "die ganz groß im Rennen
sind", haben es ihm angetan.

In einer Spielhölle will er Gefühle aus seinen vergangenen
Kriegseinsätzen wecken. Allerdings zielt er dabei - trotz drohender
Strafpunkte auf dem Videobildschirm - immer wieder auch auf Laster der
UNO: "Gottverdammte UN! Die haben doch hier bei uns nichts verloren!"
Seinem Sohn Patrick erläutert der General seine Vision für das Militär
der Zukunft, ein tödliches Spielzeugformat, das kein Radarsystem
entdeckt:

--Was ist, wenn man keine Piloten bräuchte, wenn man ferngesteuerte
Flugzeuge hätte, die tödliche Waffen mit sich führen? Stell dir einmal
vor, wir perfektionieren ein Flugzeug in Spielzeuggröße, das
hervorragende Kampfeigenschaften besitzt. Du hast doch die Kids an den
Videospielen gesehen. Diese Kids haben eine bessere
Hand-Augen-Koordination als irgendein Pilot sie haben könnte. Kleine
Kinder können ferngesteuerte Flugzeuge bewegen. Uns fehlen nur die
geeigneten Waffensysteme.Stell dir mal vor, wir könnten die Kosten für
ein Flugzeug senken von - sagen wir - 450 Millionen Dollar pro Stück
auf 5.000 Dollar! Mann, die Jungs vor den Videoschirmen, die alles in
die Luft gejagt haben. Was macht das für einen Unterschied, ob es
wirklich passiert oder nicht? Für die spielt das keine Rolle. Auf dem
Videoschirm ist alles das Gleiche. Es ist ein neues Spiel, eine
Kriegsführung ohne Gewissen. Es ist das sensationellste Konzept aller
Zeiten.--

Gegenüber führenden Militärs aus Washington verkündet der General als
Spiele-Produzent bei einem geheimen Treffen: "Die Zukunft heißt
Anarchie. Ich rede von Gesetzlosigkeit, von den Libanons der Zukunft,
vom Zusammenbruch des ganzen Systems. Eine Armee, die Menschen gegen
Menschen verteidigt? Wenn Sie diese Flagge schwenken, werden Sie
niemals Geld locker machen!" Ausdrücklich weist er übrigens darauf hin,
dass ein einziger herkömmlicher Spezialbomber mehr kostet, als die
Regierung der USA für die gesamte Krebsforschung ausgibt. Nicht Korea
oder Vietnam, sondern neue "Schlachtfelder der Unschuld" schweben dem
General vor.

In seinem streng geheimen Speziallabor der Zevo-Firma entsteht die
militärische Technologie der Zukunft. Vor realistischen Videoszenarien
schießen Kinder per Joystick mit hochtrainierter
Reaktionsgeschwindigkeit auf Militärstützpunkte, Menschen, Panzer und
Helikopter. Tausend Sonderpunkte gibt es, wenn sie einen Menschen
erwischen. Doch die geplante letzte Stufe ist ein echter Kampfeinsatz
mit ferngesteuerten Waffen: "Die Kids glauben, es ist nur ein
Videospiel. Sie glauben, sie raffen Punkte zusammen, und löschen in
Wahrheit ganze Städte aus."

Im kindgerechten Happy End des Films siegen die Liebhaber des Lebens,
die Menschen aus Fleisch und Blut. 1992 wird hier noch als Gewissheit
vermittelt: Die menschlichste aller Fähigkeiten, die Kunst des
Spielens, lässt sich dauerhaft nicht in ein Handwerk des Todes
pervertierten.



Kampfroboter und Drohnen
Der Film "Small Soldiers" (1998) von Joe Dante entwickelt - nach der
Disney-Produktion "Toy Story" - eine ähnliche Geschichte mit anderem
Ausgang: Der Rüstungskonzern Globotech übernimmt eine Spiele-Produktion
und entlässt mit Ausnahme von zwei Top-Kreativen sämtliche Mitarbeiter.
Zur neuen Generation intelligenter bzw. interaktiver Figuren, die nun
produziert werden, gehören neben den gutmütigen Gorgoniten die
Spielzeugsoldaten aus dem Set "Commando Elite", deren Koppel übrigens
aus einem Totenkopf besteht. Die Figuren sind mit einem hypermodernen
Mikroprozessor ausgestattet, den der Konzern ursprünglich für das
Pentagon entwickelt hat.

Die ersten ausgelieferten Spielzeug-Soldaten verselbständigen sich und
konstruieren sogar eigenständig neue Waffensysteme. Wie im
Kriegsfilmklassiker "Patton" hält ihr Kommandeur vor einer
überdimensionalen US-Nationalflagge eine Kriegsrede. Neben den - auf
"Verlieren" programmierten - Gorgoniten sind auch die Menschen einer
kleinen Stadt in Ohio ihre Feinde. Raketen fliegen, Häuser brennen, und
am Ende kann nur ein Strahlentrick die Roboterkrieger unschädlich
machen. Der Manager des Konzerns ist über die Katastrophe gar nicht
entsetzt. Er entschädigt die betroffenen Familien mit großzügigen
Schecks und weist seine Mitarbeiter an: "Mit dem Preis sofort um ein
paar Nullen hochgehen. Ich kenne da ein paar Rebellen in Südamerika,
die stehen auf solches Spielzeug." Die von mir erworbene deutsche
Videoausgabe dieses Titels enthielt serienmäßig eine Demo-Version des
HASBRO PC-Spiels "Squad Commander".

Bei der Annäherung an ferngelenkte Militärtechnologie erinnert das Kino
der 90er Jahre bisweilen auch sonst an die Welt des Spielzeugs. Kleine
Killerdrohnen, die ein Attentäter im Politthriller "The Shadow
Conspiracy" (USA 1997) benutzt, wirken wie futuristisches Spielzeug.
Die gefährlichen Riesen-Drohnen im Film "The Avengers" (USA 1998) sehen
witzigerweise aus wie mechanische Insekten. In "Minority Report" (USA
2002) stehen der Eliteeinheit kleine Aufklärungsdrohnen zur Verfügung,
die durch jeden Türspalt kommen und die Augen aller menschlichen
"Objekte" scannen können, was die Bewohner auch routinemäßig über sich
ergehen lassen.

Diese spinnenartigen "Spiders" ermöglichen es - im Zusammenhang mit
einer zentralen Augendatenbank, dem mobilen Netzwerk und
Infrarottechnologie, in kürzester Zeit eine komplette Hausdurchsuchung
zu absolvieren.

Der Militärkrimi "The General`s Daughter" (USA 1999) zeigt als übliche
Kasernenausstattung jedoch schon ganz realistisch mobile Roboter, die
den heute in Entwicklung befindlichen ferngesteuerten Fahrzeugen für
Minensuche, militärische Aufklärung usw. sehr nahe kommen. Unbemannte
und bewaffnete Drohnen, die über weite Entfernungen ausgewählte
"Zielobjekte" "eliminieren", sind, wie wir spätestens seit einer
US-Operation des ersten "Antiterrorkriegsjahres" im Jemen wissen, keine
Science-Fiction mehr, sondern Realität.

Eine entsprechende Szene enthält der Politthriller "Syriana" (USA
2005): Der arabische Prinz Nasir Al-Subaai betrachtet die symbiotische
Abhängigkeit von den USA auf der Grundlage einer rationalen
Wirtschaftsanalyse als nachteilig für sein Land. Während er mit seiner
Familie durch die Wüste fährt, wird er durch eine aus dem
CIA-Hauptquartier ferngelenkte Rakete ermordet. In der
Geheimdienstzentrale trinkt man darauf hin vor Feierabend noch einen
Sekt und klopft sich wegen der Präzisionsarbeit auf die Schulter:
"Zielobjekt zerstört."



"Sky Captain and the World of Tomorrow" (2004)
Die "Drohne an sich" ist damit in den bislang bekannten Varianten kein
wirklich spannender Gegenstand mehr für die Science-Fiction. Die Frage
ist auch, wie lange z.B. militärische Alleskönnerfahrzeuge aus
Bond-Filmen oder Comic-Verfilmungen wie "Batman Returns"[3] trotz aller
erdenklichen Extras das Publikum noch unterhalten können.

Vielleicht hilft zur Überbrückung des Ideenmangels vorerst ein
Zurückdrehen des Uhrzeigers weiter, wie es im weitgehend digital
produzierten Film "Sky Captain And The World Of Tomorrow" (USA 2004)
versucht wird: Im New York der 1930er Jahre fliegen unbemannte Drohnen
in der Luft und machen den Himmel unsicher. Kampfroboter ziehen durch
die Straßen. In der ganzen Welt rauben die mechanischen Monster für
ihre Energieversorgung Kohle- und Ölvorkommen. Die US-Behörden
beauftragen das private Dienstleistungsunternehmen des Sky Captain Joe
Sullivan damit, den Krieg gegen die Roboterarmee aufzunehmen. Diesem
Elitepiloten steht ebenfalls modernste Technologie zur Verfügung,
darunter ein Kampfflugzeug mit Amphibienmodus zum Tauchen. Über seinen
Ingenieur Dex heißt es: "Die Ideen hat er aus einem seiner Comics."

Die Auflösung des Hintergrundes führt geradewegs in die Welt der
deutschen Science-Fiction-Literatur im Umkreis des Ersten Weltkrieges.
Das feindliche Militärtechnologie-Imperiums hat nämlich der
geheimnisvolle Leiter eines deutschen Wissenschaftlerteams entwickelt.
Dieser ist schon seit 1918 tot. Seine vormals geplante Kriegsführung
wird ausnahmslos über Maschinen und Programmierungen, also selbsttätig
ausgeführt. Sie ist also im Vollsinn des Wortes "posthuman". Das Ziel:
Da sich die Menschheit auf einem unaufhaltsamen Selbstvernichtungskurs
befindet, soll ihrer finalen "Zivilisationsbestimmung" nachgeholfen
werden.

Gleichzeitig würde ein Raumschiff das in einem Reagenzglas enthaltene
genetische Meisterwerk "Adam und Eva" zu einer neuen Erde im Weltall
bringen. Übrigens fügt sich der zu Filmanfang gezeigte Zeppelin nicht
nur schön in die nostalgische Stimmung dieses Werks ein. Eine
Neuauflage von Luftschiffen (1) wird als kostengünstige Alternative zu
Satellitensystemen gegenwärtig ernsthaft ins Auge gefasst.

Für die Zeit unseres Jahrhunderts entwirft der Science-Fiction-Film
"I,Robot" (USA 2004) im Kino ein in manchen Punkten ähnliches Szenario.
In der erweiterten Fassung beinhalten die berühmten Asimovschen
Gesetze, auf denen das Drehbuch basiert, folgende Regel: "Ein Roboter
darf nicht zulassen, dass durch seine Untätigkeit dem Menschen (bzw.
der Menschheit) Schaden zugefügt wird." Der Zentralcomputer des
Roboterkonzerns weiß nun aber, dass sich die Menschheit als Gattung auf
einem Selbstmordweg befindet. Deshalb bilden die Roboter eine
Militärregierung, um in Erfüllung ihres Auftrags die Menschen vor sich
selbst zu schützen.

Im politischen Diskurs würde man dieses Lösungsmodell wohl als
"Öko-Diktatur" bezeichnen. Zwei grundlegende Themenbereiche[4] aus der
Science-Fiction-Tradition klingen hier an:

Die Frage nach möglichen menschlichen Eigenschaften von "künstlicher
Intelligenz" oder auch nach einem Persönlichkeitsrecht von
Roboter-Maschinen.

Der "Zauberlehrlings-Komplex": Die sich verselbstständigende Technik
entgleitet uns, so dass es schließlich zu einem Krieg der Maschinen
gegen die Menschen kommt.

Der dritte Problemkreis, der im Film "Sky Captain" und - noch
deutlicher - in "I,Robot" hinzutritt, sollte gegenwärtig eigentlich als
entscheidend gelten. Doch er wird in beiden Titel nicht einmal
ansatzweise gelöst bzw. in "I,Robot" durch einen diffusen "Lobpreis des
menschlichen Herzens" sogar verschleiert.

Dieser Problemkreis besteht darin, dass die menschliche Gattung durch
die Richtung, in der sie Technologien hervorbringt und anwendet, auf
einen Abgrund zuläuft. Mit Hilfe der elektronischen
Hochleistungstechnologie lässt sich wiederum diese Entwicklung über
Modelle und Prognosen am Computer auch rational aufzeigen. Doch die
menschliche Zivilisation reagiert nicht.

Die Gattung Mensch ist scheinbar unfähig, ihre "Intelligenz" und die
von ihr hervorgebrachte "künstliche Intelligenz" zum eigenen Nutzen
anzuwenden. Das Problem ist somit nicht die "Maschine an sich", sondern
immer der Mensch bzw. die Angst des menschlichen Herzens, insofern
diese Triebfeder des bisherigen technologischen Fortschritts ist. Damit
aber gehört die real existierende Technologie in einer "Zivilisation
der Angst"[5] sekundär doch immer mit zum Problem.



Das elektronische Hirn des neuen Stealth-Überschallfliegers
Regelrechte Reklame für die laufende technologische Entwicklung
betreibt der vom Pentagon unterstützte Hollywoodfilm "Stealth" (USA
2005): Wegen der wachsenden Bedrohung durch den Terrorismus muss die
U.S. Naval Air Force in naher Zukunft ausgestattet werden "with the
most advanced and experimental technology". Die "Zukunft der digitalen
Kriegsführung" ist ein unbemannter hypermoderner
Stealth-Überschallflieger, ausgestattet mit der allerneuesten
Tarnkappentechnologie und gesteuert durch das Superhirn eines
Quantenprozessors.

Es handelt sich dabei um einen Prototypen der neuen Generation des
"Unmanned Combat Air Vehicle" (UCAV), mit der die Zeit der bemannten
Kampfjets ausläuft. Auf der Grundlage elektronischer
Datenverarbeitungssysteme mit integrierten "Lernprozessen", die das
Elektronikhirn selbst organisiert, kann der unbemannte Stealth autonome
"Entscheidungen" treffen bzw. eigene "Handlungsmuster" entwickeln. Zu
denken ist gleichzeitig auch an eine Symbiose von menschlichem Gehirn
und Computer.

Der Film knüpft ausdrücklich an den Science-Fiction-Diskurs über
künstliche Intelligenz an. Die Darstellung des Stealth-Innenlebens am
Computerbildschirm zeigt ein "neuronales Netzwerk", das wie eine
DNA-Helix aussieht. Der Stealth wird von den anderen Staffelmitgliedern
nicht nur "Tinman" gerufen, sondern erhält zum Ende hin auch wie der
Blechmann im Märchen "Wizard of Oz" ein menschliches Herz.

Das Drehbuch zu diesem Film täuscht einen ethischen Diskurs vor, in dem
die Argumente der RMA-Ideologen und die ihrer Kritiker zur Sprache
kommen. Ein Pilot meint z.B.: "Ich finde, man sollte verhindern, dass
Krieg so etwas wie ein Videospiel wird."

Trotz aller katastrophalen Folgen der neuen Technologie und unzähliger
Todesopfer lösen sich die wichtigsten Einwände in Luft auf. Übrig
bleibt eine Kritik am übereilten Vorgehen (abgekürzte Testphase), an
der Nichtbeachtung eines durch Blitzeinschlag verursachten
Systemfehlers und an einer eventuell zu weitgehenden Ausschaltung
menschlicher Kontrollinstanzen. Der elektronisch gesteuerte, unbemannte
Tarnkappenbomber stellt vor seinem Defekt und nach seiner Reparatur die
proklamierten Vorteile unter Beweis.

Zum Schluss führt er vollkommen eigenständig und selbstaufopfernd eine
"intelligente" Operation aus, die für einen nordkoreanischen Feind
tödlich ist und eine Rettung der beiden wichtigsten
Identifikationsfiguren des Films bewirkt.

Netzwerkzentrierte Kriegsführung, Cyberwar und Überwachungsstaat
Die Postulate der "Revolution in Military Affairs" (RMA) und speziell
die der netzwerkzentrierten Kriegsführung sind in "Stealth" schon
Wirklichkeit geworden: Das US-Militär kann ohne Zeitverzögerung an
jedem Punkt des Globus gezielt agieren. Es verfügt dabei über steten
Informationsvorsprung und über schier unendliche Datenmengen, deren
situationsbezogene Auswertung in Sekundenschnelle erfolgt.

Aus sicherer Flughöhe können selbst die Gesichter einzelner Terroristen
gescannt und durch Abgleich mit der zentralen EDV identifiziert werden.
Angriffe erfolgen über optimale Strategien, die der Computer ad hoc
ermittelt, und nur mit äußerster Präzision. Der Laptop als mobile
militärische Einsatzzentrale, die den Bodenkämpfer mit aktuellsten
Satellitenbildern versorgt und fehlerfreie Lasermarkierungen für
Luftbombardements ermöglicht, kann uns nach all dem schon nicht mehr
imponieren. Er gehört einfach zu den realistischen Requisiten in einem
zeitgemäßen Kriegskino.

Was geschieht nun, wenn Unbefugte und Feinde dieses perfekte System mit
"Cyberwar" bedrohen? Relativ früh hat im Kino ja schon "War Games" (USA
1982) diese Frage aufgeworfen. Den schlimmsten Fall mag man sich nicht
so richtig vorstellen. In "Independence Day" (USA 1995) können die
Guten sich in das Netz der bösen Außerirdischen einhacken und den Code
für einen elektromagnetischen Schutzschild des Raumschiffs knacken.

Im militärisch geförderten Katastrophenfilm "Deep Impact" (USA 1998)
engagiert das Pentagon selbst den besten Hacker im ganzen Land für
seine Zwecke. In "Swordfish" (USA 2001) sind es radikale
US-Amerikanisten, die durch Hackertechnik große Geldsummen auf ihr
Konto umleiten und hernach die US-Regierung in der
"Antiterrorbekämpfung" an Effektivität weit übertrumpfen. In der
"Matrix"-Trilogie (USA 1999/2003) sabotieren Aussteiger durch Cyberwar
den elektronischen Zugriff auf ihr Menschsein, doch am Ende dieser
Subversion steht wieder Kriegstheologie bzw. ein großer äußerer "Krieg
zwischen Gut und Böse".



Die Vision der globalen "elektronischen Kriegsführung" kann im Rahmen
eines aggressiven Wirtschaftens mit extremen
Verteilungsungerechtigkeiten nur als paranoides Konzept gedacht werden.
Sie impliziert - zu Ende gedacht - eine totale Kontrolle über alle
technologischen, ökonomischen, physikalischen, chemischen,
biologischen, mentalen und sonstigen Parameter der Wirklichkeit. Die
entsprechenden Sensoren müssen deshalb ubiquitär ihre Arbeit tun.

Letztlich käme man - wie in "Minority Report" (USA 2002) - sogar nicht
umhin, auch Gedanken und innere Bilder sichtbar zu machen. Schon jetzt
ist zu diskutieren, ob die "militärtechnologische Revolution" nicht
geradezu zwangsläufig das Modell des präventiven Sicherheitsstaates im
Reisegepäck mitführt.

Einige Jahre vor dem echten "Patriotic Act" und früher als Spielbergs
"Minority Report" hat dazu die Bruckheimer-Produktion "Enemy Of The
State" (USA 1998) beachtenswerte Hinweise geliefert. Dieser
Verschwörungsfilm über Bürgerrechte und Überwachungsstaat gehört neben
"The Siege" (USA 1998) von Edward Zwick zu jenen Hollywoodprodukten,
die zum Ende der Clinton-Ära erstaunlich weitsichtig das neue
"Antiterror"-Paradigma der US-amerikanischen Politik ankündigen.

Das Drehbuch macht die Zuschauer mit neuen Technologiestandards
vertraut. Ausgangspunkt ist ein neues "Telekommunikationssicherheits-
und Überwachungsgesetz", das vom Kongress verabschiedet werden soll.
(Danach dürften die Behörden z. B. bei Wörtern wie "Allah" oder "Bombe"
die Überwachung von Telefon und elektronischen Medien einschalten.) Ein
hochrangiger Mitarbeiter der "National Security Agency" (NSA) lässt
einen einflussreichen Kongressabgeordneten ermorden, der zu den
energischen Gegnern des neuen Überwachungsstaates gehört. Dieser als
Unfall vertuschte Mord wird allerdings von der Kamera eines
Vogelforschers ganz unbeabsichtigt aufgezeichnet.

Nun setzt die NSA, die offenbar über Satelliten-Totalüberwachung
bereits die gesamte Welt kontrolliert, eine Jagd nach der Filmaufnahme
in Gang. Mit Hilfe eines versierten und technologisch ebenbürtig
ausgestatteten NSA-Aussteigers gelingt am Ende die Aufdeckung der
Mordverschwörung. Bezeichnend sind die Argumente der Verfechter von
"Telekommunikationssicherheit und -überwachung". Die USA, so heißt es,
seien die meistgehasste Nation und müssten sich schützen: "Die
Sicherheit aller geht über die Privatsphäre!"

Wenn Häuser in die Luft gesprengt würden, bekämen die Menschen Angst.
Deshalb müsse man z.B. US-Einwanderer, die im Terrorismus eine gerechte
Sache sehen, abhören. (Wenn man das Ausmaß des NSA-Abhörprogramms nach
dem 11.9.2001 bedenkt, muss man sagen: Diese Position hat sich in der
Wirklichkeit durchgesetzt.) Die Gegenseite im Film argumentiert: "Je
mehr Technologie wir verwenden, desto leichter wird Orwells Welt."



Equilibrium, oder: Das Ende der freien Welt
Will man den Film "Enemy Of The State" kritisch verstehen, so lautet
seine Botschaft: Freiheit und eine "totale Kriegsführung" zur
(vermeintlichen) Verteidigung der Freiheit schließen sich gegenseitig
aus. Der Krieg selbst ist der gefährlichste Feind der Freiheit. Am
Ende, so zeigt es der Science-Fiction-Titel "Equilibrium" (USA 2002),
schafft er zwangsläufig Zivilisationsverhältnisse, in denen sogar die
Unfreiheit als Befreiung begrüßt wird.

Unter dem Vorzeichen neuer Militärdoktrinen und Atomwaffenforschungen,
die uns noch im Schlussteil dieses Beitrags beschäftigen werden, ist
die postnukleare Vision dieses Films keineswegs antiquiert: "In den
ersten Jahren des 21. Jahrhunderts brach ein dritter Weltkrieg aus.
Diejenigen von uns, die ihn überlebten, wussten, dass die Menschheit
einen vierten Weltkrieg nie überleben würde und dass unsere eigene
explosive Art einen Risikofaktor darstellt."

Es entsteht ein faschistoides Staatsgebilde unter dem Schutz eines
"großen Vaters". Die Überwachung der Gesellschaft wird übernommen von
den Mitgliedern einer neuen Kleriker-Kaste, deren "einzige Aufgabe die
Auskundschaftung und Ausrottung der wahren Quelle menschlicher
Grausamkeiten ist, der menschlichen Fähigkeit, etwas zu fühlen." Die
Lösung besteht aus einer Beseitigung aller Emotionen durch die für alle
Menschen obligate Einnahme des Medikaments "Equilibrium": "Endlich ist
Krieg nur noch ein Wort, dessen Bedeutung uns unverständlich ist.
Endlich sind wir zu Hause angelangt."

Unmittelbar hat die Anwendung technologischer Erfindungen jenen Status
Quo geschaffen, der eine solche Radikalkur notwendig erscheinen lässt.
Therapiert wird jedoch eine tiefer liegende Ursache, therapiert wird
das menschliche Herz, indem es seiner Fähigkeit zu fühlen beraubt wird.
Die sich anschließende Absage an diese gruselige "Lösung" erinnert an
den Schluss von "I,Robot" (USA 2004). Eine weitergehende Perspektive
ist damit noch nicht gewonnen. Der Diskurs über "Krieg und Emotionen"
wird bestenfalls angerissen.

Gewiss hängt eine von Irrationalismus, Kriegskultur und
Kriegstechnologie beherrschte Zivilisation irgendwie mit dem
Gefühlsleben des Einzelnen und der ganzen Gattung zusammen. Die Angst
sterblicher Wesen und ein unstillbarer Liebesdurst können uns - zumal
unter ungünstigen Kulturbedingungen - in vielerlei Hinsicht zu
pathologischer Aufrüstung antreiben. Doch Kriege werden nicht wegen
individueller Hassgefühle geführt, sondern auf der Basis einer
gewalttätigen Ökonomie oder - vordergründig - für kollektive Wahnideen.

LITERATURANGABEN

[1]Zitiert nach: H. Gollwitzer, Die Christen und die Atomwaffen, München
1957, S. 23.

[2]In der Darstellung dieses Titels folge ich hier mit unwesentlichen
Veränderungen einer früheren Arbeit: P. Bürger, Napalm am Morgen Ð
Vietnam und der kritische Kriegsfilm aus Hollywood, Düsseldorf, 2004.
Auf die Kennzeichnung von Auslassungen in den Filmzitaten wird
verzichtet..

[3]Batman verfügt über ein militärisches Spezialfahrzeug, das mit enormer
Geschwindigkeit und ohne Rampe z.B. über einen breiten Fluss springen
(bzw. fliegen) kann, Drahtseile zum Brückenbau auswirft, mit seinem
integrierten High-Tech-Waffensystem Geschütze abfeuert und einen
aktivierbaren Tarnmodus besitzt.

[4]Die wichtigsten einschlägigen und neueren Science-Fiction-Titel dazu
aus Literatur und Film enthält das folgende Unterrichtsmaterialheft:
Stiftung Lesen (Hrsg. zusammen mit Twentieth Century Fox), I,Robot -
Ideen für den Unterricht, Mainz 2004.
http://www.ideenforumschule.de/foerderung/archiv/documents/IRobot.pdf
(2)

[5]Unter dem Begriff "Zivilisation der Angst" verstehe ich hier nicht die
politische Strategie, über die Produktion von Angststimmungen die
Aufrechterhaltung von Herrschaftsverhältnissen abzusichern, die
objektiv den Interessen einer großen Mehrheit der Menschen
zuwiderlaufen. In der "Zivilisation der Angst" können sich destruktive
menschliche Strategien wider die (oftmals verdrängte) Angst vor dem Tod
zu gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturen verobjektivieren.
Diese Strukturen prägen wiederum die Lebensentwürfe und
"Überlebensstrategien" der Einzelnen. Es ist vom Forschungsmotiv her
und im Ergebnis ein großer Unterschied, ob neue Technologien von einer
"Zivilisation der Angst" oder unter gesellschaftlichen
Vertrauensverhältnissen entwickelt werden.

LINKS

(1) http://www.telepolis.de/r4/artikel/23/23297/1.html
(2) http://www.ideenforumschule.de/foerderung/archiv/documents/IRobot.pdf

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