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Di, 07.02.2017 Die Heiterkeit im DRUCKLUFT

Beginn: 20h
Die Heiterkeit
Pop & Tod I + II
http://dieheiterkeit.de/

Eintritt: 15 Euro Location: Halle



Die erstaunliche Musikgruppe Die Heiterkeit hat ein neues Album aufgenommen, und getreu dem Motto »Weniger wollen, mehr machen« sind es gleich zwei Alben geworden, die nur so tun, als waeren sie eines : 20 Lieder, 66 Minuten Spielzeit und ein genialer Titel: »Pop & Tod I+II«. Das alles ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert, der Infotextverfasser weiss gar nicht, wo er anfangen soll, hat sich aber vor allem vorgenommen, nicht hysterisch zu werden, sondern in aller gebotenen Gelassenheit ueber den Sachverhalt Bericht zu erstatten.

Rueckblende: Im Jahr 2010 tauchten Die Heiterkeit in der Hamburger Musikszene auf : ein Trio, das stoischen Indieschrammelrock der alten Schule spielte, relativ gelangweilt ueber nichts Bestimmtes sang und dabei alles andere als heiter klang. Das Logo der Band war ein skeptisches Smiley mit geradem Strich als Mund, die erste EP hatte keinen Namen, es gab Jutebeutel, einen Hype, Liebe, Ironieverdacht und Argwohn. Meinen die das ernst? Und was wollen die? 2012 erschien das Debuetalbum »Herz aus Gold« und zwei Jahre spaeter »Monterey« : sproeder Slowcore-Glam-Pop, unaufgeregt, schillernd und ein bisschen blasiert. Man kann nicht gerade sagen, dass Die Heiterkeit das Land in Flammen gesetzt haetten mit ihren Liedern ueber jene Momente des Lebens, die die meisten lieber liegen lassen, weil da nix von dem ist, wonach die meisten suchen: Euphorie, Ankommen, Geilsein.

Jetzt also »Pop & Tod I+II«. Es ist ja so: Mit dem ersten Album zeigt man, wer man ist, mit dem zweiten, dass man`s ernst meint, und mit dem dritten, was man drauf hat. Und jetzt muss der Infotextverfasser ein bisschen an sich halten, denn »Pop & Tod I+II« ist das, was man einen Wurf nennt, ein grosses Werk, meinetwegen Meisterwerk. Man kann dieses Album lesen wie einen Roman, wahrscheinlich ist es ein Konzeptalbum, weil alles ineinandergreift und sich fortentwickelt, auf jeden Fall hat es so was noch nicht gegeben, nicht mit dieser Haltung in deutscher Sprache, und das, was es ist, brauchen wir gerade jetzt.

Wie das schon losgeht: Der erste Song ein Schweben, nur Klavier, Synthieflaeche und Stella Sommers sonore Stimme: »Die Baeume sind gewachsen / Die Voegel sind geflogen / Da, wo ich wohne, ist es immer kalt kalt kalt.« Der zweite Song, »Betruege mich gut«: »Es ist so einfach fuer ein Maedchen wie mich zu luegen / Es hat nichts mit dir zu tun / Ich will dich leichter verlieren koennen / Du kannst dich zwischendurch ausruhen.« Entschuldigen Sie bitte, aber das ist eine Staffel Girls in vier Zeilen! Der dritte Song macht dann kurz mal klar, was die angemessene Haltung ist gegenueber einer immer komplexeren Welt, in der es keine einfachen Antworten gibt: »Im Zwiespalt mag ich euch so sehr [...] / Im Zwiespalt find ich`s angenehm / Distanz als Form von Naehe / die Blumen, die ich saee.« Und im vierten Stueck kommt die Leichtigkeit, wegen der Die Heiterkeit naemlich dann doch keine doofe Diskursband sind, sondern eben kluger, laessiger Pop: »Es gibt Dinge, die man lernt, / und alles andere laesst man bleiben / Doch Baby Baby, schick es nach Panama City.«

Das ist der Gegenentwurf zum deutschsprachigen Kumpelrock und Durchhaltepop der juengeren Zeit, der im schlimmsten Fall darauf hinauslaeuft, dass irgendwer »Wir sind das Volk« bruellt und Heil Hitler meint. Was der Infotextverfasser sagen will: Die Heiterkeit suchen keine Erloesung, sondern irrlichtern irgendwo zwischen Anziehung und Abstossung, Verstehenwollen und Loslassen, Frustration und Kapitulation herum, und dabei strahlen sie eine Gelassenheit aus, die gluecklich macht, weil sie alles mitdenkt, gegen jede Hysterie niemanden verarscht, und unverschaemt oder verzweifelt genug ist, um im Maedchenchor zu singen: »Wenn es so weit ist, werden wir es wissen / Es kommt immer anders als gedacht / Es wird in Ordnung sein.«

Auch musikalisch stehen Die Heiterkeit in voller Bluete, haben sich in wuerdevoller Pracht entfaltet, wobei zu sagen ist, dass die Band angefuehrt wird von Stella Sommer, die singt, Gitarre spielt, die Texte schreibt und die Musik. Von der Urbesetzung ist nur noch sie uebriggeblieben. Das einstige Trio ist nun ein Quartett bestehend aus Sonja Deffner (Jason & Theodor), Philipp Wulf (Messer), Hanitra Wagner (Oracles), die erst nach den Aufnahmen zur Band gestossen ist, und eben Stella Sommer. Produziert hat das Album, wie schon »Monterey«, der beruehmte Moses Schneider : nach einer Woche waren 18 Songs im Kasten und wahrscheinlich alle Beteiligten supergut drauf, zumindest klingt es nun, als haette es Spass gemacht. Da ist eine zauberhafte Zaertlichkeit in den Liedern, ein laessiger Minimalismus der Mittel : Maedchenchoere, Maennerchoere, Melodien, Hooks und Harmonien! Und das alles irre unangestrengt. Zuweilen hat man das Gefuehl, dass diese Musik gar nichts wirklich will, und das ist natuerlich irritierend, denn das laesst viel Platz fuer eigene Gedanken, und damit muss man ja auch erstmal klarkommen. Und dann noch Zeilen wie diese: »Man ist immer allein«, »Es broeckelt vor sich hin«, »Schlechte Vibes im Universum«, »Es faellt mir immer auf / Es faellt mir immer runter / Es kommt immer was dazu.« Und ist das eigentlich Sarkasmus zum Schluss, wenn Stella Sommer singt: »Und es ist grossartig / Sind wir jetzt alle zufrieden?« Und dann der Maennerchor: »Haben die Kids es nicht einfach geliebt?« Was soll das denn heissen? Dass alles dann doch nur Pop ist, und am Ende sind wir alle tot?

Location: DRUCKLUFT
Ort: Oberhausen

 
 
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