[Alles] [Konzert] [Action] [Demo] [Vortrag] [Workshop] [Seminar] [Diskussion] [Lesung] [Theater] [Film] [Ausstellung] [Party] [Mampf] [Kneipe] [Cafe] [Info] [Camp] [Kongress] [Vorbereitung] [Mobilisierung] [Sonstiges]


Di, 18.04.2017 Candelilla im DRUCKLUFT

Beginn: 20h
Candelilla
http://www.candelilla.de/
http://candelilla.bandcamp.com/
http://www.youtube.com/watch?v=oiqxeqEV_PI

Eintritt: 10 Euro Location: Halle


praesentiert von: Intro & Byte.FM, TazBlog und Musikblog

CAMPING, das 3. Studioalbum der Gruppe CANDELILLA. Aufgenommen und abgemischt von Hannes Plattmeier und Tobias Levin, der auch produzierte, und geschrieben ueber 2 Jahre auf dem weiten Weg zwischen Muenchen und Hamburg. Und doch scheint es, als waere diese Platte immer schon genau so da gewesen. Als haetten diese 10 Songs in all ihrer schillernden und wutentbrannten Schoenheit nur darauf gewartet, dass jemand sie abholt, aufschreibt und auf die Record-Taste drueckt.


CANDELILLA, immer schon mehr interdisziplinaeres Kollektiv als blosse Rockband, erdacht in einem Muenchen, das man irgendwo zwischen dem Paris der Situationisten, dem Washington DC eines Ian Svenonius und dem New York City Valerie Solanas verorten kann. Performance, Poesie, Politik, und Liebe als Haltung. Und vor allem diese nicht zu baendigende Wut und unglaubliche tightness, die sie schon seit langem zu einer der intensivsten Live Bands des Landes macht. Ihr letztes Album, aufgenommen in Chicago mit Produzentenlegende Steve Albini, hatte diese Energie schon eindrucksvoll auf Platte gebracht. 4 Jahre spaeter jedoch gehen CANDELILLA noch einen Schritt weiter. CAMPING ist keine Pop-Platte geworden, sie forscht viel eher nach den Moeglichkeiten von Pop innerhalb des Kosmos CANDELILLA. Geht an Grenzen, tastet sie ab und observiert sie, ohne diese aber je zu ueberschreiten. CAMPING zeigt eine Band, die sich ihrer selbst so gewiss ist, dass sie sich neu erfinden kann, ohne auch nur eine Spur des Alten zuruecklassen zu muessen

Eine Gitarre wie ein Schrei, dann ein troestender Klavierakkord, der eine Kadenz einleitet die ueber 2 Minuten Erwartungen weckt, aber nicht einloesen wird. So beginnt CAMPING mit dem euphorischen Instrumentalstueck "Augen", ganz als haetten sich Joy Division das Klavier von Talk Talk`s Colour of Spring geborgt. Die Gitarre hat sich in einem Feedback-Loop gefangen, waehrend die Akkorde sich scheinbar endlos weiterbewegen. Das Ziel ist erst erreicht, wenn sich alles in dem ersten Wort der Platte gipfelt: Ueberpruefen. Man zuckt kurz zusammen. Die Stadt, durch die ich laufe, wird ganz still und ich beginne meine Schritte an die Musik anzugleichen. Wenn Mira Mann manisch 33 Muskeln, 27 Sehen wiederholt, spuere ich jede einzelne davon.

Augen, Hand, Sehnen, Muskeln. Es ist ganz zu Anfang schon alles eingefuehrt, was sich durch die weitere Platte ziehen wird: Koerper werden seziert und immer wieder mit anatomischer Strenge in ihre Einzelteile zerlegt. Erst das Stueck "Ruhig draussen" benennt zum ersten Mal einen Koerper in Einheit, ja wartet sogar mit der Bekenntnis auf: ich mag deinen Koerper. Nur um gleich zu relativieren: Er hat eine schoene Oberflaeche. Der Koerper wirkt auch hier wieder eher wie ein Forschungsobjekt, als eines der Begierde, oder wie es in dem Text heisst: Du sendest News die mich interessieren. Ich beobachte dich einen ganzen Tag. Die Koerper auf CAMPING atmen, spucken, tasten, kotzen. Aber sie bleiben Bodies without properties. Koerper ohne Eigenschaften. Meine Augen leuchten, sie erzaehlen nichts.

Und dann der Titel: CAMPING. Auf den ersten Blick scheint er irritierend. Was will er bedeuten, wohin will er uns fuehren? Ich kann den Begriff zunaechst nur als Anklage begreifen. Ich denke an Susan Sontags beruehmten Text "notes on camp", in dem sie das Wort "camping" abfaellig als jene Form der Taetigkeit versteht, die die vorsaetzliche Produktion von "camp" zum Ziel hat. Eine bewusste Einfuehrung einer Haltung, die in Hinblick auf den Inhalt neutral ist und sich dem blossen Stil hingibt. Oder wie Sontag schreibt: Der Sieg des "Stils" ueber den "Inhalt". Ganz wie einer der ungewoehnlichsten Songs auf diesem Album in seiner kristallinen Schoenheit dem besungenen Paar am Pool mehr einen way of life zuschreibt, als Leben an sich zuerkennt: Sie liegen an einem Pool. Die Welt steht still.

Und ist CAMPING nicht auch die deutscheste aller Urlaubsarten? Der Traum vom mobilen Zuhause, der von der idealisierten Vorstellung einer Flucht aus dem Alltag lebt. Und macht CAMPING diese Flucht nicht eigentlich unmoeglich, weil der Schritt von zu Hause wegzufahren in Wahrheit nie gewagt, nein, nicht einmal gewollt wird? Eine rein oberflaechliche Auseinandersetzung mit dem Neuen, immer nur einen (Rueck)Schritt entfernt vom wohligen Zuhause? Unbedingt unterwegs sein wollen, bloss um sich am Ende: keinen Zentimeter (zu) bewegen.

Aber koennte man den Begriff nicht auch positiv besetzen? Man muesste das Konzept von CAMPING wohl etwas allgemeiner fassen. Denn im Grunde bedeutet es doch auch: ueberall zu Hause zu sein. Sein Zuhause immer mit sich zu tragen. Das Gegenteil des all inklusive Gefaengnisses, das wir Leben nennen. Das unbedingte Beharren darauf, dass Heimat transportabel zu sein hat und an keinen Boden dieser Erde gekoppelt sein kann.

Und so campen CANDELILLA im letzten Song dieses ueberragenden Albums auch in der Wueste, in einer unkontrollierbaren Landschaft, die nachgibt unter jedem Schritt. Die sich veraendert und zusammen zieht, wie ein auf Sand gebautes Zuhause.

Es gibt etwas das unkontrollierbar fuer mich ist, dahin gehe ich. Etwas das unkontrollierbar fuer mich ist, ich nenne es Wueste. Und vielleicht sind am Ende all meine Fragezeichen, die eigentliche Intention dieser aussergewoehnlichen Band. Ganz so wie all diese Akkordfolgen sich partout nicht aufloesen und all diese Woerter partout in keinem Satz gefangen sein wollen: Eine Irritation, ein Spiel, eine Ahnung: tomorrow i will love a new face of you.

Location: DRUCKLUFT
Ort: Oberhausen

 
 
[ Zurück ]