Recht auf Bildung? Nicht wenn die Bundeswehr kommt….

Sonntag, 3. Oktober 2010 um 14:42 - Toxo
Die Bundeswehr wandelt sich immer mehr von einer Verteidigungsarmee hin zu einem international tätigen Akteur. Aus diesem Grund braucht die Bundeswehr zweierlei: mehr Soldat_innen für die immer umfangreicheren Auslandseinsätze und aber auch eine auf „Kurs gebrachte Bevölkerung“. Und wo könnte man da anders möglichst früh ansetzen als in unseren Schulen. Die Mittel der direkten Einflussnahme an Schulen sind vielfältig – von Unterrichtsmaterialien, die von der Bundeswehr mitgestaltet werden über Werbeanzeigen und Texte in Schüler_innenzeitungen bis hin zu komplett geplanten Unterrichtseinheiten und vorgefertigten Simulationsspielen, die auch in ehemaligen Kasernen als Exkursionen durchgeführt werden können.

Die Bundeswehr wirbt seit Jahren verstärkt um Jugendliche und möchte sich als attraktiver Arbeitgeber ins rechte Licht rücken. Schnelle Karriere, gesichertes Gehalt und die Größe des Arbeitgebers (einer der größten Arbeitgeber in der BRD) stehen dabei im Vordergrund. Die „Schattenseite“ des Berufsfeld „Soldat_in“, bewaffnete Einsätze, das Töten und der Einsatz des eigenen Lebens wird auf diesen Veranstaltungen ausgeblendet.
Neben dem Auftritt des „Karriere Trucks“ in den Innenstädten finden sich die Werbungstände der Bundeswehr auch auf Bildungsmessen und sogar Computerspiele-Messen wie die „Gamescon“ wieder. Ein Schelm, wer bei dieser verstärkten Präzens im zivilen Bereich an den Ausbau einer „Heimatfront“ denkt...

Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte die Beeinflussung der Bundeswehr in Schulen im Oktober 2008, als die nordrheinwestfälische Schulministerin Barbara Sommer (CDU) eine Kooperationsvereinbarung mit der Bundeswehr abschloss. Dies brachte auch die rechtliche Absicherung und Legitimation der mittlerweile an vielen Schulen üblichen Besuche von Jungoffizier_innen im Unterricht zu vermeintlich neutralen Diskussionsrunden.

An einem Neusser Berufskolleg kam es im vergangenen Jahr zu einem Vorfall, bei dem eine Schülerin aufgrund von kritischen Nachfragen und Widerspruch während einer Selbstdarstellung der Bundeswehr als Arbeitgeber des Unterrichts verwiesen wurde. Die Veranstaltung wurde trotz des Protestes wie geplant durchgeführt.


In welchen Zusammenhang war die Bundeswehr Teil des Unterrichts ? Wer kam denn da ?
Es war sehr überraschend. Am Anfang einer Politikdoppelstunde erklärte unsere Lehrerin, dass heute eine Gastrednerin zu Besuch sein, die etwas zu erzählen hat. Der Termin war weder angekündigt noch passte er zum Thema des laufenden Politikunterrichts. Von der Doppelstunde war die erste Stunde für die Gastrednerin reserviert. Das ganze wirkte irgendwie eingeschoben.
Es kam eine Frau in grauer Ausgehuniform der Bundeswehr herein. Sie war Mitte bis Ende zwanzig, sie kam ohne Begleitung und machte einen selbstbewussten, selbstsicheren Eindruck. Sie stellte sich und ihre Position in der Bundeswehr vor und begann mit ihren Erzählungen.

Gab es Materialien die ausgeteilt wurden ?
Materialien hatte sie nicht dabei, sie versuchte, ein lockeres Gespräch auf einer eher freundschaftlichen Ebene mit uns zu führen.

Worum ging es in dieser „Gastrede“ ?

Die Frau von der Bundeswehr wollte uns über die Rolle der Bundeswehr als Arbeitgeber berichten. Insbesondere das Berufsfeld „Mädchen in der Bundeswehr“ wurde beworben. Dazu muss ich sagen, dass in unserer Klasse überwiegend Mädchen vertreten waren.
Sie schilderte den Arbeitsalltag in der Bundeswehr als sehr spannend, wobei sie immer wieder betonte, dass gerade für „uns Mädchen“ der Beruf interessant sei. Häufig sprach sie davon, dass die Bundeswehr gut zahle, ein sicherer Arbeitgeber sei, es schnelle Aufstiegsmöglichkeiten gäbe und die Leute viel von der Welt sehen. Sie stellte die Bundeswehr als einen ganz normalen Arbeitgeber dar, in der es viele Betätigungsfelder gibt, auch viele „Mädchensachen“ seien dort möglich. Was genau das sein soll, sagte sie nicht. Sie sprach uns häufig „als Frauen“ direkt an, das ganze machte auf mich den Eindruck einer reinen Werbeveranstaltung. Die „Verpflichtung“ als Teil des Berufs wurde zwar genannt, aber die rechtlichen und auch die psychischen Konsequenzen blieben unerwähnt. Es wurde stattdessen sofort darauf hingewiesen, das Frauen als Bewerberinnen sehr gerne gesehen und genommen werden. Sie wies auf die vielen humanitären Einsätze hin und darauf, dass wir bei der Bundeswehr die Chance hätten, vielen Menschen zu helfen.

Welche Kontroverse entstand ? Was führte dazu, das Du aus dem Unterricht rausflogst ?
Ich stellte ihre einseitigen Darstellung der Aufgabengebiete in der Bundeswehr in Frage, denn der Beruf der Soldatin ist ja kein „normaler Job“, da hängen auch Kriegseinsätze und das Töten von anderen Menschen dran. Darauf ging die Frau von der Bundeswehr nicht ein, sie kam immer wieder auf die guten Aufstiegschancen zurück, sie ließ sich nicht darauf ein, über die „Schattenseite“ zu reden. Das ging mir ziemlich gegen den Strich, denn schließlich wurden wir nicht über den bevorstehenden Besuch informiert, wir hatten also keine Möglichkeit uns im Vorfeld auf die Veranstaltung vorzubereiten, unsere Fragen entsprechend zu formulieren und uns Hintergrundinformationen zu beschaffen. Daher bestand ich darauf dass dieser Punkt nicht so einfach abgetan wird, da zumindest darüber geredet werden muss. Zunächst ging sie nicht darauf ein, auch unsere Lehrerin meinte, es sei besser, den Gastbeitrag erst einmal ungestört zu Ende zu bringen, ich wollte den Streitpunkt aber nicht so unbeantwortet im Raum lassen.
Nach einigem hin und her gab die Gastrednerin zu, dass natürlich auch Auslandseinsätze ein Teil des Berufs seien. Sie sprach davon, da es darum gehe, die Sicherheit „unseres Landes“ zu verteidigen, Deutschland vor Feinden zu schützen, ohne näher darauf einzugehen, wer diese Feinde eigentlich sind. Ein wesentliches Ziel dieser Einsätze sei aber, Demokratie in Länder zu bringen, in denen Unterdrückung herrscht. Die Jugendoffizierin meinte, natürlich seien Tote bedauerlich, müssten aber für „die gute Sache“ in Kauf genommen werden. Das regte mich auf und ich bestand darauf, dass die Frau den Raum verlassen solle, ich wollte lieber mit dem regulären Unterricht fortfahren als diese Werbeveranstaltung mitmachen zu müssen.

War das der Punkt, an dem Du den Raum verlassen solltest ?
Nein, noch nicht, unsere Lehrerin unterbrach die Diskussion, sie meinte, sicherlich wollten auch noch andere Fragen stellen. Da das nicht der Fall war, fuhr die Bundeswehrfrau mit ihrem Vortrag fort. Es ging immer noch um Karriere, sie versuchte uns sehr freundschaftlich als Frauen anzusprechen und schwärmte davon, wie kollegial das Verhältnis der Leute beim Bund untereinander sei, es seien zugegebenermaßen wenig Frauen da, aber das hätte auch ganz viele Vorteile.
Sie erwähnte, dass „deswegen“ die männlichen Kollegen auch mal Sprüche bringen, Frauen angestarrt oder auch angegrabscht werden, aber da müssten wir drüberstehen, so etwas sollten wir einfach nicht ernst nehmen, das sei halt so, wenn wenige Frauen mit so einer großen Zahl Männer zusammenleben. Da passiere so etwas schon mal, das sei nicht schlimm.
Das war mir zuviel ! Nicht nur diese einseitige Werbung, bei der wesentliche Aspekte ausgeblendet und geschönt werden, nein, sie forderte von uns, sexistische Übergriffe als völlig normal hinzunehmen und zuzulassen. Das ging zu weit, ich wollte dieser Frau nicht weiter zuhören und forderte, dass dieser Vortrag sofort beendet wird. Unsere Lehrerin sah das aber nicht so, sondern drohte mir mit der Schulleitung und Schulausschluss, wenn ich nicht augenblicklich den Raum verlassen würde. Also ging ich raus.

Wie ging es weiter ?
Der Vortrag ging noch etwa 15 bis 20 Minuten bis die Stunde zu Ende war. Von außen hörte ich, wie die Frau von der Bundeswehr ihren Vortrag beendete und mit einer kurzen Fragerunde abschloss. Dann ging sie pünktlich nach Ende der Unterrichtsstunde, ohne für weitere Gespräche zu Verfügung zu stehen. Ich durfte wieder eintreten. In der zweiten Politikstunde ging es dann ganz normal weiter mit dem Unterrichtsstoff, eine Nachbereitung oder Gegendarstellung gab es nicht, es gab für mich keine Möglichkeit über das Erlebte zu sprechen.

Wie reagierten die anderen Schülerinnen und Schüler im Raum ?
Sie reagierten eher gleichgültig oder mit Unverständnis. Mein Rauswurf wurde nicht in Frage gestellt, es schien eher so, als hätte sie meine Reaktion genervt. Für viele schien die Bundeswehr als Arbeitgeber attraktiv zu sein, die Fragen, die die anderen gestellt hatten, drückten das klar aus. Es ging hier um das Interesse an den Beruf, kritisch wurde nichts hinterfragt.

...und die Lehrerin ?
Sie sprach mich später noch einmal an, sie hatte kein Verständnis für meine Reaktion, auch nicht für den Einwand, dass wir uns nicht auf dieses Gespräch mit der Jugendoffizierin vorbereiten konnten, sie machte mir den Vorwurf, dass mein Verhalten respektlos der Frau und auch den anderen aus der Klasse gegenüber gewesen sei. Danach wurde der Besuch oder mein Rausschmiss nie wieder thematisiert, reflektiert oder aufgegriffen.

Vielen Dank für das Interview – Infocafe Düsseldorf http://www.infocafe.de.tt


Info

"Die Kooperationsvereinbarung zwischen dem Ministerium für Schule und Weiterbildung und der Bundeswehr wurde im Oktober 2008 im Rahmen einer mehrtätigen Veranstaltung unterzeichnet von der Schulministerin Sommer und Generalmajor Diepenhorst. Während dieser drei Tage wurde von ausgewählten Schüler_innen das umstrittene Simulationsspiel POL&IS gespielt – als spezielles „Bonbon“ für die Teilnehmenden fand der letzte Tag im Düsseldorfer Landtag statt.
So wurde der weltweite Kampf um Ressourcen, bei dem auch der Einsatz von Militär als legitimes Mittel zur Konfliktlösung vermittelt wird, von den Schüler_innen genau dort gespielt, wo alltäglich die Politik für NRW gemacht wird."



Links

Protest gegen Bundeswehr auf der Messe „Chance im Rheinland“
http://de.indymedia.org/2009/08/259285.shtml
GAME OVER für die Bundeswehr auf der gamescom
http://de.indymedia.org/2010/08/288122.shtml

DradioWissen über den Werbefeldzug des Bundeswehr:
http://wissen.dradio.de/index.39.de.html?dram:article_id=5387


Quelle
TERZ - die autonome Stattzeitung für Politik und Kultur in Düsseldorf und Umgebung.
http://www.terz.org

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