3 neue short stories von Rüdiger Saß

Donnerstag, 19. Mai 2016 um 23:49 - futziwolf

Der Besuch
Der Alte am Fenster
Die Mieterhöhung



Die Literatur hat nur einen einzigen Daseinszweck,
Den, der sie betreibt,
Vor dem Überdruss am Leben zu retten.

- Joris Karl Huysmans -

Der Besuch

Ob Herbst, ob Winter, die Straßen pflastern Kaugummi-, Kot- und Speichelfladen, Duftcocktails aus Seife, Weichspüler und Autoabgasen, Zwiebeln, Lauch und Schweiß ... Motorenlärmwände wanken auf mich zu, schließen mich von allen Seiten ein; Risse ranken sich an Hausfassaden und Trommelfellen entlang. Die Luft pocht, pulst und poltert. Ich habe es versucht, ob Herbst, ob Winter, ich kann die Zeit nicht halten, nicht festhalten. Ich kann die Vergangenheit und Gegenwart nicht vor einer ungewissen Zukunft bewahren, kann sie nicht zurückhalten. Jeder geht seinen Weg, selbst die Zeit, ob gerade oder ungerade. Mein Leben ist das einer Schnecke, eine Schnecke voller Ungeduld, die es die Hauswand, die rissige Hauswand hoch bis zum vierten Stockwerk geschafft hat. Die Geduld ist eine heikle, eine knifflige Angelegenheit, für die ich nicht geschaffen bin. Ich stecke voller Leben, aber vielleicht steckt das Leben auch nur im Bier, im Schnaps. Egal, ob Frühling oder Sommer, die Straßen ächzen, sie stöhnen unter den Tritten gehetzter, erschöpfter Tretmühlenhamster, deren Augen voller Angst vor Armut, vor gesellschaftlichem Abstieg. Apropos Augen: Big Brothers Glasaugen sind überall! Menschenströme unter den wachsamen Blicken von Videokameras, von Polizei, von Sicherheitspersonal, Menschenherden, die von Selbstbestimmung keinen Begriff haben, von Würde, von Selbstachtung ganz zu schweigen. Das heillose Gehüpfe des Volksballetts in gesalzenem Westwind, auf meersalzigen Westwindwogen, schaukelnd, hin- und hergeworfen, von hier nach da und dort. Immer wieder schön zu sehen, nicht der einzige Idiot unter der Sonne zu sein!

Ich steuere meine Schritte in einen Leichenladen, einen Sargshop. Wenn ich den Laden nicht kennen würde, könnte ich mich auch in ein Friseurgeschäft, eine Bäckerei oder eine Arztpraxis verlaufen haben. Urnen und Särge Fehlanzeige, sie erinnern zu sehr an Tod, an Leid, an endgültigen Abschied, und somit stehen die Totentruhen nicht im Eingangsbereich, sondern separat, in den Hinterzimmern. Die Ladenwände scheinen hinter ihrem Anstrich zu schweben, hinter Schäfchenwolken an heiterem Himmel. Alles scheint tiefenentspannt: das sparsam im Raum verteilte Grünzeug, die Billigbilder, Motiv „Röhrender Hirsch“ oder „Waldeinsamkeit“ an den Wänden, selbst der wuchtige Empfangstresen gleicht in seinem pastellfarbenen Tarnanstrich einem im Nirwana weilenden Hippie. Und auch das Gesicht hinter dem Tresen würde eher zu einer Animierbar oder Stewardessuniform passen, das einnehmende Gesicht einer Frau mit Brust und Becken, die nach Empfängnis betteln. Auf meine Frage nach Gülle, nach Mücken Gülle, den ich eigentlich an ihrer statt erwartet habe, erlischt das leichte Lodern in ihren Pupillen, und mit kalten Augen und kalter Stimme knarrt sie, er trage seine dicken Eier spazieren, er trage sie durch seine kleine, kranke Welt. Verletzte Gefühle lagern in der Luft, wie verwesende Leichen, wie die Seelen Verstorbener, die nicht zur Ruhe kommen. Merkwürdig, dass ausgerechnet Mücken Gülle mit einer Frau - mit dieser Frau! - in einer über das Geschäftliche hinausgehenden Beziehung stecken sollte, er: Typ PC-Spielespezialist, Ich-Flüchtling, genauer: Ich-und-andere-Flüchtling mit dem Aussehen eines abgehalfterten Galeerensklaven. Sobald er auch nur den Begriff „Frau“ in den Mund nimmt, spannt sich ein weißer Speichelfaden zwischen seinen Lippen. Mücken Gülle ist jemand, der vor lauter Einsamkeit mit seiner Sprachbox spricht, mit seiner Badewanne, seinen Socken … Die Empfangsfrau reißt mich aus meinen dunklen, labyrinthischen Gedankengängen. „Es gibt Menschen“, sagt sie, „die mit ihrem Leben nichts anzufangen wissen. Die einen begehen Selbstmord, die andern arbeiten, bis der Arzt kommt …“ „Und wieder andere“, werfe ich ein, „tragen ihre dicken Eier spazieren.“ Mein Einwurf bringt mir explosive Blicke ein, Explosivblicke, die ich nicht zu deuten vermag, ob sie positiv oder negativ geladen sind. Deshalb füge ich hinzu: „Man kann sein Leben ganz unterschiedlich wegwerfen, sich auf vielen Wegen aus dem Leben stehlen.“ Plötzlich hat sich alles um mich herum verändert, verwandelt, die Schäfchenwolken an den Wänden sind einer Gewitterfront gewichen, der Hippietresen, aus dem Paradies vertrieben, ist auf Horrortrip, und auch die Empfangsfrau sieht wie ausgewechselt aus, Brust und Becken, gerade noch in höchster Blüte stehend, wirken wie kahles, ausgedörrtes Steppengestrüpp.

Da es noch zu früh ist, sich vom Blitz erschlagen zu lassen, ducke ich mich und trete den Rückzug an. Vorsichtig wie eine Katze weiche ich vom Tresen zurück zum Eingang, zur Tür. Den Fehler, dem Feind den Rücken zuzukehren, mache ich nicht. Die Empfangsfrau steht ohne Regung hinterm Horrortriptresen, wie eine Prügelmaschine auf Standby. Sie ist jetzt so hässlich wie ihre Gedanken und Gefühle, Gedanken, die mich in Asche verwandeln …

Ich treffe Mücken Gülle in der Grabkapelle auf dem Friedhof. Wo sonst? Wenn er nicht im Leichenladen herumlungert, verliert er sich im Außendienst, auf dem Aasacker. Die Grabkapelle besticht durch ihre moderne Bunkerbauweise, eine Mehrzweckhalle mit gepflegter Urinsteinatmosphäre. Vor dem Altar wartet ein Sarg auf Abfertigung, ein Sarg der Firma Gülle, flankiert von Kerzen im Rammbockformat. Mücken Gülle rast in Richtung Herzinfarkt, als ich ihn auf die Erscheinung anspreche, die ich im Leichenladen gehabt habe. Mücken Gülle windet sich wie ein aufgespießter Regenwurm. Soooo habe er das nicht gewollt. Es sei alles so schnell gegangen. Die Natur, ein Sturm habe ihn, habe sie, sie und ihn überwältigt, mitgerissen, fortgerissen. Nun stehe er, wieder nüchtern, wie entwurzelt da. Und er hat Recht: Mücken Gülle steht, nachdem wir die Kapelle verlassen haben, wie entwurzelt da, während das Rauschen der Autobahn das Rauschen des Waldes, des Friedhofswaldes frisst; Kehrmaschinen, laut wie Jumbojets, quälen sich die Wege, die Friedhofswege entlang. Der Lärm ficht die Natur nicht an: Spinnen, Hummeln und Bienen sind nach wie vor bei ihrer Arbeit, emsig, aber nicht hektisch, nicht nervös, ebenso Asseln und Ameisen auf Wanderschaft. Sie alle wissen, was zu tun ist, alle, bis auf einen Bussard. Der komische Vogel zieht seine Kreise über uns, er umkreist uns, als prüfe er, ob wir in sein Beuteschema passen. Das Missverhältnis zwischen unserer Körper- und Geistesgröße scheint ihn zu verwirren. Der verdunstende Morgentau des Leichenackers gleicht dem dichten Rauch eines offenen Feuers, ein Flächenbrand! Plötzlich gibt unter mir der Boden nach, ich versinke mit einem Bein in einem Loch im Rasen. Während Mücken Gülle sich vor Lachen krümmt, übermannt mich die Panik, denn ich spüre, wie sich eine Hand wie eine Schraubzwinge um meinen Fußknöchel schließt und mich zu sich nach unten zieht. Alles um mich herum dreht sich und dreht sich, bis mir schwarz vor Augen wird. Als sich mein Bewusstsein und meine Augen wieder öffnen, sehe ich eine Gruft im Kerzenschein, ich sehe eine Kerze von der Größe eines Rammbocks, dann noch eine und noch eine, und zwischen den Kerzen sehe ich ein reichlich ungepflegtes, unfrisches Gesicht, eine zerfallende Ruine, die Fliegen, Würmer und Maden aus Mund und Nase ausatmet. „Siehe mich an“, sagt der Verwesende, „blicke in den Spiegel deiner Zukunft!“ Ich halte den Anblick nicht den Hauch eines Augenblickes aus, und als sich meine Augen abermals öffnen, liegt der Friedhof vor mir: die Gräber wie Blumen- und Gemüsebeete im dichten Rauch des verdunstenden Morgentaus, die Allee der sogenannten Kernkrafttannen, deren Zweige sich unter der Last ihrer riesigen, mutierten Zapfen neigen, und neben mir Mücken Gülle, schweigend, der Blick in die Ferne schweifend zu dem rauchenden Schlot der Müllverbrennungsanlage am Großstadthorizont, von all dem, was vor ihm liegt, von dem Sichtbaren als auch dem Unsichtbaren, wie ich, nichts ahnend, nichts wissend, nichts verstehend, ausgeliefert und dennoch bei denkbar bester Laune.



Die innere Leere
Ist keine Last, keine Schwere
Sondern Leichtigkeit
Und das Nichtstun
Die Faulheit
Das Fehlen jeglichen Ehrgeizes
Statt eines Fluches, eines Gebrechens
Eine Wohltat, ein Geschenk

Der Alte am Fenster

Es war einmal ein alter Mann, Typus selbstgesprächig, sehr selbstgesprächig, der lehnte sich Tag und Nacht zum Fenster hinaus. Und er blickte auf einen kleinen, engen Ausschnitt der großen, weiten Welt: auf die krumme, alte Gasse unter sich, auf die gebeugten, hinfälligen Häuschen gegenüber, er blickte in die Ferne jenseits der Straßenschlucht, bis zum Horizont, doch alles, was er sah, verstand er nicht, weder die Gasse, das spärliche Leben auf ihr und in den gebeugten, hinfälligen Häuschen gegenüber, noch die Ferne, den Horizont. Er wunderte sich nur, er staunte, er schüttelte den Kopf: ungläubig, zweifelnd, bangend und hoffend. ‚Was tragen wir für Kleider‘, dachte er einmal, ‚was tragen wir für Ansichten, für Meinungen – meist ein Leben lang - mit uns herum: stinkende, abgestandene Vorurteile, Massenware von der Stange, vom Krempelmarkt, ein regenbogenbunter Cocktail, sowohl die Kleider als auch die Ansichten und Meinungen! Wir sehen wie Äpfel aus, wie Tomaten, aber wir schmecken nach nichts, einer wie der andere.‘ Und dann stellte sein Gehirn die Arbeit ein, ein gedankenloser Alter am Fenster, der plötzlich, wie vor Schreck, wie aus dem Schlaf hochfuhr und an den letzten Satz anknüpfte: ‚Wir haben kein Herz, wir haben kein Hirn, und die Leere unseres Lebens, ein Fass ohne Boden, macht uns Angst. Wir versuchen diese Lebensleere mit Aberglauben zu stopfen, mit Geld, mit Glitter und all unserem Hass gegen alles, was wir nicht kennen, was wir nicht wissen, nicht verstehen. Und bei Gott: Wir wissen nichts … Die Vernunft krepiert, sie siecht vor sich hin und mit ihr jeder gute Wille. An letzterem hatte es nie gemangelt, aber mit dem Niedergang der Vernunft kam auch der gute Wille immer mehr herunter.‘

Vitrea Fracta, eine Nachbarin von schräg gegenüber, verlor den Boden unter den Füßen, sie versank fast im Asphalt  - vor Schwäche, nicht vor Scham – ihre Knie knickten ein, als sie aus dem Taxi stieg wie ein Astronaut aus einer Zentrifuge. Die wenigen Meter bis zur Haustür meisterte sie wie eine Nussschale auf hoher See, wie ein alter Seebär, der zu viel Schnaps geladen hat, Vitrea Fracta, ein zierlicher, bunter, wenn auch zerzauster Blumenstrauß von einer Frau, voll bis oben hin, morgens um halb zehn! Das flößte dem alten Mann Respekt ein, das ließ die Liebesglocken in ihm läuten … Der Alte starrte auf die hinfälligen Häuschen gegenüber, er starrte still und starr auf die Hauswände, hinter denen sich all das verbarg, was er nie zu sehen und zu verstehen bekam, all seine Hoffnungen und Wünsche: eine Ehefrau und zwei, drei Kinder, eine Familie also und Glück, Familienglück glück glück … Durch ein geöffnetes Fenster hindurch sah der Alte zwei Menschen sich gegenüber sitzen, ein Mann und eine Frau, beim Mittagsmahl am Morgen. Die beiden schmatzten und klapperten mit ihren Bestecken, sie zerkratzten das Geschirr, als ob eine ausgehungerte Kompanie Soldaten Essen fassen würde. Sie übertönten das Baustellenkonzert auf dem nahen Marktplatz für Presslufthammer, Dampframme und Bagger in Krach-Dur.

Da, ein jäher, einsamer Schrei, hinter Hauswänden verborgen! Was hatte das zu bedeuten am frühen Dienstagmorgen? Schmerz- oder Lustschrei, oder beides, das waren die bangen Fragen, die den Alten am Fenster aus der Fassung brachten. Seine Augen irrten auf der Suche nach einem Trauerspiel, einem Drama, einer Seifenoper … sie irrten auf der Suche nach einer Abwechslung die verhängten Fenster der Nachbarschaft entlang, doch die Häuser hüteten wie eh und je ihre Geheimnisse wie ein Grab. Das schlingende, fressende Paar lärmte unbeirrt weiter. Sie konnten den Schrei beim besten Willen nicht gehört haben, sie hörten nur auf ihren Hunger, auf ihre Gefräßigkeit, auf die klaffenden, knurrenden Krater der Leere, die unbedingt gestopft werden mussten. Nur der kleine Spalt eines Fenstervorhangs, den eine Nachlässigkeit, eine kleine Schlamperei offen gelassen hatte, gab die Sicht auf eine Gitarre frei, eine erhängte Gitarre, den Kopf in einer Schlinge, die Schlinge an einem Haken an der Wand. Mord oder Selbstmord? Die Laute hing da und bewegte sich nicht, gab keinen Laut von sich … Sonst war nichts, kein weiterer Schrei, kein Wimmern, kein Röcheln, nur das Schlingen und Schmatzen des gefräßigen Paares im Fenster gegenüber, ihr Klappern und Kratzen, untermalt vom Baustellenkonzert auf dem Marktplatz.

‚Wo der Postbote, diese gelbe Schnecke wieder bleibt? Ich warte und warte und platze bald vor Ungeduld, bald könnte ich in die Luft gehen … Doch bevor ich platze und in die Luft gehe, stopfe und fresse ich mir den Bauch rund, noch runder, als er es eh schon ist. Ich fresse etwas oder auch mehr, wie die Gefräßigen gegenüber, ihr Beispiel macht Schule, es regt trotz seiner Widerwärtigkeit meinen Appetit an. Ich esse, also bin ich, und die Arbeit des Verdauens macht wie jede andere Arbeit auch frei … sie beruhigt wie Kaminfeuer, wie Kerzenschein am Heiligabend …

Blick und Gedanken des Alten schweiften über die Dächer hinweg ins Blaue: ‚Wer vor dem Fall‘, dachte er, ‚vor dem Fall des sogenannten „Eisernen Vorhangs“ über die Ostsee hinweg Richtung „Ostzone“, in die sogenannte Deutsche Demokratische Republik spähte, der sah die Küste von dem undurchdringlichen, mephitischen Dunst der Diktatoren des Proletariats verhüllt, verschleiert von ihrer Feindseligkeit, ihrem Geheimdienst und ihren verlogenen Phrasen und Parolen … Mit dem Fall des „Eisernen Vorhangs“, mit der Niederlage dieser vorgeblichen Kommunisten, nach ihrer bedingungslosen Kapitulation vor dem Kapitalismus aber lichtete sich der Schleier, der Geheimdunst schwand und verschwand. Seitdem leuchten Land und Küste in der milden Sonne des Privateigentums und der Eigeninitiative, sie erstrahlt im Glanz von Angebot und Nachfrage, von Arbeitszwang und Arbeitslosigkeit, profitorientierter Umweltzerstörung, gesellschaftlicher Ausplünderung, Ausgrenzung und Kälte …

Der Alte drehte den Kopf, und mit dem Kopf drehten sich seine Gedanken. ‚Falls‘, huschte es durch sein Hirn, ‚falls es auch nur einen Hauch von Gerechtigkeit gäbe, dann wäre Adolf Hitler bei vollem Bewusstsein seiner Herkunft, seines Selbst als Unberührbare in den Slums von Kalkutta wiedergeboren worden, und es hätte ihn die Hölle auf Erden, ein langes Leben als Latrinenleerer erwartet. Sein „treuer Heinrich“, Heinrich Himmler wäre als uneheliche Tochter einer farbigen Südafrikanerin während der Apartheidsära auf die Welt zurückgekehrt und im Alter von dreizehn Jahren als Krönung eines von Armut und Gewalt geprägten Daseins von einer Rotte weißer Herrenmenschen zu Tode geschändet worden. Hermann Göring hätte das Schicksal eines jüdisch-orthodoxen Siedlersohnes erfahren. Im vollen Bewusstsein, in Wirklichkeit der dicke Hermann zu sein, hätte ihn sein Vater gezwungen, die Familientradition fortsetzend, Rabbi zu werden. Ebenso wäre es Adolf Eichmann ergangen. Aber nicht nur die Teutonen haben besonders verachtenswerte Exemplare der Spezies Mensch hervorgebracht. Jossif Dschugaschwili, genannt Stalin, wäre als Kindersoldat in Afrika wieder aufgetaucht, und er hätte es weit, sehr weit gebracht, hätte ihn nicht eine Landmine sowjetischer Bauart in alle Winde verweht. Salot Sar, besser bekannt unter dem Namen Pol Pot, wäre als der Milliardenprolet Donald Trump in die Klatschspalten der Geschichte eingegangen, und in der Haut Margret Thatchers steckten niemand anderes als Cecil Rhodes und Bomber Harris … Wladimir Putin wäre der Wiedergänger Robbespierres, und in Nicolas Sarkozys Körper steckten die Seelen Napoleons des Neffen und Gilles de Rais. In der Brust einer aidskranken Cracknutte schlügen die Herzen Kaiser Bokassas und Idi Amins, und Iwan der Schreckliche wäre in einem Flüchtlingslager in die Welt zurückgeworfen worden … Meine lieben, lieben Nachbarn spähen, hinter albinoweiß bis mausgrauen Gardinen versteckt, aus den Fenstern hinaus, alle spähen und lauschen sich gegenseitig aus, alle bis auf Vitrea Fracta von schräg gegenüber. Sie beobachten mich, alle außer Vitrea Fracta, ich spüre ihre hassheißen Blicke wie fauchende Schneidbrenner auf der Haut, sie notieren in eigens dafür vom Grabbeltisch gefischten Notizheftchen: jede Regung, jede Bewegung, mit Datum und Uhrzeit. Und dann rufen sie die Schergen und melden gehorsamst: „Er faulenzt schon wieder … immer noch, er glotzt aus dem Fenster, er beobachtet mich. Los, verhaften Sie ihn, erschießen Sie ihn, er hat es auf mich abgesehen!“‘

Plötzlich schwappten Wellen der Bewegung in die Gasse, das Stillleben vor den Augen des Alten zerbrach wie das zarte Eis unter einem übergewichtigen Schlittschuhläufer. Schräg gegenüber öffnete sich eine Tür; ein Mann trat auf die Straße, ein Unbekannter, ein nie vorher Gesehener mit einem Teppich auf der Schulter, eine Last, die ihm, so sah es aus, schwer zu schaffen machte. Der Alte beugte sich so weit wie möglich aus dem Fenster. Er spitzte seine Sehsinne wie ein hungriger, kreisender Adler über seiner Beute. Und er sah, oder vielmehr: er glaubte zu sehen: Beine, oder vielmehr Beinteile, will heißen: untere Unterschenkel, Fesseln und Füße, beschuhte Füße, Frauenfüße, Füße, so zart und zerbrechlich wie die der Vitrea Fracta, seiner Vitrea Fracta. „Alarm!“, schrillte es im Kopf des alten Mannes, „Alarm!“, schrillte es aus seinem Mund heraus. Ein Adrenalintsunami spülte den Alten vom Fenster hinweg durch die Stube in den Flur und vom Flur ins Treppenhaus. Er hetzte seine alten Knochen die alten, durchgetretenen Stufen des Treppenhauses hinab und hinaus auf die Straße. Wie ein junger Windhund jagte er seiner Beute nach, die sich an einem Wagen zu schaffen machte, wie ein wütender Bär warf er sich auf den Mörder seiner Liebsten und brach, vom Infarkt getroffen, zusammen. Und während er die Augen ein letztes Mal auftat, während er, der an Land gespülte Fisch, nach Luft japste, blickte er auf seinen kleinen, engen Ausschnitt der großen, weiten Welt: auf die krumme, alte Gasse, auf die gebeugten, hinfälligen Häuschen, er blickte in die gehässigen, schadenfrohen Augen seiner herbeigeeilten Nachbarn und in die milden, mitleidigen, wenn auch versoffen verschwommenen der Vitrea Fracta, seiner Vitrea Fracta, doch alles, was er sah, verstand er nicht, weder die Gasse, das spärliche Leben auf ihr und in den gebeugten, hinfälligen Häuschen, noch die Ferne, den Horizont. Er wunderte sich nur, er staunte, er schüttelte den Kopf: ungläubig, zweifelnd, bangend und hoffend ...

 

Die Mieterhöhung

Das Haus hielt den Atem an, es bewegte sich nicht, es wollte nicht erkannt, nicht gesehen werden. Wenn es möglich gewesen wäre, hätte es sich klein gemacht, es hätte sich sehr, sehr gern zu Boden geworfen, hätte Baulücke, Brandruine gespielt, als sein neuer Eigentümer, der Krawattenkapitän, erschien. Dieser gefiel sich in karikaturhafter Überbetonung seiner wenig entwickelten Männlichkeit, und so nahm der kleine Mann, das Männchen seine Beute mit Feldherrenmiene, in Feldherrenmanier in Besitz. Mit hoch erhobenem Haupt, vorgeschobenem Unterkiefer und weit, sehr weit ausholender Geste präsentierte er den im Waschkeller versammelten Mietern eine gepfefferte Mieterhöhung. Der Krawattenkapitän verzog keine Miene, als sich ihm die Frauen, die Alten und die Jungen, flennend und flehend zu Füßen warfen. Im Namen des Profits seien alle Mittel recht, zischte der Krawattenkapitän, und wem das nicht passe, könne gehen. Schließlich seien sie freie Menschen eines freien Landes. Dann - es war nicht sein erster Fehler an diesem Tag, einem dunklen, windig-verregneten Wintertag - kehrte er den Opfern seiner Gier den Rücken zu, er wandte sich zum Gehen. Plötzlich spürte der Krawattenkapitän einen Schlag auf dem Hinterkopf und sank tödlich getroffen zusammen. Es war der sagenumwobene stumpfe Gegenstand, mit dem der Spekulant zur Strecke gebracht, zur Hölle gejagt wurde, aber es war nicht die Wut der Mieter, es war kein Baseballschläger, keine Eisenstange, sondern ein Stein, der sich aus der heruntergekommen Mauer über dem Türsturz gelöst hatte. Und es war einzig ein kleines, asthmatisches Mädchen, ein Engelchen, das, in einer Ecke mit seiner Puppe spielend, in der allgemeinen Aufregung einen leisen Luftzug spürte, als ob das Haus, ihr Haus, befreit aufgeatmet hätte.
 

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