3 neue short stories von Rüdiger Saß

Montag, 16. Januar 2017 um 22:54 - futziwolf

Im Wald der wilden Schweine
Der letzte Neandertaler
Links und rechts


 

Im Wald der wilden Schweine

Im Vordergrund die Salamibucht, im Hintergrund der Schwafelberg mit seinem Wald der wilden Schweine auf dem Buckel. Im Wald lungern Halbgierige herum, Kettensägenphilosophen in zu großen Uniformen, keine Elitetruppen, soviel ist sicher, bestenfalls Mittelmaß, wenn es ihnen denn einmal oder ein ums andere Mal hochkommt. Ihr seid ja auch noch alle da, sagt einer der Mittelmäßigen zu den Grabsteinen - vielmehr ein Spucken als Sprechen - er spuckt auf Grabsteine wie auf gute alte Feinde, Steine, die nur er sieht und sonst niemand. Wahrlich eine nicht alltägliche Fantasieleistung im Zeitalter der Maschinenmenschen, die den Neid der anderen Kettensägenphilosophen wie ein Gewitter heraufbeschwört, das sich vorerst hinter anerkennendem Kopfnicken und offenem Applaus verbirgt. Der so Bedachte lässt sich nicht beirren: Dick bist du geworden, spricht der Spuckende zu seinem Lieblingsbaum. Man kennt sich, man grüßt sich, man tauscht Höflichkeiten aus. Plötzlich erwacht ein Telefon aus dem Dornröschenschlaf. Es zwingt seinen Herrn, es sich ans Ohr zu schmiegen, ihm gut zuzureden, obwohl er von der Stimme im Telefon gezwungen wird, sich endlich, in absehbarer Zeit selbstständig zu machen: als Straßenkehrer, als Henker, als sonst was. Die Tage als Kettensägenphilosoph seien jedenfalls gezählt.

Von der nahen Autobahn wälzt sich der Verkehrslärm wie eine Kriegsfront heran, Verkehrslärm wie Trommelfeuer verschluckt den Wald der wilden Schweine, er frisst das Zirpen der Insekten, den Gesang der Vögel, die Gespräche der Philosophen, er verschlingt ihre Gesten, ihre Bewegungen und zuletzt sie selbst. Alles Leben geht im Lärm zugrunde. Zurück bleibt ein einziges, gewaltiges Zittern, das wie ein Affe von Baum zu Baum springt und wie verrückt, wie von Sinnen an den Ästen rüttelt und schüttelt. Der Schwafelberg bebt und mit ihm die Salamibucht, deren Wellen zu Wänden emporwachsen, wandernde Wände, die alles unter sich begraben, was ihnen in die Quere kommt. Und selbst die Sonne scheint zu zittern, selbst sie: ein gleißendgelber Wackelpudding an einem ödemblauen Himmel, der wie eine Fensterscheibe in Scherben fällt.























 



Der letzte Neandertaler

Der Tag bekam schon einen Buckel, als Eigentlich Wie-Immer, ein Wanderarbeiter in Asbest, ein Wetterwahrsager, der auf sein Äußerstes achtet, ins Leben geschissen wurde. Im Hintergrund waschbrettorchestrale Begleitung, auf den Straßen schielende Scheinwerfer. Der Himmel wurde aschfahl und übergab sich, die Sekunden fielen wie dicke, träge Regentropfen, als die Mutter ihr Leibesfrüchtchen seinem Käufer übergab, dem Menschenhändler Kriechgut Vorwärts. Dann schlurfte sie in den Schlaf hinüber, in den festen, feisten Schlaf der Gewissenlosen. Schon lange hatte sie sich damit abgefunden, nicht viel mehr im Leben als Hormone zu besitzen! Kriechgut Vorwärts griff sich die Ware, das Material mit dem Recht des Frecheren. Ein ganzes Kind, ein Neugeborenes, für ein Trinkgeld, für einen Suff, für zwei, für höchstens drei! Mit tausendfachem Gewinn würde er es losschlagen: an einen Kinderschänderring, an ein Bordell … Und so geschah es auch, Eigentlich Wie-Immer ging durch die Hölle, durchs Fegefeuer. Es war mehr als Glück oder Unglück, dass er seine Kindheit überlebt hat, und er, für Kinderschänder als zu alt befunden, auf die Straße gesetzt oder genauer: geworfen, weggeworfen wurde. Dort, auf der Straße, in der Gosse, traf er eines Tages Kriechgut Vorwärts. Dieser hatte sich auf das Vermieten von Wohnungen verlegt, er war Hauseigentümer und Mietwucherer geworden. Menschenhandel betrieb er nur noch nebenbei, zum Zeitvertreib, als willkommenes Zubrot, wenn sich die Gelegenheit bot ...

Kriechgut Vorwärts stolperte auf seinem allabendlichen Verdauungsspaziergang über ein Hindernis, eines, das sich bei näherem Hinsehen als menschliches Strandgut entpuppte. Wer mag wissen, was den Geschäftshai dazu trieb, nicht nur stehenzubleiben, zu glotzen und Witze über das Häuflein Elend zu seinen Füßen zu reißen, sondern es buchstäblich aus der Gosse zu ziehen und auf die Beine zu stellen. Hatte er sein Herz entdeckt, ein Gewissen in seiner Brust, in der Magengrube, in seinen Eingeweiden, oder spürte er, dass er Eigentlich Wie-Immer nicht zum ersten Mal begegnet war? Wie dem auch immer sei, Kriechgut Vorwärts nahm sich des Wanderarbeiters in Asbest an, er gab ihm Unterkunft, er vermittelte ihm Arbeit, schlechte, schlecht bezahlte Schufterei, aber immerhin. Das Einkommen reichte, um Miete, Strom und Wasser bezahlen zu können, es reichte für Kleidung vom Grabbeltisch, von der Stange, es war genug, um nicht zu hungern, zu verhungern ... Wusste es der Geier, wussten es die Wolken, wusste es der Wind, warum sich Eigentlich Wie-Immer nicht wohl in seiner Haut, seinem neuen Zuhause, in seiner neuen Umgebung fühlte. Er jedenfalls wusste es nicht. Und anstatt seinem Retter und Vermieter Gefühle der Dankbarkeit entgegenzubringen, kam er sich, sobald er in seiner Nähe war, wie jemand vor, der von einem Zug oder Laster überrollt wird … oder wie ein abgestürzter Bergsteiger, der in einer Felsspalte zappelt … Die Temperatur fiel unter den Gefrierpunkt, sobald Kriechgut Vorwärts auftauchte, ob in eigener Person oder nur in der Erinnerung …

Es schien, als ob sich alle und alles gegen ihn verschworen hatten. Seine vier Wände hatten Ohren, sie schienen ihn auszulauschen, sie hatten Augen, die jedem seiner Schritte folgten, und sie hatten Mäuler, die sie sich über ihn lärmend und bei jeder Gelegenheit zerrissen, die ihn verpfiffen, denunzierten, bei der Obrigkeit, bei seinem Vermieter, bei Kriechgut Vorwärts … Auf der Straße ein ähnliches Bild. Die Alleebäume standen schweigend, wie tot herum. Eigentlich Wie-Immer argwöhnte, sie stellten ihre Gespräche, ihr Rauschen ein, sobald er die Straße betrat. Sie verhielten sich wie eine gute, eine ehrenwerte Gesellschaft, die sich plötzlich und unvermutet einem Ausgestoßenen gegenüber sah. Wenn sie es gekonnt hätten, würden sie ihm den Rücken zugekehrt haben. Sie hatten ihm nichts zu sagen, nichts mitzuteilen außer ihren Hass, ihre Ablehnung, sie verhielten sich abweisend, wie abwesend, sie, die Bäume und die Häuser, die sie bewachten, denen sie Schatten und eine Augenweide boten. Diese Häuser! Sie wirkten so klein, so niedrig, so griesgrämig grau und verbissen, so eingefallen und heruntergekommen wie ihre Bewohner, wie Kriechgut Vorwärts und Eigentlich Wie-Immer … Sobald dieser die Straße, die Allee betrat, duckte er sich wie jemand, auf den hinterrücks geschossen wird, er duckte sich unter den schiefen, scheelen Blicken, die auf ihn zielten wie der Jäger auf das Wild.

Er wusste, dass er auf den Weg ins Unglück, ins Verderben war, sein letzter Weg im Leben vielleicht, zumindest der letzte in Freiheit. Wenn er es sich jetzt nicht anders überlegte, wenn er seine Schritte nicht umlenkte, würde er, das Opfer, zum Täter werden. Kriechgut Vorwärts hatte ihn zu einem Verbrechen überredet. Mit der Logik einer Milbe hatte er Eigentlich Wie-Immer bearbeitet: Nur einmal im Leben kein Opfer sein, nur einmal die Ohnmacht, das Unten, mit der Macht, dem Oben, vertauschen, nicht Angst und Schmerzen zu empfangen, sondern zu spenden! Zudem winkte ein Jahr Mietfreiheit, wenn er eine alte Vettel, einen Stein des Anstoßes beseitigen würde, er sollte das Unabwendbare, den Tod, beschleunigen, das Sterben der Frau zeitlich vorverlegen. Mehr nicht, aber auch nicht weniger!

Es war später Nachmittag, Feierabend. Auf den Straßen herrschte ein Verkehr, der an dichtes Schneegestöber erinnerte, in seiner Aggressivität an Krieg, an handfeste Auseinandersetzungen … Sämtliche Flaggen, selbst die vor Tankstellen und Schnellfraßfilialen hingen auf Halbmast, als ob sie wüssten, was Eigentlich Wie-Immer vorhatte, als ob sie nicht schon die Tat, sondern das Vorhaben, die Absicht, den Entschluss dazu betrauerten. War es Nebel oder waren es Abgase, Auto- und Industrieabgase, die die Sicht trübten? Vögel fielen vom Himmel, aus der Himmelssuppe, von Bäumen und Dächern …
 
Schließlich sah sich Eigentlich Wie-Immer in einer Mietskaserne wieder. ‚Niedrige Decken, niedrige geistige Horizonte‘, dachte er. Dachte er mal wieder etwas … Es war eine billige, heruntergekommene Absteige, sie glich seinem Haus wie aufs Haar, Gelsenkirchener Barock, schnell und lieblos hochgezogener, sogenannter sozialer Wohnungsbau von anno 1950, um all die Flüchtlinge unterzubringen, die sich nach dem verlorenen Weltkrieg in Restdeutschland auf die Füße traten. Den Killer empfing der Geruch der Armut und Hoffnungslosigkeit, im Flur roch es nach billigem, schlechten Essen und schlechter Verdauung, nach Tod und Verwesung ...

Nachdem er auf eine nikotingelbe Klingel gedrückt hatte, eine Klingel mit dem Namenszug „Gutgenug“, entsicherte er die Pistole, das Mordwerkzeug, das ihm Kriechgut Vorwärts zugesteckt und das er vor den Toren der Metropole, im Wald, ausprobiert hatte. Die Waffe war für ihre Aufgabe vorbereitet, war aber auch er, war Eigentlich Wie-Immer vorbereitet? Er wusste es nicht, er hatte sein Denken abgegeben, abgelegt, spätestens an der Haustür, allerspätestens an der Wohnungstür. Niemand öffnete. Also klingelte er noch einmal. Und sah, dass die Tür nicht verriegelt war. Also öffnete er sie, er schob sie auf, vorsichtig wie ein Archäologe die Tür zu einer Grabkammer … und ging hinein, auf leisen Sohlen, wie ein Löwe, der sich an seine Beute anschleicht. Sobald er die Wohnung, eine nikotingelbe Müllhalde betreten hatte, duckte er sich wie jemand, auf den hinterrücks geschossen wird, er duckte sich unter den schiefen, scheelen Blicken der unzähligen Fliegen, schiefe, scheele Blicke, die auf ihn zielten wie der Jäger auf das Wild. Der Killer wusste, dass er auf den Weg ins Unglück, ins Verderben war, sein letzter Weg im Leben vielleicht, zumindest der letzte, der vorletzte in Freiheit ...

Die Wohnung war klein, eng und niedrig, der Gestank stach wie ein aggressiver Bienenschwarm. Der Raum, der sich an den Korridor anschloss, verfügte über alle Bestandteile eines gemeinhin als „Wohnzimmer“ bezeichneten häuslichen Lebensmittelpunktes: Couch, Couchtisch und Fernseher. Der Fernseher lief und lief wie ein Marathonläufer, weit und breit war er der einzige, dem der Begriff „Arbeit“ etwas sagte. Denn auf der Couch saßen zwei unbewegliche Wesen, niedergestreckt von Bier und Schnaps, wie festgenagelt am schwarzen Brett der Ewigkeit, mit erloschenen, runtergebrannten Zigarettenkippen im Mundwinkel. Das eine Wesen war offensichtlich tot, vor längerer, vor langer, langer Zeit verreckt, die ausgetrocknete, mumifizierte Leiche einer mittelalterlichen Frau, in deren Ohren und Nase Fliegen und Maden aus- und eingingen. Auch das Wesen neben der Toten schien nicht von dieser Welt zu sein, aber am Leben, noch, eine Mischung zwischen Mann und Frau, ein Zwitterwesen unbestimmbaren Alters. Eigentlich Wie-Immer schluckte einen scharfen, magensauren Ekel, dann trat er dem Zwitter auf die Füße. Als dieser, jäh aus dem Saufkoma vertrieben, den Eindringling und dessen Waffe sah, lachte er und lachte: „Da bist du ja endlich! Wie lang hab ich auf dich gewartet ...“ Doch anstatt das Jammertal seines Daseins endlich, endlich verlassen zu können, musste er erzählen, aufklären. Und so erzählte er, er klärte Eigentlich Wie-Immer auf. Der Mumie gehöre die Wohnung, sie heiße Gutgenug, und er schwur, sie sei schon tot gewesen, als er sich bei ihr „eingemietet“ habe. Er kenne sie von früher, eine alte Bekannte, keine Freundin, eine Sauf- und Mitfickgelegenheit, nicht mehr, nicht weniger …

Eigentlich Wie-Immer atmete auf, trotz des Gestanks, trotz des Jammers und Elends um ihn herum, die Last seines Auftrags, seines Tötungsauftrags fiel unversehens von ihm ab, während der Zwitter fröhlich weiterzwitscherte. „Sie war eine schlechte Frau, ein stinkendes Stück Scheiße, das selbst davor nicht zurückschreckte, für einen Suff ihr eigenes Kind zu verkaufen …“ Und dann fiel der Name eines Menschenhändlers, es fiel der Name Kriechgut Vorwärts. Und einen Moment später fiel ein Schuss, und dann noch einer und noch einer …'

 



 

Links und rechts

Ich stehe links des Lärms
Ich stehe rechts des Lärms
Ich stehe links und rechts von Herzinfarkt und Hirnschlag
Ich stecke mitten im Schlamassel
Und Hansi, der sagt nichts dazu
Hansi macht kein` Mucks
Der Hansi, ja der ist ganz still, mucksmäuschenstill

Ich stehe links der Macht
Ich stehe rechts der Macht
Ich stehe links und rechts von Gut und Böse
Ich stecke mitten im Schlamassel
Und Hansi, der sagt nichts dazu
Hansi macht kein` Mucks
Der Hansi, ja der ist ganz still, mucksmäuschenstill

Ich stehe links der Liebe
Ich stehe rechts der Liebe
Ich stehe links und rechts der Illusionen
Ich stecke mitten im Schlamassel
Und Hansi, der sagt nichts dazu
Hansi macht kein` Mucks
Der Hansi, ja der ist ganz still, mucksmäuschenstill

Ich stehe links der Arbeit
Ich stehe rechts der Arbeit
Ich stehe links und rechts der Plackerei
Ich stecke mitten im Schlamassel
Und Hansi, der sagt nichts dazu
Hansi macht kein` Mucks
Der Hansi, ja der ist ganz still, mucksmäuschenstill

Ich stehe links des Lebens
Ich stehe rechts des Lebens
Ich stehe links und rechts der Ewigkeit
Ich stecke mitten im Schlamassel
Und Hansi, der sagt nichts dazu
Hansi macht kein` Mucks
Der Hansi, ja der ist ganz still, mucksmäuschenstill














 

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