3 neue short stories von Rüdiger Saß

Dienstag, 4. April 2017 um 21:21 - futziwolf

Wenn das der Führer wüsste
Hamburgensien
Der Vortrag


Wenn das der Führer wüsste

„Führen Sie auch deutschsprachige Titel?“, fragte ich einen Antiquar in der Altstadt von Haifa. Dieser, ein buckliger Alter in Kaftan und mit weißgrauen Schläfenlocken, spießte mich mit seinen Blicken auf, nachdem er sich von meiner Frage, die ihn aus seiner Umlaufbahn geworfen zu haben schien, halbwegs erholt hatte. Doch dann führte er mich, ohne etwas zu sagen, in die Kellergewölbe, eine prall gefüllte, labyrinthische Schatzkiste, in der mich vor allem ein Konvolut von Tagebüchern auf sich aufmerksam machte. Die krakelige, ungeübte Handschrift der Quartblätter war mir, war der Welt nur allzu bekannt, sie ließ nur auf einen Autor schließen: auf Adolf Hitler. Für den Bruchteil einer Sekunde, die sich wie ein Kaugummi dehnte, sah ich schwarz, dann weiß. Dann erschien auf der Bühne meines inneren Auges der Antiquar, grinsend, messerwetzend, ohne Kaftan, ohne Schläfenlocken, aber mit Buckel in einer deutschen Generalsuniform aus dem Zweiten Weltkrieg. Mein Körper stellte auf Schnappatmung um, und mein Ich suchte zuerst sich, suchte einen Gedanken, irgendeinen und dann noch einen und noch einen, Gedanken, die in Reih und Glied zu dem Satz antraten: „Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen!“

So wurde auch ich aus meiner Umlaufbahn geworfen, von einem Haufen Poesiealbumpapier, von der Handschrift eines mit Bosheit und Brutalität Begabten. Doch dann fing ich mich wieder, fing mein Ich wie mit einem Lasso oder Schmetterlingsnetz wieder ein; ich setzte meine steinerne Geschäftsmiene auf und heuchelte den Puls eines tiefenentspannten Urlaubers. Für einen Witz von Preis, für dreißig Silberlinge überließ mir der Antiquar meine Entdeckung, die Weltsensation. Der Alte atmete hörbar auf, als ob ein Fluch, eine schwere Eisenkette von ihm fiele, als ob sich eine Schlinge um seinen Hals zu lockern, zu lösen begänne. Trotzdem blieb er bei seinem verbissenen Schweigen, das sich auch dann nicht legte, als ich ihn fragte, woher er die Papiere habe. Er schwieg wie ein Grab und spießte mich mit seinen Blicken auf.

Mein Entschluss, die Aufzeichnungen zu vernichten, stand von vornherein fest, und er festigte sich mit jeder Zeile, die ich las, die ich lesen musste. Nur ein beliebiges Beispiel: Unterm 30. Januar 1943 hieß es: „Aus gegebenem Anlaß heute drei anstatt der sonst üblichen zwei Steaks aus gut abgehangenen Judenbälgern genossen. Sehr zartes Fleisch, zarter als Evas Haut ... Habe Himmler daher befohlen, die SS-Kantinen von Ochs und Sau auf Juden umzustellen.“ Ich erinnerte mich der Hysteriewellen, die die Hirne und Herzen dieser Welt überfluteten, als Hitlers Tagebücher schon einmal aus der Versenkung aufgetaucht waren, eine hysterische Begeisterung, die sich erst legte, nachdem sich die Aufzeichnungen als Fälschungen entpuppt hatten. Der Stutzbartprimat war in aller Munde, er stieg wie Phönix aus der Asche seines Dritten Reichs, der böse Geist war aus der Flasche. Das durfte keinesfalls noch einmal passieren, das durfte ich nicht zulassen, denn das würde - am Ende - das Ende der Geschichte sein. Es lag in meiner Hand.

Noch in derselben Nacht suchte und fand ich in den Hängenden Gärten von Haifa eine einsame Stelle, einen Richtplatz unter Palmen und mit Blick aufs Meer. Nachdem ich den Tagebüchern mit Streichhölzern zugesetzt hatte, fauchten helle, braune, klirrend kalte Flammen auf, Funken flogen wie Geschosse durch die Nacht. Das Knistern des Feuers klang nach dem Horst-Wessel-Marsch, und der dichte, nach Exkrementen stinkende Rauch nahm die Gestalt des Stutzbartprimaten an. Diese stinkende Gestalt wuchs sich zu einem Riesen aus: Zuerst verschluckte sie mich und die Palme, unter der ich stand, dann die Hängenden Gärten, dann ganz Haifa und schließlich die ganze Welt.


























Ubi pus
Ibi evacua
- Hippokrates -

Hamburgensien
Oder Im Neandertal

I.
Ich mag Sonntagvormittage, ihre atembare, abgasarme Atmosphäre, ich liebe die Stille, die Einsamkeit, wenn nicht immer wieder Menschen wie Ratten über die Straßen huschen würden. Day of the dudes. - Kaum ist dieser Gedanke gefasst, beginnt er zu verblassen, liegt wie ein ausgespucktes Kaugummi in der Gosse. Und er fügt sich zu keinem Bild, keinem weiteren, zu keinem Vergleich zusammen, nicht einmal zu einer Abstraktion. Gedanken müssen festgehalten, sie müssen verhätschelt werden wie eine Braut, wie ein kleines Kind, man muss sie an die Leine legen wie einen Hund, sonst laufen sie auf und davon und verlieren sich und verenden: irgendwie, irgendwo. – Es ist also Sonntag, fortgeschrittener Vormittag. Passanten stolpern mir vor die Füße, zwischen die Beine, Zierpuppen, die Nasen so hoch gereckt, dass sie jeden Moment nach hinten zu kippen drohen. Die Luft dampft und zittert von akustischen Abgasen, Verbalsmog, der jeden Grenzwert spielend und speiend überspringt. Nun höre sich einer dieses laut auffurzende Arschloch an! Und wie das stinkt: die hormonübersättigte Stimme eines Chefs, eines Führers, eine Traktoren- und Bohrmaschinenstimme, ohne das leiseste Zittern eines Selbstzweifels. Bevor ich von dem Gelaber Geschwüre bekomme, bevor ich von den Schallwellen verschluckt werde, versuche ich, ihnen, so schnell es meine Beine erlauben, zu entkommen. Es wird zu viel drauflos geredet: Meinungen machen die Runde, Mutmaßungen schießen ins Kraut, Unkraut im Garten der Vernunft. Selbst die Selbstgespräche der Einsamen, der Ausgestoßenen vervielfachen und verviehen sich. Nicht mehr lange und die Deutschen grüßen wieder mit einem herzhaften „Heil Hitler“!

Die Sonne scheint, die Augenlider senken sich, mein Geist schläft ein … Die Ruhe kehrt zurück. Sie wirkt wie ein Fernblick von hoher Warte bei frischer, klarer Luft ...

Ich sehe einen, der es nötig hat, einen schlechten Witz in Hemd und Hose, dem eine Halbnackte in die Augen springt, am helllichten Tag, eine Plakatschönheit an einer rotierenden Litfaßsäule. Wie von fremder Hand geführt, nestelt er seine Litfaßsäule aus der Hose und handhabt sie wie eine Luftpumpe. Und während er pumpt und pumpt, folgt er der sich drehenden Plakatgrazie, die sich allem Anschein nach seinen Blicken, seinem Zugriff zu entziehen sucht. Sie dreht und dreht sich, ohne ihr Lächeln zu verlieren, immer schneller, während der, der es nötig hat, ihr auf den Fersen bleibt und solange pumpt und pumpt, bis es dem Schicksal zu bunt wird und ihm ein Bein stellt.

Die Sonne trübt sich ein und mit ihr meine Gedanken, meine Gefühle. Ängste ziehen auf, eine dunkle, drohende Gewitterfront. Schon zucken Blitze, und der Donner lässt sich nicht lange bitten: In Hamburg passiert es immer mal wieder, dass ein Tempokrimineller die Gewalt über sein Vehikel verliert. Dann rast er gern einmal in eine Gruppe Wartender an einer Bushaltestelle und jagt sieben, acht Menschen zur Hölle, manchmal, an guten Tagen, heißt es auch: Alle Neune!

Richtfest für einen Wohnwürfel, ein graues Betonskelett mit rot verklinkerter Fassade, mit Tiefgarage, Richtfest im toten Winkel: Eine Combo sorgt für Rhythmus und unwillkürliche Erektionen und Alkohol für den Rest. „Verdichtung“ bedeutet unter anderem, dass jeder Ort, der sich auch nur im Entferntesten als Baulücke eignet, umgehend mit Baggern, Kränen und brüllenden, zu allem bereiten Bauarbeitern besetzt wird. Es schießen containerartige Häuser, überwiegend Mehrfamilienbunker aus dem Boden von Parks, Sport- und Kinderspielplätzen, Hinterhöfen, auf den Trümmern „über Nacht“ abgebrannter Häuser ... Garagenarchitektur, recht winklige Betonexzesse für die, die es sich leisten können. Jenen, die das nicht können, winken die billigen Plätze: die Vorstädte, das Land, die Obdachlosigkeit, der Tod.

 

 

 

 

 

 

 

 




 

 







... Wenn man sie so sitzen sieht, wie Vieh am Futtertrog, schwitzend und schnaufend, schmatzend und schlingend, über ihren „Fastfood“ genannten Fraß gebeugt, dann drängt sich der Gedanke auf, sie äßen nur, damit sie kacken können ...

... Das Gedanken- und Gefühlsgewitter verzieht sich, und Mütterchen Sonne lässt sich wieder sehen: Sich in den Haschurlaub verabschieden, sich vor den Fernseher pflanzen und in Richtung Dopingstrampler bei der „Tour des Pharmacies“ „Das habe ich auch schon mal schneller gesehen“ hauchen; sich zwischen Kilometer Einhundert und Kilometer Fünfzig auf den Balkon umbetten, falls es das Hamburger Wetter zulässt und der nahen Hauptverkehrsader auf den Puls fühlen, dem Gebrüll aus der allzeit besoffenen Nachbarschaft, den Anfechtungen der Mücken, Bremsen und Wespen mit Ruhe begegnen, mit der Ruhe eines Urlaubers …

Und schon ist der Sonntag, das Wochenende auf und davon. Der Alltag, ein ungewaschener, grobschlächtiger Geselle, nimmt seine Zwangshandlungen wieder auf. Er legt seine Pranken wie eine Kette um den Hals alles dessen, was uns lieb und teuer ist, und drückt zu. Die Luft vibriert vor Lärm, Gestank und Tatendrang. Wer eine Maschine hat, nimmt sie zur Hand. Wer mehr Maschinen hat, bedient sich entweder helfender Hände oder bedauert, nur zwei Hände zu haben. Die Stadt eine Nekropole voller Zombies und Adrenalinjunkies: blutarmes Gesindel, Hanselstadt Hamburg. Protzmobile verstopfen die Straßen, drängelnd, stinkend und lärmend, Generation Display in immerwährender Bewegung, Eitelbeulen, den Weg des Geldes gehend, starre, unbewegliche Visagen, wie aus einem Fels oder Eisblock gehauen. Auf den Fußwegen, den „Freakways“, angriffslustige Mütter, die ihre Kinderwägen wie Rammböcke, wie Panzer vor sich herschieben, Hausfrauen auf Kollisionskurs, fest entschlossen, auch nicht einen Zentimeter auszuweichen. Im Hafen drücken sich Kreuzschiffe die Klinke in die Hand, Schwerölschwaden ausatmende, schwimmende Hoteleisberge ...

Und so sehen sie mich wieder: eine zerbombte, verfallende Ruine, mit zerkochten Nervennudeln, zuckend und zappelnd wie unter Elektroschocks, meine umfassende Neurosensammlung, meine Macken zur Schau stellend, wie ein Museum: Bitte Abstand halten, bitte, bitte nicht berühren! Und schon bin ich wieder weg, tauche ab in einem aufgewühltem Meer von Köpfen, ein Hohlkopf unter Hohlköpfen, die letzten, die allerletzten Reste von Lebenslust zusammenkratzend.
 

II.
Die Straßen werden von Bäumen und Häusern bewacht, von verklinkerten und verputzten Menschenameisenhügeln. Von morgens bis abends krachende, qualmende Autokarawanen, Menschen, denen nichts schnell  genug gehen kann, die sich durchs Treten des Gaspedals fit zu halten versuchen, Fußgänger im Nähmaschinenschritt ... Der Feierabend, der Ruf des Fernsehers, der Drogen und des Bettes, fegt die Straßen leer: von ausufernden Nasenhaarlandschaften, von hysterischen Kackfaltern, von Hektizecken in zerschlissenen Humorkostümen ... Die neuesten Moden: Hochbunkerarchitektur, Asbestbonbons im Karamellmantel, Rülpsen und Weitscheißen vom Dreimeterbrett, zu Zwiebelpinsel hochfrisierte Haare über vernagelten Köpfen, darin stinkender, abgestandener Nationalstolz und Fremdenhass … Es ist acht Uhr abends, Beginn des Spießers bester Fernsehzeit: Opium fürs Volk, Kitsch mit einem gehörigen Schuss Schwachsinn … und Bier … und Schnaps ... In den Nachrichten Kriege, Katastrophen, wie immer garniert mit meteorologischen Dauerlamentos. Und als Echo auf all die wirklichen und vermeintlichen Bedrohungen machen Meinungen die Runde, Hektizecken und Hysteriker, die ihren Stuhl, ihren menschen-, ihren lebensverachtenden Hass, ihren Frust ins Internetz, in die Tasten tippen, virtuelles Gekritzel und Geschmiere, geistig und seelisch entweder Halbgares oder Zerkochtes, für das sich selbst Primaten, Milben und Maden schämen würden ...























Auch ich gehe bis an die Grenze meines Geistes, ein Niemandsland im Dauernebel, eine stacheldrahtgesicherte Eiswüste, gepflastert mit den Minen meiner Vorurteile, mit den Selbstschussanlagen meiner Ängste. Die Grenztruppen, rekrutiert aus dem Gefühl der Vorsicht, der Feigheit, stehen unter dem Befehl meines Hasses, eines tollwütigen Wolfes. Er lässt sie, bis an die Zähne bewaffnet, den Grenzzaun bewachen, damit kein noch so flüchtiger Gedanke, kein noch so kleines Gefühl weder eindringen noch entwischen kann. So will es die Volksschädlingsverordnung. Sie will, dass geschossen wird, ohne Vorwarnung, sie will keine Gnade, keine Gefangenen!

Mich friert es im Sommer, ich schwitze im Winter – vor Scham. Ich fürchte mich mitten im Frieden, ich fürchte mich um der Furcht willen, ich, eine fette, feige Made im Wohlstandsspeck. Der Boden unter meinen Füßen schwankt, ein doppelter Boden, und er schwankt schon mein ganzes Leben lang. Risse und Spalten tun sich unter mir auf, Abgründe gähnen, und eine Stimme ruft immer und immer wieder aus der Tiefe zu mir herauf, ich solle springen, springen, springen ... Mein Magen dreht sich, wenn ich daran denke, mein Magen ein brodelnder Hexenkessel. Ich suche Halt und finde Haltlosigkeit, doppelte, schwankende Böden ... Ich ziehe den Zaun, den Grenzzaun um meinen Geist immer enger und enger ... Ich strauchle und stolpere über meine Beine aus Stacheldraht und falle ins Bodenlose, bis mir die Luft wegbleibt, bis mir Hören und Sehen vergeht ...

Charakter habe ich nicht, ich habe nur Neurosen … und Haare, die mir aus Ohren und Nase hervorwuchern, Haare, groß und stark wie teutsche Eichen. Ich habe keine Haltung, ich bin haltlos. Wenn es hoch kommt, nehme ich Haltungen an, fremde, nachgemachte, aufgeschnappte; ich steige auf ausgetretene Standpunkte, springe auf Meinungen anderer wie auf Trittbretter, in der Regel auf die Meinungen der Menschenmehrheit, Meinungen, die mit dem Wetter wechseln, mit den Nachrichten in den Medien für die Massen. Und nur die Angst, der Frust, der Hass und die Vorurteile bleiben sich treu, bleiben gleich, über Generationen hinweg.

Oma starrt aus dem Fenster ihrer Altbauwohnung im ersten Stock. Sie starrt auf einen Punkt auf dem Wohnblock gegenüber, auf einen Punkt, auf Landschaften, auf Menschen und Ereignisse, die nur sie sehen kann, Oma starrt und starrt, eine vollgekackte Windel, eine Windel für Erwachsene in der Hand. Und wenn der Wind, ein unsteter, nervöser Vogel, der mir auf den Geist geht, nicht wäre, würde ich meinen fetten, faulen Körper auf dem Balkon braten, würde ihn von der Sonne schmoren und dünsten lassen. Nicht dass ich die Beweglichkeit und Unbeschwertheit meiner Jugend vermisste, das Gefühl der Unbesieg- und Unverwundbarkeit, das Gehabe, als sei man eine Katze mit sieben Leben, als sei man soeben durch die Pforte des ewigen Lebens getreten. Denn dann würde ich auf den Wind pfeifen, würde den Wind in den Wind schlagen, würde keinen Wind um den Wind machen ... Achtung Lippenleser! Vor Selbstgesprächen wird gewarnt, vor lauten Selbstgesprächen am offenen Fenster …

Unter mir gähnt ein vierstöckiger Abgrund wie ein abgearbeiteter Proletarier. Auf den Fußwegen liegen Giftköder aus, Schokoladentafeln mit Arsenfüllung. Die Regierung hat den Dicken, allen sich auf dem Fresspfad Befindlichen, den Kampf angesagt. Sie seien zu teuer, sagt man mit Nachdruck, sie seien „Ballastexistenzen“, heißt es im Fernsehen, im Radio, in Zeitungen und Zeitschriften und auf riesigen Plakaten, sie fielen mit ihren Krankheiten als Folge ihrer Fresssucht der „Solidargemeinschaft“ zur Last … Oma steht immer noch mit ihrer Windel da und starrt, mit ihrer zum Himmel stinkenden Windel. Sie heißt Nettnä, oder Scherzberg oder so, das sind die Namen, die Nachnamen auf den Klingelschildern, die ich ihrer Wohnung zugeordnet habe. Denn ich habe nachgesehen, eines Tages. Eines Tages habe ich erst mich, dann mein Treppenhaus überwunden, habe die Straße überquert und nachgesehen, habe die Namensschilder neben den Türklingeln studiert. Ich sehe Oma seit Jahren, Tag für Tag steht sie am Fenster, morgens gegen neun Uhr, wenn sie sich und ihr Schlafzimmer lüftet, dann steht sie da mit ihrer Windel und starrt … und starrt. Da will man doch irgendwann wissen, wie sie heißt, will dem Gesicht einen Namen geben. Schließlich lebt man, wenn schon nicht mit-, so doch nebeneinander. Da stellt sich doch so etwas wie Nähe, menschliche Nähe ein, wenn sich ein unbekanntes Gesicht in ein bekanntes verwandelt, etwas Beliebiges, Austauschbares in etwas Einzigartiges, Unverwechselbares ...
























III.
Wohnzimmerstillleben in bierflaschenbrauner Optik: Der Fernseher thront auf einem Tisch, auf einer Anrichte an der Wand und läuft … und läuft und läuft … Nachrichten aus den Schlachthäusern der Welt, aus den Kloaken, den Latrinen menschlicher Bosheit, Eitelkeit und Gier … Sirenen drängeln aus dem Hinter- in den Vordergrund, Feuerwehr-, Polizeisirenen, ein bleiernes, betäubendes Geheul, wie ein Sturm vorüberziehend, wie ein Überfallkommando, das mit aller Macht zuschlägt und wieder verschwindet, trommelfeuernde akustische Sprengsätze, einen Nachhall absoluter Leere und Verlassenheit, ein Vakuum hinterlassend … eine stinkende Schleimspur … Der Wind haucht durchs geöffnete Fenster, mit der nikotingelben Gardine spielend. Mit dem Wind zieht auch die Sonne ins Zimmer: schüchtern, zögernd zuerst, blinzelnd, dann aber mit aller Selbstverständlichkeit und Selbstgewissheit auf den nackten Dielen hingelagert, ausgestreckt, von den Schatten der sich träge im Wind wiegenden Gardine gestreichelt. Alles im Zimmer, ob Wände, Decke, Fußboden oder Möbel … ist mit einer klebrigen Teerschicht überzogen, in Erdfarben getaucht, das Werk zehntausender krepierter Zigaretten … ein Anblick wie durch bierflaschenbraune Brillengläser hindurch … ein Blick, dann noch einer und noch einer auf ein Aquarium, auf einen großen, gläsernen Wasserwürfel auf einem Tisch, einer Anrichte in der Ecke, die Sicht, die freie Sicht auf einen Goldfisch, seinen einzigen Bewohner, der mit dem Bauch nach oben an der Wasseroberfläche dümpelt … und auf einen Menschen, eine Leiche, die - vom Gestank her geschlossen - seit längerem … seit langem mit dem Oberkörper im Aquarium, im Wasser liegt. Und dann schweift der Blick vom Aquarium zur kunstledernen Couch und zum Couchtisch, zu den auf dem Tisch zur Großstadtsilhouette zusammengestellten Schnaps- und Bierflaschenskeletten, zu der Zigarette, die zwar angesteckt wurde, aber dann im Aschenbecher vor sich hin gekokelt hat, ohne geraucht worden zu sein – was für ein qualvoller, sinnloser Tod! Der umherschweifende Blick bleibt auf einem Blatt Papier auf dem Tisch, einem Fremdkörper in dieser Umgebung, hängen, ein herausgerissenes, kariertes Ringbuchblatt, ein Abschiedsbrief an eine gleichgültige, vergessliche Nachwelt, mit ungelenken Sätzen besudelt, mit Worten, wacklig wie die ersten Schritte eines Kindes: „Adolf Hitler, mein Goldfisch, ist ins offene Meer hinausgeschwommen. Höchste Zeit für mich, meinem Führer hinterher zu schwimmen.“

 

 

Der Vortrag

Es war an einem feuchten, nicht zu kalten Oktoberabend, als ich mich entschloss, mal wieder am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Der Gastvortrag eines Sozialwissenschwaflers lockte mich aus meiner Höhle, meiner Einsiedelei hervor. Als ich den Veranstaltungsort, eine Schulklasse, betrat, verarbeitete ich noch das zuvor, auf den Straßen Erlebte. Ich vermisste die Blätter an den Bäumen, ihr Winken und Säuseln im Wind … ich vermisste die Blätter, lange bevor sich das letzte von ihnen in den Tod gestürzt hatte.

Ich kam wie immer zu früh, viel zu früh! Zeit genug, sich für einen der vielen wartenden Stühle in den hinteren Reihen zu entscheiden, Zeit genug, um den Blick schweifen zu lassen, um die neue, fremde Umgebung abzuklopfen: nach möglichen Gefahrenherden, nach bekannten, Sicherheit spendenden Gesichtern ... Das spärliche Publikum setzte sich aus in die Jahre gekommenen und kommenden Außenseitern zusammen, Leute, die mit dem bürgerlichen Leben da draußen so ihre Probleme hatten. Das gefiel mir, nicht nur, weil auch ich in die Jahre kam, sondern hauptsächlich, weil auch ich davon besessen war, mit der Gesellschaft so meine Probleme zu haben. Ich glaubte mich auf vertrautem, sicherem Gelände zu bewegen, ich wusste aus Erfahrung, was von diesen Menschen zu erwarten war, ich kannte ihre Regeln, ihre Sprache, ihr Verhalten. Es herrschte eine Stimmung wie kurz vor Beginn einer Unterrichtsstunde.

Schließlich waren wir in einer Schule, und die Umgebung soll bekanntlich das Verhalten beeinflussen. Die Leute waren also laut und hippelig, aufgeregt wie ihre Enkel, wie kleine Kinder, brabbelnd und sabbelnd, hin- und herlaufend … Ich vertrieb mir die Zeit mit einem Ausflug zum Büchertisch, einem unvermeidlichen Requisit bei Vorträgen aller Art. Was ich zu sehen bekam, hatte ich schon zu oft gesehen: Neuauflagen anarchistischer Klassiker, Bücher und Broschüren, die ihre Neuheit bereits vor hundert, hundertfünfzig Jahren eingebüßt hatten, Bücher, die mir das Gefühl gaben, in der Zeit festzustecken, im Vakuum eines ungünstigen, zu einer Ewigkeit ausgedehnten Augenblicks.

Um es vorwegzunehmen: Ich kannte den Referenten bislang nur aus seinen Schriften, die von einer überholten, statischen Begrifflichkeit getragen werden, Begriffe aus der Trickkiste der Philosophie, die ihre Kraft bereits vor hundert, hundertfünfzig Jahren verloren hatten. Ich hatte kein Bild von seiner Person in meinem Gedächtnis archiviert, ich wusste lediglich, dass er alt war, sehr alt sogar. Und so wunderte es mich nicht, als ein kleiner Kerl hinterm Lehrerpult zum Vorschein kam, so klein, so unscheinbar, dass er mir vorher nicht aufgefallen war, obwohl er dort die ganze Zeit gesessen haben musste: ein für sein biblisches Alter erstaunlich gut erhaltenes Exemplar der Marke Mensch. Der kleine Mann verströmte plötzlich die Aura eines nahbar Erhabenen, ein Heiliger zum Anfassen. Die Spannung stieg: Jeden Moment würde er das Füllhorn seiner Weisheit in den Raum, über uns ausschütten, würde der Raum, würden wir im Glanz der Erkenntnis, der Wahrheit erstrahlen. Doch dann folgte Ernüchterung, ein Fenstersturz aus dem erträumten Paradies, es folgte der Jürgen-Habermas-Effekt: Der Vortragende begann zu sprechen. Ich verstand kein einziges Wort von dem, was aus dem Mund des Alten heraustropfte. In den sechzig Jahren, die er, der Emigrant, in diesem Land gelebt hatte, hatte er zwar allerlei gelesen und gelernt, jedoch keine klare und deutliche Aussprache. Dafür scheint die Zeit nicht gereicht zu haben, dafür würde er noch einmal sechzig Jahre brauchen, mindestens. Und so dampfte der Raum von akustischen Abgasen, die jeden Grenzwert übersprangen.

















 







 



 

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