50 Jahre Robert Bosshard im Ruhrgebiet

Samstag, 2. Dezember 2017 um 21:25 - futziwolf

Die fünfzig Jahre lange Reise des Schweizers Robert Bosshard durch das Ruhrgebiet


im LOKAL HARMONIE





















 





Adriana Kocijan | Stimme
Attila Csete | Schlagzeug
Robert Bosshard | Stimme, Idee und Text

 

Robert Bosshard in der Presse:
Der Pott filmt

aponaut sonderausgabe "10 tage besser leben" Seite 13 - 17

 



Hier eine kleine Auswahl von Schlagzeilen mutiger und unabhängiger Zeitungen zu der Performance
von Robert Bosshard im TAD-Lokal:

„Robert Bosshards minimalistischer Charme ist unwiderstehlich und transportiert auch unangenehme Wahrheiten an den Selbstschutzanlagen des Zuschauers vorbei“
Neues Rheinland

„Da muss erst einer aus den Alpen kommen, um uns zu zeigen, wie wir unsere post-industriellen Traumata angehen sollen. Allerdings: Nicht irgendeiner, sondern der Bosshard“
Ruhr Rundschau

„Frauenschwarm Bosshard becirct Duisburger Innenstadt“
Der Hausfreund

„Robert Bosshard beweist sich im TAD-Lokal als Spätdadaist mit Qualitätsprädikat und dankenswerterweise vollkommen frei von jenem ärgerlichen, unangebrachten Hippietum, mit dem einige seiner Generationsgenossen noch immer die Kunstwelt verkleistern. Er sei dafür gepriesen.“
Seneca Magazin

„Robert Bosshard zeigt uns den Weg“
der aponaut

„Wunderkind Bosshard (14)! Jetzt sprechen die Eltern.“
Rasant

„Robert Bosshard kommt und das Agentenkollektiv siegt. Retrospektive ist hier der falsche Ausdruck.
Dies ist lebendige Werkschau, und viele junge, mutlose Aktivisten und Kunstschaffende heben erstaunt die müden Köpfe, wenn dieses Feuerwerk losbricht. Die „Bude“ ist lebendig.“
GQ

„Nebenbei: Bosshard ist vielleicht der größte Regisseur, den die Schweiz in Deutschland hat.
In Duisburg konnte man es erleben, und nicht oft darf der Zuschauer einem der ganz Großen bei der Arbeit so auf die Finger sehen. Unter seinen kundigen Händen reifen noch die letzten deutschen Knallchargen vor den Augen eines staunenden Publikums zu ernsthaften Darstellern.“
Swiss revue

„Das Verhältniss zu Räumen klärt der Kollektivagent mit kurzen Worten. Aufräumen ist Bosshards Sache nicht, er nennt das lieber Einrichten. Recht hat er. Aufgeräumt sind wir selber!“
Theater des Westens

„Geld gibt es ohnehin nicht. Bosshard gibt TAD seinen Segen.“
Bäckerblume

„Dieser Mann, der hier erst auf, dann vor, dann neben der kleinen Bühne agiert, erzählt, Filme zeigt, performed, ist unzweifelhaft modern.“
News Online
 


 

Im Nest des Einzelkämpfers


Hinter dem Altbau liegt die kleine Idylle, in der verhaltenen Wildnis, die sich wohltuend abhebt von gezirkelten Grünflächen, hat die Blütezeit begonnen. Inmitten der Kunstwerke, die die Natur jetzt mit ihren Frühlingsfarben bemalt, stehen Bilder, wie sie ein junger Wilder geschaffen haben könnte.

Der „junge Wilde” wird am morgigen Sonntag 70 Jahre. Alt, wenn man die schlohweißen Haare sieht, jung, wenn er den Mund aufmacht, um im sanften Schweizerdeutsch, im Schwizerdütsch oder Schwiizertüütsch, zu erzählen.

Bei aller Lebensklugheit und Lebensweisheit - und dies gilt es bei Robert Bosshard fein zu unterscheiden, der diese Idylle bewohnt - wirkt er so gar nicht altersklug oder altersweise. Vielmehr hört sich seine Aggressivität in der Argumentation, seine Kompromisslosigkeit nur sanftmütiger an. Der Schein trügt und dieses ist wohl der Schweizer in dem heute noch 69-Jährigen, der längst ein Ruhrgebietler ist, der sich einen Einzelkämpfer nennt und der bei allen gruppendynamischen Erfahrungen wohl auch einer ist - zumindest geworden.

In Oberhausen hat er Aufsehen erregt, seit er mit Dr. Marianne Bosshard hier lebt, seit 1971. Zwei Jahre zuvor lernt er die Psychotherapeutin kennen, kurz vor der Geburt der ersten Tochter - Katrin - wird 1978 geheiratet, Marie, die zweite, ist inzwischen 28. Die ältere jobbt als Kulturwissenschaftlerin in Berlin, die jüngere ist Diplom-Soziologin, hat gerade in Bremen ihr Studium abgeschlossen.

Aufsehen, als Filmemacher, Kulturschaffender und Soziologe prägt Robert Bosshard Diskussionen bei den damals hochpolitischen Kurzfilmtagen, er ist alles andere als bequem, man könnte ihn aufmüpfig nennen, was das Gewicht seiner Argumentationen herabsetzen würde. Später, im „Streichquartett”, fällt er mit seinen beiden Künstlerkollegen Ernst Baumeister und Rainer Bergmann durch großformatige Synchronmalerei auf.

Er fühlt sich wohl als professionalisierter Künstler, auch im Arbeistkreis der Oberhausener Künstler, den es damals noch gibt. Als die selbstverwaltete Gruppe auseinanderdriftet, als mit dem Umbau des Schlosses das Studio als Ort für Präsentationen wegfällt und entgegen der Zusagen auch kein neues eingerichtet wird, wird es in Oberhausen ruhiger um Bosshard. Seine Entfremdung vom Arbeitskreis, sich nicht durchgesetzt haben zu können beim Kampf um ein neues Studio, dies bezeichnet Bosshard im Rückblick als eine seiner größten Niederlagen. Die Wunde man spürt es, schmerzt noch.

Was dann beginnt und was im „Agentenkollektiv” bis zu Werner Schrootens Tod andauern wird, ist die logische Folge aus der Niederlage. Wie ein Einzelkämpfer eben besetzt Robert Bosshard eine Nische, findet im privaten Umfeld Sponsoren für seine Arbeit, die beiden drehen Filme, sehen durchs Fenster ihrer Imbissbude am Tor 1 von Krupp Rheinhausen den vergeblichen Kampf um den Erhalt des Stahlwerks. Dass er jetzt praktisch allein ist in seiner Arbeit, dass das Ruhrgebiet sich den Luxus erlaube, künstlerische Tätigkeit nicht wahrzunehmen, es stört ihn nicht: „Die Künstler wissen ja keine Antwort drauf. Und ich bin nicht verbittert. Wenn man sich so im Alltag einnistet wie ich, kann man nicht erwarten, dass man entdeckt wird.”

Robert Bosshard wird am 5. April 1939 in einem kleinen Ort im Kanton Aarau geboren, er wächst auf in Amriswil, einem Schweizer Städtchen nahe dem Bodensee. „Das hat mich schrecklich geprägt”, sagt er heute mit sarkastischem Unterton. Er besucht das Gymnasium, hat Schulprobleme, macht sein Abitur in der französischen Schweiz. In Bern beginnt er ein Betriebswirtschaftsstudium, will eigentlich Gewerkschaftssekretär werden. Bald schon entdeckt Robert Bosshard die Wissenschaft, wechselt zur Soziologie, macht sein Diplom, wird bei seinem Lehrmeister Prof. Urs Jaeggi erster Soziologieassistent an der Universität Bern. Jaeggi schickt seinen Assistenten 1967 als Industriesoziologen an die neu gegründete Ruhruniversität Bochum, drei Jahre arbeitet Robert Bosshard dort, in einer spannenden Phase. Die Zeiten der Hochkonjunktur neigen sich dem Ende zu, Bergarbeiter kämpfen um ihre Existenz, und auch das Revier steuert auf '68 zu.

Um 1970 verlässt Robert Bosshard die Uni. Robert fängt im Stadtplanungsbüro Eisele in Gladbeck an, man berät vor allem Bürgerinitiativen, die in diesen Jahren um den Erhalt alter Siedlungen und der dort gewachsenen, soziokulturellen Strukturen kämpfen. Roberts Schwerpunkt besteht darin, psychisch Kranke vorzubereiten, um sie aus der Psychiatrie zurückzubringen in den „normalen” Alltag. Sieben Jahre bleibt er, im Konflikt scheidet er aus.

Schon in den Siebzigern arbeitet er auch für den Hörfunk, dreht Filme vorzugsweise für den WDR, gründet und leitet in Düren eine Schule für den sozialtherapeutischen Mittelbau. Mitte der Achtziger liefert er einen „Skandalfilm” ab, fällt in Ungnade, findet Freunde in Oberhausen, wo er seit 1971 wohnt, Rainer Bergmann und Ernst Baumeister, mit denen er die Künstlergruppe „Streichquartett” gründet. Als Baumeister nach Berlin geht, löst sich die Gruppe auf, ohne Streit. 20 Jahre kooperiert er fortan mit dem Literaten und Filmemacher Friedhelm Schrooten in einer ehemaligen Rheinhausener Imbissbude im „Agentenkollektiv”. Zurzeit performiert er in der dreiköpfigen Künstlergruppe „Lichtkontrolle” ein multimediales Ruhrgebiets-Panorama. Auch technisch ist Bosshard da längst "autark".
von Michael Schmitz
 

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